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Wi(e)der Angst und Hass

Können wir lernen, mit unserer Angst vor dem Fremden umzugehen? Die Psychologin Verena Kast schreibt über eine der großen Herausforderungen der Gegenwart. Norbert Copray rezensiert das Buch des Monats
Können wir lernen, mit unserer Angst vor dem Fremden umzugehen? Norbert Copray über Verena Kast und ihr "Buch des Monats" bei Publik-Forum. (Foto: luxuz:.photocase.de)
Können wir lernen, mit unserer Angst vor dem Fremden umzugehen? Norbert Copray über Verena Kast und ihr "Buch des Monats" bei Publik-Forum. (Foto: luxuz:.photocase.de)

Hass braucht keine Gründe. Er sucht sie und bastelt sie sich zusammen. Er rechtfertigt sich selbst. Um Hass, Hasstiraden, Hassreden und Hassmails zu erklären, reichen wirtschaftliche und politische Aspekte nicht aus. Sozialpsychologische Ansätze helfen da weiter, am besten tiefenpsychologische Perspektiven. Denn aller Hass beginnt mit Ärger, Destruktivität, Angst vor Fremdheit – in den Menschen. Die renommierte Züricher Psychotherapeutin und Psychologieprofessorin Verena Kast kann auf ihre reichhaltige Praxis, ihre vielen Bücher, auf den tiefenpsychologischen Ansatz von Carl G. Jung zurückgreifen, den sie selbst weitergeführt hat, um in ihrem neuen Buch »Wi(e)der Angst und Hass« diesen Zusammenhang verständlich zu machen.

Kast sieht sich angesichts des zunehmenden Hasses und der wachsenden Angst in der Welt herausgefordert, uns Erfahrungen und Überlegungen nahezubringen, die Hass mindern, ihn überwinden helfen, und der Angst »mit Mut zur Angst und Mut zur Hoffnung« zu begegnen. Das gelingt ihr in diesem Buch exzellent.

Dazu unterscheidet sie reaktiven Hass, der sich oftmals aus Ärger speist, und »Hass als Charaktereigenschaft«, der sich von der auslösenden Situation abgekoppelt hat und auf beliebige Gruppen, Personen oder Objekte projiziert wird. Entscheidend ist für alle, die »Verantwortung für die eigene Destruktivität« zu erkennen, denn deren Elemente gehören zur menschlichen Grundausstattung.

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Wie eine Hassentwicklung aussieht, wie eine »seelische Selbstvergiftung« geschieht und was Therapie zur Überwindung leisten kann, zeigt Kast gekonnt an einem Beispiel. Was chronischer Hass bedeutet, führt ins Zentrum dieses Gefühls und damit zu »Angst und Faszination« des Fremden.

Angst kann zum Fanatismus und zum Fundamentalismus verleiten, so wie leidenschaftliche Engagements blind werden können und dann die eigenen Ideale verraten. Was die Angst mit uns macht und wie wir »lernen, mit der Angst umzugehen«, beschreibt Kast alltagsnah, fokussiert und fundiert. Es geht um unsere Identität eingedenk der Tatsache: »Zu viel Fremdheit vertragen wir nicht. Wir brauchen ein paar Orientierungspunkte, die uns beheimatet sein lassen in einem sich ständig wandelnden Leben.« Kast bietet dazu archetypische Bilder an, die Halt in ständiger Veränderung erschließen.

»Wege aus Hass und Angst« braucht jeder Mensch, um der Destruktivität die »Liebe zum Leben« (Biophilie) entgegenzusetzen, bei sich und anderen. Über eigene Angst und Befremdung sprechen, die eigene Fremdheit erkennen und eingestehen, Orte und Situationen der Zuwendung und der Geborgenheit schaffen und pflegen, die eigenen Werteorientierungen der Menschenwürde, der Gerechtigkeit, des Mitgefühls bekräftigen beugt der Angst vor dem Fremden vor. Wenn wir mehr und häufiger mit Mut zu unserer Angst stehen, bringen wir mit anderen »Mut zur Hoffnung« hervor.

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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 5/2017
Weisheit aus der Wüste
Das spirituelle Erbe der frühen Christen
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