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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 17/2013
Schutzschirm der Seele
Was uns die Kraft gibt, immer wieder aufzustehen
Der Inhalt:

Das neue Lumpenproletariat

von Norbert Copray vom 13.09.2013
Immer mehr Menschen werden schlicht für überflüssig erklärt

Ilija Trojanow
Der überflüssige Mensch
Residenz. 90 Seiten. 16,90 €

Leben auf dem Planeten Erde zu viele Menschen? Was soll erst 2100 sein, wenn zehn Milliarden oder gar 28 Milliarden Menschen den Planeten belasten und nicht nur sieben wie derzeit? Leute, denen es sehr gut geht, halten eine drastische Reduktion der Bevölkerung für dringend erforderlich. Beispielsweise der Microsoft-Gründer und Milliardär Bill Gates, der aber selbst drei Kinder hat. Und der noch reichere CNN-Gründer Ted Turner findet eine Reduktion von 95 Prozent der Bevölkerung »ideal«, hat aber sogar fünf Kinder. »Schuld haben immer nur die anderen«, kommentiert dies der preisgekrönte Publizist Ilija Trojanow in seinem Buch.

Der vielgereiste Autor scharfsinniger Essays, Romane, Reportagen und Sachbücher, Mitglied des deutschen P.E.N.-Zentrums, hält dem entgegen: »Das ökologische Argument, mit dem die notwendige Schrumpfung der Mensch gerechtfertigt wird, fällt bei näherer Betrachtung in sich zusammen. Ein Subsistenz- oder Kleinbauer aus der Dritten Welt lebt samt seinen acht, neun oder zehn Kindern um ein Vielfaches nachhaltiger als ein Großstädter einer Metropole des Nordens« – und als ein Gates und Turner sowieso. Wenn es also um unter ökologischen Aspekten »überflüssige« Menschen ginge, müssten diese zuerst »unter den Superreichen ausfindig« zu machen sein. Weiß, reich und auf der nördlichen Halbkugel lebend: Das sind die Menschen, die den Planeten vor allem belasten.

Doch das Kernproblem ist ein anderes: Die anderen werden zunehmend für verzichtbar gehalten. Im Englischen lautet der Ausdruck für den Verlust des Arbeitsplatzes: »to become redundant«; wörtlich: »überflüssig werden«. Immer mehr Menschen werden als überflüssig behandelt. Sie bekommen Dumpinglöhne, wobei Dumping (englisch) ursprünglich das Abladen von Müll bedeutet. Das meint im Deutschen: Entwertung. Menschen werden mit Minilöhnen abgefertigt, sie sollen die Reste der Tafeln – also den Supermarkt-Müll – als Hilfe entgegennehmen. Nur nicht stören, nichts wollen, sich am Rande einrichten.

Was wir heute Prekariat nennen, hieß früher Lumpenproletariat, wie Trojanow treffend zeigt: »Der Begriff stammt vom lateinischen precarius ab: ›erbeten, erbettelt, aus Gnade erlangt (Gnadenbrot)‹.« Die Zahl dieser Mensche

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