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Zum Tod von Gunther von Hagens
»Willst Du wirklich ewig leben, musst Du deinen Körper geben«

Der kürzlich verstorbene Anatom Gunther von Hagens wurde durch seine »Körperwelten«-Ausstellung weltberühmt. Er selbst sah sich in der Tradition des katholischen Reliquienkults. Zu Recht? Eine kulturhistorische Betrachtung.
von Hubertus Lutterbach vom 11.08.2026
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Herzenssache: Installation von Plastinaten auf der Körperwelten-Ausstellung in Mühlheim an der Ruhr 2021. (Foto: imago images / Udo Gottschalk)
Herzenssache: Installation von Plastinaten auf der Körperwelten-Ausstellung in Mühlheim an der Ruhr 2021. (Foto: imago images / Udo Gottschalk)

Mit dem Spruch »Willst Du wirklich ewig leben, musst Du deinen Körper geben« warb der kürzlich verstorbene Anatom Gunther von Hagens für seine »Körperwelten«. Seit ihrem Start vor fast drei Jahrzehnten haben 58 Millionen Menschen in 170 Städten und in 42 Ländern diese Ausstellung gesehen. Aktuell gastiert sie in Münster. Staunenswert sind sowohl die plastinierten Menschen in Ganzkörpergestalt, einzelne menschliche Körperteile in unterschiedlichen Posen, als auch sichtbar gemachte Gewebestrukturen.

Dieser Artikel stammt aus Publik-Forum 15/2026 vom 14.08.2026, Seite 42
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Angesichts der anhaltenden Resonanz lässt sich fragen, ob Plastinate – wie schon jahrhundertelang die Reliquien – Ausdruck der menschlichen Sehnsucht sind, über den Tod hinaus fortzuleben. Immerhin sah sich von Hagens selber in dieser Kontinuität. Seine Fans stilisieren ihn als »spirituellen Asketen« oder als »verkannten Propheten einer neuen Zeit«. Umgekehrt verwies von Hagens auf die Körperspender als seine »anatomischen Schätze«.

Wie hat von Hagens als Anatom gewirkt? Worin gründet sein Ansehen? Im Konservierungsverfahren der »Plastination«, das auf ihn zurückgeht, durchtränkt man das menschliche Gewebe mit Kunststoff. Erst wird die Verwesung des Toten durch Formalin gestoppt, dann wird der Leichnam entwässert und entfettet. Im kalten Acetonbad wird gefrorenes Gewebswasser entnommen und durch Aceton aufgefüllt; im warmen Acetonbad werden lösliche Fettanteile gegen Aceton ausgetauscht. Anschließend entzieht man das Aceton, um es allmählich durch Kunststoff zu ersetzen. Dabei fixiert man entweder den Leichnam oder einzelne Glieder und Organe in einer bestimmten Pose (Gestaltplastinat) oder legt die präparierten Gewebsscheiben zwischen Folie und/oder Glasscheiben (Scheibenplastinat).

Für sein Konservierungsverfahren zollt ihm die Fachwelt hohe Anerkennung. Doch die behauptete Kontinuität zwischen mittelalterlichen Reliquien und den Körperpräparaten, die von Hagens geschaffen hat, wird man verneinen müssen. Während es sich bei Reliquien um Ausdrucksformen eines weiterhin, wenn auch anderswo, als lebendig eingeschätzten sowie namentlich bekannten Menschen handelt, müssen die anonym ausgestellten Plastinate eher als eine ›Sache‹ im Dauerzustand des Noch-nicht-beigesetzt-Seins oder als Kunstobjekte eingeordnet werden. Entsprechend beruht die Rede von Reliquien auf einem religiösen Körperverständnis, während der plastinierte Körper der Ausstellung im Horizont eines biomedizinisch-technischen Menschenbildes zu charakterisieren ist.

Nichtsdestotrotz: Die Sehnsucht nach einem Fortleben über den Tod hinaus teilen religiös verwurzelte und weltanschaulich ungebundene Menschen. Wie sonst ließe es sich erklären, dass nicht nur die »Körperwelten« millionenfach besucht werden, sondern dass in diesem Jahr fast 400 000 Menschen in nur vier Wochen nach Assisi kamen, um die erstmals offen ausgestellten Reliquien des heiligen Franziskus zu sehen? Oder dass jährlich Millionen Pilgernde nach Lourdes und San Giovanni Rotondo reisen, um die Seherin Bernadette von Soubirous beziehungsweise Padre Pio im Glassarg unverwest zu bestaunen?

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