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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 15/2012
Erotisches Begehren
Die Sehnsüchte der Menschen und die katholische Sexualmoral
Der Inhalt:

Die Vision des Paulus

vom 10.08.2012

Zu: »Wie vom Blitz getroffen« (13/12)

Sehr oft erlebe ich, dass sich aus christlicher Sicht die Argumentationslinien wie in einem Zirkelschluss bewegen: Das, was zu beweisen wäre, wird als zu glaubendes Phänomen vorausgesetzt. Wie kann man mir erklären, dass Jesus tatsächlich am Freitag ermordet wurde und dann am Ostersonntag auferstanden ist? Und nun kommt Halbfas mit einer Interpretation des Damaskus-Erlebnisses des Paulus, die mich zu mehr als Nachdenken veranlasst hat. »Offenbarung kommt für den heutigen Menschen nicht mehr vom Himmel herab, sondern aus den Tiefen der Seele«, zitiert er Willi Obrist. Das Auferstehungswunder war in antiker und mittelalterlicher Zeit den Menschen real nahe. Heute ist es für mich eine der schönsten Geschichten der Weltliteratur, deren tiefer Inhalt darin besteht: Der persönliche Glaube an einen Sinn in diesem Dasein resultiert aus der Kenntnis der Möglichkeit, den Tod und alles Böse bekämpfen zu können. Die Bejahung der Existenz eines Schöpfers führt zur Bejahung der Schöpfung als Ganzes – und zum Ringen um ihre Bewahrung. Menschen glauben an Gott nicht um Gottes willen, sondern um ihrer selbst willen. Sie glauben an Jesus und alle biblischen Jesus-Geschichten nicht dem Buchstaben nach, sondern als Metaphern für mögliches Handeln. Halbfass hebt hervor, dass Paulus deshalb der Vision glaubte, dem wiederauferstandenen Jesus vor Damaskus zu begegnen, weil er ein »Vorverständnis« mitbrachte: »Hier, in den Dispositionen der eigenen Seele, sind auch die Erstursachen für seine visionäre Erfahrung zu suchen.« Jahrzehnte meines Lebens (ich bin heute 65 Jahre alt) war ich ein »säkularer Zeitgenosse«, aber als marxistischer Historiker und Philosoph gleichzeitig offen für Dialog und eigenes Lernen. Herr Halbfas hat mir mit seinem Artikel Mut gemacht, dass meine persönliche Lebensreise noch nicht abgeschlossen ist.

Dr. Bernd Augustin, A-Villach

Wenn Professor Halbfas fordert, die Darstellung christlicher Glaubensaussagen »nicht abgehoben vom Bewusstsein und Wissensstand unserer Zeit« zu reflektieren, so macht mir dies mehr Hoffnung als der Mannheimer Aufbruch. Wenn nämlich die Ergebnisse der Tiefenpsychologie auf das sogenannte Damaskus-Erlebnis angewandt werden, so löst sich diese religiöse Wahrheit aus dem längst obsolet gewordenen, aber immer noch gültigen dogmatischen Kontext eines archaischen Welt

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