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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 12/2015
Rettet diese Welt!
Die Umwelt-Enzyklika: Papst Franziskus und sein politischer Sonnengesang
Der Inhalt:

»Wachstum muss das Leben verbessern«

von Claudia Mende vom 26.06.2015
Für die indische Wirtschaftswissenschaftlerin Jayati Ghosh führen viele Wege zur Entwicklung im Süden, aber einer nicht: der des Nordens

Publik-Forum: Frau Ghosh, beim Alternativgipfel in München sagten Sie, Politik solle nicht mehr Wirtschaftswachstum schaffen, sondern ein besseres Leben für die Menschen. Ist das möglich ohne Wachstum?

Jayati Ghosh: Natürlich braucht es dafür auch Wirtschaftswachstum. Aber in Indien will man seit Jahrzehnten erst ein Wachstum des Bruttosozialprodukts und danach Verbesserungen für die Menschen schaffen. Das funktioniert nicht. In den letzten dreißig Jahren gab es weder mehr Beschäftigung in Indien noch qualitativ bessere Jobs. Die Ernährungslage hat sich verschlechtert. Wachstum bedeutet nicht automatisch eine menschliche Entwicklung.

Aber haben nicht viele Inder vom Wachstum der vergangenen Jahre profitiert?

Ghosh: Doch, aber vor allem aufgrund des technologischen Fortschritts. Mobiltelefone zum Beispiel haben den Alltag der Menschen positiv verändert. Auf der anderen Seite aber ist das Leben für viele Inder unsicher und prekär geworden. Es gab mehr prekäre Arbeitsplätze. Die Zahl der formellen Beschäftigungsverhältnisse ist überhaupt nicht gestiegen in den letzten 15 Jahren. Das heißt: Die meisten Arbeitsplätze sind sehr unsicher in Indien. Das ist doch nicht wünschenswert! Unsere Gesellschaft ist nicht zivilisiert, wenn dreißig bis vierzig Prozent der Menschen offiziell als hungrig eingestuft werden müssen und die Hälfte unserer Neugeborenen zu wenig Gewicht auf die Waage bringt. Die Müttersterblichkeit ist immer noch sehr hoch, weil Frauen unterernährt sind und keinen Zugang zu einer angemessenen Gesundheitsversorgung haben. Das muss deutlich besser werden, sonst kann man nicht von Fortschritt sprechen.

Wann würden Sie Wirtschaftswachstum als positiv bezeichnen?

Ghosh: Nehmen wir den Verbrauch von Kalorien pro Kopf als Indikator: Er ist heute niedriger als vor dreißig Jahren. Deshalb sollten wir uns auf die arme Hälfte der Bevölkerung konzentrieren und erst einmal allen einen elementaren Lebensstandard ermöglichen, also ausreichende Nahrungsmittel, Beschäftigung, ein Dach über dem Kopf, Zugang zu Wasser, Bildung und Gesundheitsversorgung. Das können wir nur mit öffentlichen Investitionen erreichen. Wenn man in Bildung investiert, muss man zum Beispiel Lehrer einstellen. Dann steigt die Kaufkraft, mehr Menschen haben Geld, und die

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