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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 7/2011
Zeitenwende
Und Deutschland bewegt sich doch
Der Inhalt:

Die Rebellion der Jungen

von Bettina Röder vom 08.04.2011
Wer geht in Libyen auf die Straße? Und welches Ziel hat der bewaffnete Aufstand gegen Gaddafi wirklich? Fragen an den Nahost-Experten Hanspeter Mattes

Herr Mattes, bei den bewaffneten Kämpfen in Libyen ist ständig von »den Rebellen« die Rede. Wer verbirgt sich dahinter?

Hanspeter Mattes: In Ostlibyen hat sich nahezu die komplette Bevölkerung gegen das System erhoben. Das sind Menschen aus allen städtischen Großfamilien und den Stämmen. Sie haben dieses repressive System Gaddafis über. Diese Willkür, dass sogenannte Revolutionskomitees von Gaddafi seit über dreißig Jahren über Tod und Leben entscheiden können. Ich selbst habe 1986 in der Uni in Bengasi die Hinrichtung von oppositionellen Studenten miterleben müssen, die in der Aula gehängt wurden.

Was steckt hinter dem Aufstand?

Mattes: Hinter dieser Bewegung steckt ein Freiheitswille. Der Wunsch, ein politisches System zu bekommen, das Meinungsfreiheit und Pressefreiheit zulässt, ohne dass man Angst haben muss, inhaftiert zu werden. Siebzig Prozent der Bevölkerung sind unter dreißig Jahre alt. Die Menschen wollen Arbeit, eine Perspektive für ihr Leben. Die Jugendarbeitslosigkeit in Libyen ist extrem hoch, weil es den produzierenden Sektor so gut wie nicht gibt. Libyen lebt vom Export seines hochqualitativen schwefelarmen Erdöls. Vor allem wollen sie, das wurde auch jüngst vom nationalen Übergangsrat auf der Londoner Konferenz betont, ein demokratisches Libyen.

Was haben die Menschen dafür bisher getan?

Mattes: Sie haben sich längst durch Stadträte organisiert, die auf oberster Ebene den Übergangsrat gebildet haben, der den Anspruch vertritt, ganz Libyen zu repräsentieren. Der hat jetzt Regierungsbeauftragte für Justiz, Finanzpolitik, Äußeres usw. eingesetzt, die in Bengasi in Ostlibyen sitzen und Ansprechpartner für die internationalen Gremien sind. Zudem gibt es die kleineren befreiten Gebiete in Westlibyen. Sie haben bislang aufgrund der Situation noch keine Personen nach Bengasi entsandt. Aber der Übergangsrat ist natürlich offen für Vertreter aus den befreiten Gebieten.

Warum kommt es faktisch zu der Teilung des Landes in Ost- und Westlibyen?

Mattes: Weil die Gesellschaft komplett über Stämme und Großfamilien organisiert ist, was natürlich ein großes Gewicht hat. Dabei hatten die ostlibyschen Stämme schon immer das Gefühl, dass sie von den Westlibyern in Tripolis benachteiligt, als zwe

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