Was glaubt ein Atheist?
Auf dem »Vorhof der Völker« haben sich vor mehr als zweitausend Jahren fromme Juden mit ihren heidnischen Mitbürgern getroffen. Zum Gespräch über Gott und die Welt. In die Tempel gleich nebenan durften »die Heiden« selbstverständlich nicht hinein. Unterschiede mussten gewahrt bleiben!
Heute sind diese »Anderen« für die katholische Kirche die Atheisten. Sie werden jetzt auf neue Vorplätze eingeladen: In Berlin war es in dieser Woche das Bode-Museum, die Charité, das Deutsche Theater, sogar der Festsaal des Rathauses, wohin man sie lud. Die Tagung trug den Titel »Vorhof der Völker«. Ganz nach antikem Vorbild.
Nicht zu intim durfte es aus Sicht der Kirchenführer werden. Es sollte wohl bloß »kein gemeinsamer kleiner Nenner« auftauchen, wie es der vatikanische Kulturchef, Kardinal Gianfranco Ravasi, befürchtete. Mehr als fünfhundert Menschen hatten sich für diese Vorplatz-Gespräche angemeldet. In Berlin gab es dazu keinerlei öffentliche Hinweise, das Ganze blieb ein Geheimtipp religiöser Insider.
»Freiheitserfahrungen mit und ohne Gott« wurden zu Beginn verhandelt. Konkret: »Ist ohne Gott alles erlaubt?« Diese berühmte Frage Dostojewskis wurde in kirchlichen Akademien schon tausend Mal gestellt und von vernünftigen Theologen deutlich beantwortet: Moral lebt von vernünftiger Einsicht, nicht von religiösen Geboten.
Die weiteren Veranstaltungen, etwa zur »Anthropo-Technik« oder zur Bedeutung der Kunst für den Glauben erinnerten ebenfalls an die üblichen Programme kirchlicher Akademien. Nur war diesmal ein Kardinal aus dem Vatikan allgegenwärtig. Der Präsident des Päpstlichen Rates für Kultur, Kardinal Gianfranco Ravasi, konnte seine Belesenheit dokumentieren, selbst Oscar Wilde und Henri Miller wurden von ihm kurz zitiert. Wie modern!
Bedauerlich bleibt das methodische Vorgehen: Referate und Podiumsdiskussionen wechselten sich ab. Die Teilnehmer duften staunende Zuhörer bleiben. Kein junger atheistischer Student der Humboldt-Universität durfte öffentlich sprechen; kein Hartz IV-Empfänger hatte die Chance zu erzählen, wie er den religiösen Glauben verlor, wie Gott nicht half beim Tod des Partners, wie Gott nicht half beim dreihundertsten Bewerbungsschreiben.
Es war das feine Bürgertum, das sich den Luxus leistete, über den Atheismus nachzudenken. Einige ständig gefragte Vorzeige-Atheisten wie der Philosoph Herbert Schnädelbach durften auf dem Podium Platz nehmen. Vereinigungen von Atheisten wie der Humanistische Verband Deutschlands waren bloß als Zuhörer eingeladen. Doch die katholische Kirche kann nun so tun, als hätte sie Bahnbrechendes geleistet, als hätte sie Brücken gebaut zu jenen vielen tausend Menschen, die den Glauben verloren oder nie gehabt haben. Das Ganze war ein Show zu altbekannten Themen.
Anders hätte es laufen müssen. Beginnend mit der Erkenntnis, dass es weder »die« Christen noch »die« Atheisten gibt –, wie es die Tagung aber unterstellte. Es wäre wichtig gewesen, den Atheismus der Gläubigen zu besprechen, etwa die Gottferne, die auch Mystiker erleben. Oder die tiefen Zweifel, die einen katholischen Schriftsteller wie Reinhold Schneider in den Unglauben führten. Vor allem hätte die Anwesenheit des praktischen Atheismus unter Christen besprochen werden können: ihre Bindung an die Unkultur des Konsumismus und der Wachstumsideologie, die uneingestandene Verehrung – auch bei ihnen (!) – des einzigen weltweit geliebten Gottes, der da heißt »Profit«.
Gleichermaßen hätte man den Glauben der Atheisten zum Thema machen können. Etwa den Tatbestand, dass viele in ihrem Leben der Solidarität und Nächstenliebe eines Jesus von Nazareth ganz nahe sind – und seinem Bild von Gott, auch wenn sie das nicht so deuten. Aus dieser Einsicht hätte man sich verständigen können: Was uns verbindet, ist der Mensch. Warum kann es nicht eine neue christlich-atheistische Ökumene geben?
Aber solche Fragen überfordern die Leitungsfiguren der katholischen Kirche offenbar. Sie hatten ja noch nicht einmal daran gedacht, die evangelische Kirche als Mitveranstalter zu gewinnen. Offenbar sollen bekehrte Atheisten bitte schön katholisch werden.
Der »Vorhof der Völker« ist eine Lieblingsidee des inzwischen pensionierten Papstes Benedikt. Man spürt, wie alt dieses Projekt jetzt schon wirkt, angesichts der Vorschläge von Papst Franziskus in seinem neuen Apostolischen Schreiben. Da könnte man wohl sagen: Gespräche zwischen Glaubenden und Nicht-Glaubenden sollten zum Beispiel in Berlin in Kneipen und Schulen, Altersheimen und Hospizen, in Schwulenbars und Kinos stattfinden. Aber dann bitte nicht (nur) über den Kategorischen Imperativ Kants, sondern auch über die praktischen Mühen, in dieser Welt gemeinsam Mensch zu sein, in Gleichheit.
Nebenbei: Über die Unsummen, die diese Akademieveranstaltung gekostet hat, liegen (bis jetzt) keine Informationen vor. In Paris endete der dortige »Vorhof der Völker« im Jahr 2011 mit einem finanziellen Fiasko für die nun wahrlich nicht wohlhabende französische Kirche.
