Was der Papst wirklich will
Das Rektoratsgebäude der päpstlichen katholischen Universität liegt an einem chic hergerichteten, ehemaligen Hafenbecken im teuersten Teil von Buenos Aires. Ein eleganter Bau aus den 1980er Jahren, eine luftig wirkende Denkzentrale aus Metall, hellem Naturstein und viel Glas. Fast überflüssig zu berichten, das diese katholische Uni in den Rankings als die beste private Universität Argentiniens gilt, auch was die Zufriedenheit ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter angeht.
Wer die auf modernstem Stand gerüsteten Sicherheitsschleusen hinter sich hat, dem öffnen sich sattgelbe Flure, die mit Teppichen ausgelegt sind. In den Foyers stehen schwarze Ledersofas und Sitzgruppen der nichtbilligen Art. In dieser edlen Umgebung treffe ich den Theologieprofessor Carlos Maria Galli. Einen beeindruckenden Denker.
Galli, ein gedrungener Mann in Priesterkleidung, strukturiert die Fragen seiner deutschen Besucher. Und er antwortet freimütig und umfangreich. Was ist neu an Franziskus? Was will dieser Papst bewirken? »Er ist der erste Lateinamerikaner, der erste Papst von der Peripherie der Welt, der erste Jesuit. Und er ist der erste Papst neuen Stils, der erste nach dem Ende der alten, herkömmlichen Ausübung des Papstamtes«, sagt Galli.
»Als Lateinamerikaner und als Seelsorger, der zuvörderst den Armen verbunden sein will, setzt Franziskus bewusst auf Gesten und Zeichenhandlungen. Denn diese werden verstanden von den einfachen Leuten.« Die bisherige europäische Art des Papsttums, die sehr wort- und textzentriert gewesen und folglich über die Köpfe der Armen und der Dritte-Welt-Christen hinweggegangen sei, sei mit Franziskus zu Ende. Darin liege eine Provokation für europäische Theologen, für die konservativen Bedenkenträger in Rom und für die Anhänger des Zentralismus in der Kirche. Galli wird sehr deutlich und sagt auf Deutsch: »Wir sind gegen eine Hermeneutik, die sagt, einfache Gesten seien oberflächlich und nur wenig bedeutend.«
Welchen Erfolg strebt Franziskus an? Galli antwortet: »Franziskus will Zeit statt Raum. Das ist entscheidend, wenn man ihn verstehen möchte.« Zeit statt Raum, das bedeute: Er werde nicht etwa rasche Entscheidungen von oben setzen, auf die Reformbewegungen wie »Wir sind Kirche« oder frauenbewegte Theologinnen sehnsüchtig warteten. Er wolle stattdessen Prozesse in Gang setzen, Prozesse breitester Mitbeteiligung des Gottesvolkes. Prozesse, die bei seinem Amtsende nicht mehr aufzuhalten seien – anders als Ruckzuck-Entscheidungen, die ein Amtsnachfolger wieder rückgängig machen könne. Dieses Vorgehen des Franziskus werde zu Enttäuschungen in Deutschland führen –, vor allem bei denjenigen Progressiven, die das Nachhaltigkeitsprinzip »Zeit statt Raum« nicht verstünden.
»Franziskus will die Reform der Kirche«, erklärt Galli sehr bestimmt. Dabei gehe es um die Umkehr und um die Mission, die Hinwendung zu den Menschen am Rand oder außerhalb der Kirche oder der Gesellschaft. Wer ihn verstehen wolle, solle über den Jesuiten Peter Faber recherchieren, einen Mann, dem Franziskus nachfolgt. Den Savoyarden aus der ersten Generation der Gesellschaft Jesu hat der Jesuit und Papst Jorge Bergoglio unlängst im Eilverfahren heilig gesprochen, ohne dass die Öffentlichkeit große Notiz davon nahm. Peter Faber, französisch Pierre Favre, lehrte: Nur wer in Gott zentriert sei, könne als Missionar an die Enden der Welt gehen – und genau dies ist es, was die Kirche tun solle, so wünscht es Franziskus.
Mit Professor Galli telefoniert der Papst nicht, »er mailt«. Zuweilen mehrmals pro Woche. Mit Bischof Victor Fernandez hält es der Papst ähnlich. Fernandez ist schmal und hochgewachsen, ein Diplomat und Theologe. Er ist der Rektor der päpstlichen katholische Universität: »Ich schreibe dem Papst dann ein, zwei Seiten zu der Frage, die er gerade hat.«
»Der Papst wollte schon als Erzbischof von Buenos Aires, dass die Studierenden direkten Austausch und persönlichen Kontakt mit den Armen haben«, sagt Fernandez. »Wir setzen das um.« Seltsame Dinge tun sich da in einer kirchlichen Elite-Universität. Mit Bergoglio habe er seit 15 Jahren eine gute und vertraute Arbeitsbeziehung, bei der sich die Partner siezen, nicht duzen. Vor Tagen habe Franziskus angerufen, wegen des deutschen Theologen Romano Guardini. Denn bei der Vorbereitung seiner Umwelt-Enzyklika lese der Papst Guardini. »Eben weil Guardini keine eingeengte Fachperspektive vertrat, wie nahezu alle Theologen, sondern die Schätze der kirchlichen Denktradition auf die Fragen seiner Zeit hin fruchtbar machte. Darum schätzt Franziskus Guardini.« Es gebe leider nur sehr wenige Theologen von ähnlicher Weite – vielleicht noch Thomas von Aquin, »doch der ist uns zeitlich so fern.«
Romano Guardini war seit den 1920er Jahren der katholischen Jugendbewegung im Quickborn tief verbunden. Der aus Mainz stammende, italienisch-deutsche Denker war ein entschiedener Erneuerer der Kirche. Heute übt sein Werk Einfluss aus auf den Papst aus Argentinien.
