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Auf den Spuren des Papstes

Hallo! Oder besser: Ola! Liebe Leserinnen und Leser, ich bin als Reporter für einige Tage nach Argentinien gereist, in das Land »am Ende der Welt«. So nannte es der neue Papst nach seiner Wahl im März 2013. Es ist sein Land, das Land, das ihn prägte. Ich begebe mich auf seine Spur. Kommen Sie mit! Und erleben Sie einen Franziskus, wie Sie ihn noch nicht kennen
von Thomas Seiterich vom 09.06.2014
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Da war er gerade Papst geworden: Die Zeitung, die die unbekannte Dame im Café vor der Nase hat, erzählt aus argentinischen Tagen Mitte März 2013. Fünfzehn Monate später folgt Thomas Seiterich den Spuren Jorge Bergoglios in Argentinien. (Foto: pa/ZUMAPRESS/Soledad Aznarez)
Da war er gerade Papst geworden: Die Zeitung, die die unbekannte Dame im Café vor der Nase hat, erzählt aus argentinischen Tagen Mitte März 2013. Fünfzehn Monate später folgt Thomas Seiterich den Spuren Jorge Bergoglios in Argentinien. (Foto: pa/ZUMAPRESS/Soledad Aznarez)

Begleitet werde ich von landeskundigen Expertinnen und Experten des katholischen Lateinamerika-Werkes Adveniat. Es gibt auf dieser Reise Theologisches, Frommes, Lustiges und sicherlich auch Merkwürdiges zu erleben. Langweilig wird es nicht, das kann ich jetzt schon garantieren.

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Unsere Steuerfrau, Christine Huber, ist durch nichts aus der Ruhe zu bringen. Die Sozialarbeiterin aus Bayerisch-Schwaben – mit dem dort üblichen, starken »Rrr« in der Stimme – lebt seit über einem Jahrzehnt im Großraum Buenos Aires, einer Stadtlandschaft, in der fast vierzehn Millionen der insgesamt gut vierzig Millionen Argentinierinnen und Argentinier leben. Sie arbeitet für die Kirche der Armen im Arme-Leute-Quartier Moreno am Stadtrand und hat zwei Töchter im Alter von vierzehn und fünfzehn Jahren.

Nach Buenos Aires kam Christl Huber, weil das kolumbianische Militär mit ihrer Ermordung gedroht hatte, an ihrem vorherigen Lebens- und Arbeitsort, der Hafenstadt Cartagena de las Indias im karibischen Norden von Kolumbien. »Ich habe für die Kirche unter den Armen gearbeitet, dann kamen die Todesdrohungen«, sagt Huber. Die Frau teilt das Schicksal vieler Armer und vieler Solidaritätsarbeiter in Südamerika, egal ob in kirchlichen oder in anderen Diensten. Sie alle müssen jederzeit damit rechnen, vertrieben oder getötet zu werden.

Flores: Wo alles begann

Der Stadtteil Flores liegt genau im Zentrum der Metropole Buenos Aires. 1936, als Jorge Bergoglio dort in einer kinderreichen, italienischen Immigrantenfamilie geboren wurde, war das ein Viertel für kleine Leute. Mitten in Flores steht die Kirche San José. In der wurde der kleine Jorge mit der katholischen Welt und ihren Heiligen bekannt gemacht.

Verkehr tost um San José. Das hellgraue Gotteshaus liegt wie ein gestrandeter, betagter Dampfer an einer sechsspurigen Straße. Der folgt die Linea A von Subte, der U-Bahn. Als er Jahrzehnte später Erzbischof war, hat Jorge Bergoglio diese U-Bahn gerne und fast täglich benutzt. Als ein unauffälliger Herr mit wachem Gesicht im Priestergewand.

Die große Vorstadtkirche San José ist so katholisch wie man es sich in Deutschland kaum vorstellen kann. Ins Kirchenschiff passen mehrere Hundert Leute. Die Bänke zeigen deutliche Gebrauchsspuren. Die Türen stehen offen, die ganze Woche über von morgens bis abends. Links vorne im Kirchenschiff glänzen der Fuß, das Schienbein und das Knie von »Cristo de los Pobres«, vom »Christus der Armen«, einer Bronzegestalt mit Kreuz. Unzählige Hände unzähliger Gläubiger mehrerer Generationen haben diesen Christus der Armen berührt. Innegehalten und dabei etwas gehofft, erbeten oder gelobt und versprochen. In einem ganzheitlichen Gebet von Hand, Herz und Kopf.

Neben diesem Christus der Armen ist die Vorstadtkirche wenig aufs Kreuz ausgerichtet. Nein, San José präsentiert den Glauben als eine eher fröhliche Familienangelegenheit. Recht katholisch also. Josef trägt das Jesuskind – so das großes Altarbild. Es ist eine Botschaft für Männer und für die ganze Familie. Auch in der Taufkapelle, die mit Mosaiken glänzt: Jesus auf den Armen von Josef. Und nebenan ein Gemälde von der Heiligen Familie in Nazareth – Josef, der Tischlermeister, und der circa elfjährige Filius Jesus sägen in fröhlicher Eintracht gemeinsam ein Brett.

Nichts Besonderes, alles in allem. Ins Staunen gerät der Besucher, wenn er die Kirche über den rechten Seiteneingang verlässt. Thront da doch ein gut anderthalb Meter hoher Petrus. Es ist ein Remake aus dem Petersdom, natürlich. Wie im Petersdom in Rom haben die Hände der Gläubigen in Flores den Fuß des Apostelfürsten poliert. Zigtausende Berührungen, zigtausendmal der Gedanke: »Ich gehöre zu dir und zur Kirche.« 1924 wurde die Statue aufgestellt – 89 Jahre später wurde eine Gemeindemitglied Pontifex.

Modernes sucht der Besucher vergebens in dieser Stadtkirche, die nicht mithalten kann mit den hohen Wohnblocks rundum. Doch die vielen volkstümlichen Heiligen – für jeden Anlass eine oder einen – bleiben im Großstadtgetöse und im Strom der Kirchenbesucher recht gelassen: Die Heilige Theresia von Lisieux ebenso wie der Heilige Antonius, der verlorene Dinge und verlorene Liebe wiederbringen soll.

Keine fünf Minuten entfernt von San José liegt eine stille Seitenstraße. Da Argentinien gerade im Süd-Herbst lebt, treibt der kühle Meerwind die vertrockneten Blätter der Platanen durch die Straße. Die stille Straße heißt Membrillar. Im Haus Nummer 531 ist Jorge Bergoglio ausgewachsen. Heute ist es ein Reihenhaus aus Klinker. Alles ganz normal. So wie der Papst eben. Ich gehe entlang dieser Straße und stelle mir vor, wie der kleine Jorge hier einst Fußball spielte. Ja, der Fußball ... Der spielte im Leben des heutigen Papstes durchaus eine wichtige Rolle. Davon werde ich in meinem nächsten Tagebucheintrag erzählen ...

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