Torwart-Handschuhe für Franziskus
Wenn man mit den Fans und Fachleuten des Fußballclubs San Lorenzo de Almagro in Buenos Aires spricht, und ihnen geduldig zuhört, erfährt man aus ihren Geschichten und Legenden Vieles über Jorge Bergoglio, alias Papst Franziskus, das nicht in den gängigen, frommen Biografien steht. Franziskus ist kulturell linker als gedacht. Eine Überraschung: Seine Traummannschaft, die Meister-Elf des Jahres 1946, brachte den faschistischen Diktator von Spanien, General Franco, ebenso in die Bredouille, wie den faschistischen Diktator Portugals, Salazar.
Das kam so: Franziskus ist, wie die Argentinier sagen, »un fanatico«, ein geschworener, lebenslanger Fan seines Heimatvereins San Lorenzo. Unweit vom berühmten, 45 000 Menschen fassenden Gasómetro-Stadion des »katholischen« Fußballclubs San Lorenzo wurde er 1936 im Stadtteil Flores geboren. Dort hat er seine Kindheit verbracht. In der Saison 1945/46 war Jorge knapp zehn Jahre alt. Ein gutes Alter, um sich für die Fußballhelden zu begeistern. Sein Vater nahm ihn zu den Heimspielen mit.
Wenige Jahre zuvor hatte der Arbeiterverein notleidende Flüchtlinge in die Profimannschaft aufgenommen: Baskische Fußballer, die als Republikaner politisch links standen und vor der Franco-Diktatur ins freie und demokratische Argentinien flüchteten.
»Auf einen Schlag wurden alle baskischen Flüchtlinge in Argentinien Fans von San Lorenzo«, erzählt Fan-Sprecher Adolfo Res. Er knüpft mit seiner Sozialarbeit für ausgestoßene Jugendliche heute an die soziale und solidarische Tradition des Vereins an. Eines Vereins, den die Militärdiktatur, die das Land in den tödlichen Jahren von 1976 bis 1985 in den Abgrund zog, mit aller Macht vernichten wollte.
Diesem Club hält der Papst die Treue. Er zahlt pünktlich seinen Mitgliedsbeitrag. Bis heute. Er hat persönlich – als politische Symbolhandlung – einen von 30 000 Quadratmetern des seinerzeit von der Militärjunta praktisch enteigneten Stadions gekauft, für rund 250 Euro. Und er weiß die Namen seiner Siegermannschaft im Schlaf herzubeten: Im Tor Blasina, in der Verteidigung Bancini und Baso, im Mittelfeld Zubieta, Greco und Colombo und im Sturm Farro, Pontini, Martini und Silva.
Sie stammten – wie Jorge Bergoglio – aus italienischen Einwandererfamilien. Bei ihrer Europa-Tournee, die sie des Geldes wegen unternahmen, besiegte diese Elf die Nationalmannschaft des faschistischen Spanien 1947 deutlich – sowie die Nationalmannschaft des faschistischen Portugal mit zehn zu vier Toren. Welch ein Triumph – für demokratische Fußballfans wie Bergoglio. Denn die düsteren Diktatoren beider Staaten, General Franco und Portugals Salazar, nahmen in den Ehrenlogen persönlich am Desaster ihrer Mannschaften teil.
Als in Argentinien viele Jahre später die faschistischen Generale die Macht übernahmen, wollten sie den FC San Lorenzo zerstören. Sie zwangen den Verein, das Stadion zu verkaufen. Straßen sollten dort gebaut werden, verkündigte die Junta. Doch verkauft wurde das Gasómetro-Stadion an den französischen Carrefour-Einzelhandelskonzern. Der errichtete auf dem »Heiligen Boden« von San Lorenzo ein Einkaufszentrum.
Doch die Fans holten sich ihr Stadion zurück, darunter der spätere Papst. Quadratmeter für Quadratmeter kauften sie – und kaufen sie bis heute – das Stadion zurück. Bald wieder soll alles so sein wie früher, zu glorreichen Zeiten.
Und natürlich gibt es Fußball-Wunder. Kurz nachdem Franziskus zum Papst gewählt wurde, gewann sein Verein die argentinische Meisterschaft. Erstmals seit langen Jahren. Fünf Minuten vor Spielende hielt der San Lorenzo-Torwart einen eigentlich völlig unhaltbaren Ball der Gegnermannschaft Velez.
Der Vereinsvorstand von San Lorenzo reiste nach der Meisterfeier zu Franziskus in den Vatikan und schenkte dem Papst die Wunder-Handschuhe des Torhüters. Franziskus soll sich riesig gefreut haben. Und viele Argentinier glauben, dass ihr Papst in schweren Stunden die Wunderhandschuhe seines Torhüters überstreift.
