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Kirche im Dialog: Und wann kommt der Ruck?

Katholische deutsche Bischöfe strengen sich an, einen Kontakt zu modernen Lebenswelten aufzubauen. Der von ihnen initiierte Dialogprozess ging jetzt mit einem Delegiertentreffen in Hannover in die zweite Runde. Siehe dazu auch unsere Umfrage
von Thomas Seiterich vom 16.09.2012
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Können katholische Bischöfe Dialog? Die Frage ist noch immer nicht zweifelsfrei beantwortet. (Foto: diddleman - Fotolia.com)
Können katholische Bischöfe Dialog? Die Frage ist noch immer nicht zweifelsfrei beantwortet. (Foto: diddleman - Fotolia.com)

Die katholische Kirche soll heraus aus der Krise. Dies kann nur mit einer neuen Dialogkultur zwischen »oben« und »unten« gelingen. Deshalb hat Robert Zollitsch, der Freiburger Erzbischof und Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, als erfahrener Kommunikator und Kirchenmanager einen Dialogprozess gestartet. Das geschah mitten im Desaster 2011, als Ansehen und Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche völlig am Boden waren, nach der Aufdeckung zahlloser sexueller Gewaltverbrechen an Kindern, verübt durch Priester, und jahrelang vertuscht durch oberkirchliche Behörden.

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Was tun? In Hannover trafen sich an diesem Wochenende 16 Diözesanbischöfe und 17 Weihbischöfe mit rund 300 Delegierten aus dem katholischen Deutschland. Die Delegierten, mehrheitlich Männer im gesetzten Alter, viele davon Verbandsfunktionäre (darunter auch einige Frauen), haben schon manche Amtskirchenkonflikte ausgetragen und Krisen überstanden.

Diese Delegierten klatschen überrascht und erfreut, als Bischof Franz-Josef Overbeck, der als Vertreter der konservativen Oberhirten den Dialogprozess begleitet, in seiner Eröffnungsrede die »notwendige Vielfalt der Lebensverhältnisse« in Kirche und Gesellschaft begrüßt. Overbeck widmet sich den gleichgeschlechtlichen Partnerschaften und redet mit Hochachtung über Schwule und Lesben. Er heißt sie in der Kirche willkommen. Über homosexuellen Partnerschaften sagt er: »Auch wenn die Kirche diese Lebensform nicht als Institution anerkennen kann, verbietet die Kirche jegliche Diffamierung und ungerechte Zurücksetzung gleichgeschlechtlich veranlagter Menschen.« Um dieser offenen Position Fundament zu geben, zitiert Overbeck die Stellen im katholischen Katechismus, die jede Diskriminierung von Schwulen und Lesben verbieten.

Dies sind neue Töne. Was könnte ein deutscher Provinzbischof Freundlicheres sagen? Die restriktive Lehre wird im Vatikan formuliert. Daran rüttelt der junge Bischof Overbeck nicht. Doch er betont im Korsett der römischen Lehre die aufgeschlossenste und die menschenfreundlichste Spur. Eine Dialogtechnik, die der neue Kardinal von Berlin, Rainer Maria Woelki, auch anwendet.

Franz-Josef Bode, Bischof von Osnabrück und einer der Aufgeschlossensten unter den Oberhirten, erhält spontanen Beifall für seine Position zur innerkirchlich drängendsten Frage des Umgangs mit den wiederverheirateten Geschiedenen. Bode fordert, die Kirche solle viel mehr Nähe zu den Menschen suchen, auch zu denen, die nicht unbedingt den Normen der Kirche entsprechen: »Der generelle und dauerhafte Ausschluss der wiederverheirateten Geschiedenen vom Sakramenten-Empfang erscheint vielen bis in die Mitte der Kirche hinein als eine untragbare Konsequenz.« In den verebbenden Beifall hinein fügt Bode hinzu: »Wir brauchen eine neue, mutige, differenzierte und vertiefte Auseinandersetzung mit der Sexuallehre der Kirche.«

144 Delegierte kommentieren – zuallermeist zustimmend – mittels der auf ihren Achter-Tischen aufgestellten iPods Bode. Auch Overbeck erntet viel Zustimmung in den 132 Kommentaren zu seiner Rede.

Der Münchner Kardinal Reinhard Marx schließlich betont, das soziale und politische Engagement gehöre »unverzichtbar zu den kirchlichen Grundvollzügen« und sei »eine Hauptsache, nicht weniger wichtig als Gottesdienstfeier und Glaubensverkündigung«. Das ist ein kräftiges Statement gegen diejenigen Traditionskatholiken, die sich auf das so genannte »Kerngeschäft« zurückziehen wollen und kleinmütig der Welt ade sagen, gestützt auf ein halb gares Verständnis der Entweltlichungs-Rede von Papst Benedikt XVI. im September vor einem Jahr in Freiburg.

Was kommt nach Hannover? Knapp die Hälfte der deutschen Diözesanbischöfe nahm – wie bereits am Auftakttreffen in Mannheim Mitte letzten Jahres – nicht teil. Die Konservativen und Verzagten bleiben fern. Der Dialogprozess dürfte also den Streit innerhalb der Bischofskonferenz vertiefen.

Doch immerhin die Hälfte der Oberhirten bemüht sich um Offenheit für die Welt von Heute. Dies ist viel wert in einer pessimistischen Großwetterlage, da sich nicht wenige in der Kirche nach der »kleinen, folgsamen Herde« sehnen.

Zu Recht sind die Vertreterinnen und Vertreter des Kirchenvolkes ungeduldig. Sie haben in Hannover, wie im Vorjahr in Mannheim, viele gut klingenden Worte von Bischöfen gehört. Doch bei den Worten darf es nicht bleiben. Insbesondere für die Hunderttausenden wiederverheirateten Geschiedenen braucht es einen Ruck – wenn nicht in der gesamten deutschen katholischen Kirche, so doch zumindest in den aufgeschlossenen Bistümern.

Immerhin haben die Bischöfe versprochen, sich damit intensiv auseinander zu setzen. Ferner wollen sie 2013 einen Studientag zur Frauenfrage in der Kirche veranstalten.

Insofern sendet das Katholikentreffen in Hannover ein deutliches Lebenszeichen. Doch ob es zum nötigen Ruck kommt, ob der Mut dafür wächst, bleibt offen.

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Personalaudioinformationstext:   Thomas Seiterich ist Publik-Forum-Redakteur und langjähriger Vatikan-Experte der Zeitschrift. Mehr zum Thema »Dialogprozess« lesen Sie in Publik-Forum 18/2012. Die neue Ausgabe erscheint am 21. September 2012.
Schlagwörter: Kirche Kirchenvolksbegehren
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