Gute Taktik? Pillen-Paule wird selig
Dem konservativen Kurienkardinal Burke aus den Vereinigten Staaten platzte der Kragen. Gestern hat er in Il Foglio, der Tageszeitung der rechtsintellektuellen Italiens, einen Aufschrei veröffentlicht. Burke forderte, die Familiensynode solle sich doch endlich mehr um die »gesunden« Familien kümmern und nicht um die gescheiterten. Also: Bitte weniger Augenmerk auf die wieder verheirateten Geschiedenen! Da Il Foglio als DAS Kritikorgan an Papst Franziskus gilt, wiegt Burkes konservativer Vorstoß schwer.
In den USA ist Kardinal Burke dafür bekannt, dass er wieder verheiratete Katholiken von der Kommunion ausschließt. Ganz im Gegensatz zu Kardinal Donald Wuerl von Washington. Wuerl ist dafür, diese Katholiken herzlich ins kirchliche Leben einzubeziehen und nicht zu bestrafen. Pikanterweise entzog Papst Franziskus Burke im Dezember 2013 wichtige Funktionen im Vatikan – und setzte dafür den von ihm geschätzten, aufgeschlossenen Wuerl ein. Nun hat er Wuerl auch noch in die Synodenleitung nachberufen. Die Richtung, die Franziskus einschlägt, ist also klar...
Mano de Dios, mano del Papa – Franziskus als Regisseur
Diego Armando Maradona, neben Franziskus noch ein weltberühmter Argentinier, schrieb Fußballgeschichte, indem er die »Hand Gottes« regelwidrig einsetzte und so ein historisches Tor schoss. Die »Hand des Papstes« zeigt sich in Franziskus‘ Personalpolitik bei der Familiensynode, die das heißeste Thema der katholischen Pastoral aufgreift. Die Art, in der debattiert wird, und das Resultat dieser Synode – deren zweiter Durchgang für Herbst 2015 vorgesehen ist – entscheiden darüber, ob Papst Franziskus sich durchsetzt mit seiner Öffnungsrevolution auf allen Feldern, oder ob er am Widerstreben der Konservativen scheitern wird. Es steht also Spitz auf Knopf.
Damit aus Sicht des Papstes die Partie gelingt, hat er mit Lorenzo Baldisseri einen Schiedsrichter und Synoden-Generalsekretär eingesetzt, der die Öffnungsintention des Pontifex voll teilt. Der Kurienkardinal aus Italien gilt als ein Mann des offenen Wortes und des gradlinigen Auftritts. Und so praktiziert Baldisseri auch eine offene Debattenkultur auf der Familiensynode. Er will angstfreien Austausch.
So etwas wäre vielerorts selbstverständlich – nicht jedoch, wenn man auf manche frühere Bischofssynoden im päpstlichen Rom zurückblickt. Baldisseris Vorgänger, der Kroate Nikola Eterovic, der das Vertrauen von Benedikt XVI. genoss, ist aus anderem Holz geschnitzt. Ihn hat Papst Franziskus 2013 relativ rasch nach Berlin versetzt. Eterovic wurde Nuntius bei der Bundesregierung.
Am Ende: Papst Paul VI. wird selig gesprochen
Das größte Risiko aus der Perspektive der Konservativen wie auch der Aufgeschlossenen wäre eine Spaltung der katholischen Kirche, ausgelöst durch die Familiensynode. Wohl deshalb hat Papst Franziskus ans Ende dieses Synoden-Durchgangs am kommenden Sonntag die Seligsprechung von Papst Paul VI. gesetzt.
Paul VI., Giovanni Battista Montini, war und bleibt ein insgesamt umstrittener Papst. Bei seiner Beerdigung im Hochsommer 1978 füllte sich der große Petersplatz kaum. Seine Beliebtheit bei den einfachen Katholiken hatte der Norditaliener eingebüßt, indem er die Pillen-Verbots-Enzyklika Humanae Vitae veröffentlichte, wider den von ihm zuvor erbetenen Rat der übergroßen Mehrheit der Fachleute und Bischöfe in aller Welt.
Indem sich mit dieser Seligsprechungs-Festmesse die Kirche gleichsam selbst feiert – mittlerweile wird fragwürdigerweise praktisch jeder Papst selig- oder heiliggesprochen –, soll das Band zwischen den Bischöfen aus aller Welt gestärkt werden.
Paul VI., der in einer Journalistenfamilie in der reichen, norditalienischen Stadt Brescia aufwuchs, war ein sehr moderner Denker. Ein Freund französischer Philosophen und zeitgenössischer Künstler. Nicht frei von Selbstzweifeln und depressiven Anwandlungen, jedoch hoch sensibel für Gerechtigkeits- und Friedensfragen. Papst Paul reiste nach Israel und Palästina, er sprach vor den UNO-Vollversammlung und besuchte Armuts-Metropolen in der Dritten Welt. Das Zweite Vatikanische Konzil seines charismatischen Vorgängers Johannes XXIII. brachte er 1965 zu Ende.
Doch Paul VI. bremste die Konzilsbewegung und schlug stattdessen einen autokratischen Kurs ein – siehe die Pillen-Enzyklika mit dem Verbot sogenannter »künstlicher« Verhütungsmittel. In Deutschland brachte ihm das den zweifelhaften Spitznamen »Pillen-Paule« ein.
Im Vatikan des Herbstes 2014 bleibt es derweil spannend. Denn es beginnt unter den afrikanischen und osteuropäischen Synodenteilnehmern zu grummeln. Quelle ihres Unmutes: Die ihrer Meinung nach viel zu große Beachtung der sexuellen Minderheiten, die nach Lehre Roms »in irregulären Situationen« leben. Mit anderen Worten: Sie sind gegen mehr kirchlichen Respekt für lesbische und schwule Lebensgemeinschaften und Ehen.
