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Ehe – wirklich unauflöslich?

Die römische Familiensynode ist zu Ende, die Debatte geht weiter: Wie findet die katholische Kirche endlich Zugang zur Wirklichkeit der Menschen? Und wie lange muss das noch dauern? Zum Beispiel in der Frage, was eigentlich eine Ehe ist – und wie lange sie hält. Ein Zwischenruf des Theologen und Priesters Heinrich Schreckenberg
von Heinrich Schreckenberg vom 19.10.2014
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Rom im Oktober 2014: Papst Franziskus debattiert mit seinen Bischöfen über Liebe, Ehe und Sex. Kann das gutgehen? Und wohin wird es führen? Etwa  zu einer neuen Lehre der römischen Kirche? (Foto: pa/dpa/Fabio Frustaci)
Rom im Oktober 2014: Papst Franziskus debattiert mit seinen Bischöfen über Liebe, Ehe und Sex. Kann das gutgehen? Und wohin wird es führen? Etwa zu einer neuen Lehre der römischen Kirche? (Foto: pa/dpa/Fabio Frustaci)

Zum Thema Ehescheidung sagt der Katechismus der katholischen Kirche: »Der Ehepartner, der sich wieder verheiratet hat, befindet sich ... in einem dauernden, öffentlichen Ehebruch.« An anderer Stelle heißt es, dass ein solcher Ehepartner vom Empfang des Bußsakramentes und der Kommunion ausgeschlossen ist.

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Im Herbst 2013 schrieb Hans-Jochen Vogel, ehemals Oberbürgermeister von München und Berlin und Bundesminister, in der ZEIT einen Artikel unter dem Titel: »Warum droht uns ewige Verdammnis?« Er hatte sich mit dem Thema Todsünde im Katechismus genau beschäftigt. Neben vielen Todsünden spielen jene im sexuellen Bereich eine besondere und die meisten Menschen betreffende Rolle. Vogel kam zu dem Ergebnis, »dass die deutliche Mehrheit aller Katholiken, nach der kirchlichen Lehre, im Zustand einer drohenden, ewigen Verdammnis lebt.« Er – ein bekennender Katholik – sei durch Scheidung und Wiederheirat persönlich betroffen.

Das Schicksal der geschiedenen und wieder verheirateten Katholiken ist zurzeit ein brennendes Thema der Kirche, Papst und Bischöfe suchen eine Lösung. Gerade ist der erste Teil der römischen Familiensynode zu Ende gegangen, nach heftigen Debatten und mit offenem Ausgang. Im Oktober 2015 soll der zweite Teil der Synode folgen; dann soll es auch konkrete Entscheidungen geben.

Welche Lösung die versammelten Bischöfe finden werden, hat Einfluss auf katholisches Leben weltweit. Der Vorschlag einiger Bischöfe, der jetzt in Rom zu hören war, die wieder Verheirateten in Zukunft aus Barmherzigkeit doch an der Kommunion teilnehmen zu lassen, ist einerseits menschenfreundlich – weitaus menschenfreundlicher jedenfalls als die Haltung eines Kardinal Burke und seiner Fraktion. Aber andererseits ist diese »kleine Lösung« keine Lösung. Vom Zustand, in dauernder Todsünde zu leben, könnte nur eine sakramentale Absolution befreien –, ganz abgesehen davon, dass viele Katholiken in dieser Frage eine persönliche Gewissensentscheidung bereits getroffen haben und am Gottesdienst mit Kommunion teilnehmen.

Was die Bibel zur Lösung der Frage hergibt

Die Grundfrage heißt: Ist die Ehe, nach katholischer Lehre, prinzipiell unauflöslich?

Zuerst einmal ist festzustellen: Für alle christlichen Kirchen und Konfessionen spielt die eheliche Treue und Einheit, »bis das der Tod euch scheidet«, eine fundamentale Rolle. In der Geschichte der christlichen Ehelehre und Praxis gab es allerdings viele unterschiedliche Deutungen.

In den ersten vier Jahrhunderten wurde eine Wiederheirat oft geduldet. Aus »heils-ökonomischen« Gründen wurde die Barmherzigkeit und Vergebung Gottes für solche Eheleute wichtiger als das Gebot der lebenslangen Einehe. Und bis heute gibt es in der Orthodoxie eine andere Praxis als in der römisch-katholischen Kirche – die wiederum die Praxis der Orthodoxen, die kirchliche Wiederheirat ermöglichen, anerkennt. Alles eine Frage der Tradition – und die wird ja in der Kirchen bekanntlich hoch gehandelt.

Seit Augustinus – der selbst in seiner vorchristlichen Lebensphase ausschweifend sexuell und in einer Ehe gelebt hat – kennen wir die drei Wesenseigenschaften der christlichen Ehe: Einheit, Unauflöslichkeit und Fruchtbarkeit. Im Matthäus-Evangelium, Kapitel 5 und 19, sowie im Markus-Evangelium, Kapitel 10, im Streit mit den Pharisäern und der jüdischen Praxis, sagt Jesus: Gott habe den Menschen als Mann und Frau geschaffen, »deshalb wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden, und die zwei werden ein Fleisch sein… was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen.« Jesus werden in der Bibel auch die folgenden Worte zugeschrieben: »Ich sage euch, wer seine Frau entlässt, obwohl sie die Ehe nicht gebrochen hat und eine andere heiratet, begeht Ehebruch.« Den biblischen Text grundiert dabei die Lebenswelt Jesu und seiner Jünger vor mehr als 2000 Jahren: Der Vorrang des Mannes vor der Frau wird gesellschaftlich als selbstverständlich vorausgesetzt. Die Jünger schließen bei Matthäus 19,10 daraus, dass ihnen die Jesuanischen Gebote ungeahnte Nachteile verschaffen, wenn sie heiraten: »Wenn das die Stellung des Mannes in der Ehe ist, dann ist es nicht gut zu heiraten.«

Jesus appelliert, die Kirche dogmatisiert

Wenn wir uns nur an die biblischen Worte halten, wird klar, dass Jesus – wie es die Exegeten formulieren – lediglich ein »Zielgebot« gibt: »...was aber Gott verbunden hat, das darf (soll) der Mensch nicht trennen.« Der Begriff »Unauflöslichkeit der Ehe«, den die katholische Kirche eingeführt hat, ist dagegen eine dogmatische Formulierung, eine Verabsolutierung. Das Wort aus der Trauungsformel – »...bis der Tod euch scheidet««, ist auch nicht biblisch. Junge Leute denken heute lieber: » ... so lange wir uns lieben.«

Tatsächlich haben wir in der Praxis der Kirche eine Reihe von Eheauflösungen. Seit Jahrhunderten gibt es so genannte Ehenichtigkeits-Prozesse. Sie annullieren eine Ehe kirchlich, wenn bewiesen wird, dass ein Partner Einheit, Unauflöslichkeit oder Fruchtbarkeit der Ehe ablehnt, möglicherweise gar schon beim Eheschluss selbst abgelehnt – dies aber nicht gesagt – hat. Auch der Zwang zur Ehe oder der Irrtum in der Person sind Ehenichtigkeits-Gründe.

Die Wirklichkeit holt uns ein

Junge Paare heute ersehnen sich eine glückliche und treue Ehe. Wenn ihre Ehe aber scheitert, sind sie in überwältigender Mehrheit überzeugt, dass sie wieder heiraten dürfen, moralisch berechtigt.

Schon die Hochzeitsfeier selbst zeigt die bahnbrechenden kulturellen Veränderungen, die im 20. Jahrhundert begannen und nun existent sind. Ich habe es selbst oft erlebt: Nach der Trauung begrüßt und beglückwünscht man die Eltern des Brautpaares – den Vater der Braut mit seiner Freundin und die Mutter mit ihren neuen Ehemann, vielleicht auch so beim Bräutigam. Viele Hochzeitsgäste und Verwandte sind geschieden, nicht wenige wieder verheiratet.

Das ist natürlich noch kein Grund für eine Liberalisierung der kirchlichen Ehelehre. Aber es zeigt zuerst einmal, welche gewaltige Veränderungen in unserer Ehe und – Familienkultur eingetreten sind. Laut Statistik heiratet übrigens nur ein Drittel der standesamtlich getrauten Katholiken auch kirchlich.

Außerdem habe ich auch dies erlebt: Es gibt viele wieder verheiratete Ehepaare, die seit Jahren, oft Jahrzehnten, treu, glücklich und gläubig zusammen leben und am Gemeindeleben teilnehmen. Kann, muss ein solches Paar dauernd schuldbewusst daran denken, dass seine jetzige Ehe vor der Kirche und vor Gott nicht gilt?

Die Ehe ist eine höchst persönliche Lebensentscheidung. Sie kann nur unter personalen Kategorien gedeutet werden. Wenn eine Ehe zerbricht, wenn es ihre Liebe und Einheit nicht mehr gibt, dann muss man von einem gleichsam moralischen Tod der Ehe sprechen. Sie ist dann von ihrem Wesen her aufgelöst. Das Eheband ist zerrissen. In diesem Fall wären Vergebung und Barmherzigkeit der Kirche angesagt –, die einer neuen Ehe zustimmen kann.

Jesus denkt neu; warum kann die Kirche nicht neu denken?

Eine Reform der römisch-kirchlichen Ehelehre ist also dringend notwendig. Die orthodoxen und orientalischen Kirchen mit ihrer Ehepraxis sind römisch anerkannt. In unserer globalisierten Welt leben wir auf engstem Raum zusammen und es gibt immer mehr konfessionsverschiedene Ehen. Warum soll die römisch-katholische Kirche also an ihrer selbstzentrierten Ehelehre festhalten? Der amerikanische Bibelwissenschaftler J. Fitzmyer hat geschrieben: »Wenn der Evangelist Matthäus unter der Leitung der Inspiration im Hinblick auf die Probleme seiner Zeit« einen Jesus sprechen lässt, der den Ehe-Legalismus seiner Umwelt kritisiert und das Verständnis der Ehe in eine menschliche Richtung lenkt, »warum kann die geistgelenkte Kirche einer späteren Generation nicht eine analoge Regelung treffen, angesichts der brennenden Ehenot unserer Tage?«

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Personalaudioinformationstext:   Heinrich Schreckenberg ist katholischer Theologe und Pfarrer im (Un-)Ruhestand. Er lebt in Dortmund.
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