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Die Kirche bewegt sich – nicht

Monate nach Erscheinen des päpstlichen Schreibens Amoris laetitia haben die deutschen katholischen Bischöfe reagiert. Sie erlauben die Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene – unter bestimmten Bedingungen. Ist das ein Fortschritt? Zwei Meinungen
von Markus Dobstadt , Britta Baas vom 02.02.2017
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Die Hostie in Priesterhänden: Nicht jeder Kirchenbesucher fühlt sich ohne Umschweife gemeint, wenn das Wort »Einladung« zum Tisch des Herrn fällt.(Foto: istockphoto/Avalon_Studio)
Die Hostie in Priesterhänden: Nicht jeder Kirchenbesucher fühlt sich ohne Umschweife gemeint, wenn das Wort »Einladung« zum Tisch des Herrn fällt.(Foto: istockphoto/Avalon_Studio)

Markus Dobstadt: »Die Bischöfe sind über ihren Schatten gesprungen«

»Endlich!«, könnte man seufzen. »Die Kirche bewegt sich doch!« Wenn auch nur millimeterweise, mit aufwendigen Rückversicherungen und Erklärungen. Aber immerhin, sie gibt ein Signal von sich, dass sie die Lebenswelt ihrer Gläubigen überhaupt wahrnimmt. Auf sieben Seiten formuliert das »Wort der deutschen Bischöfe« eine »Einladung zu einer erneuerten Ehe- und Familienpastoral«. Aber man merkt dem Schreiben an, welche Überwindung es die Bischöfe gekostet hat, auf die wiederverheirateten Geschiedenen im Land zuzugehen.

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Riesengroß scheint ihre Angst zu sein, die Kirche verschleudere ihre Kostbarkeiten einfach so an Sündige. Denn die Erlaubnis, das Sakrament zu empfangen, wird nicht frisch und frei aus Mitgefühl und dem Verständnis heraus gegeben, dass Gott für alle da ist. Sie wird an Bedingungen geknüpft: »Amoris laetitia geht von einem Prozess der Entscheidungsfindung aus, der von einem Seelsorger begleitet wird. Unter der Voraussetzung dieses Entscheidungsprozesses, in dem das Gewissen aller Beteiligten in höchstem Maß gefordert ist, eröffnet Amoris laetitia die Möglichkeit, die Sakramente der Versöhnung und der Eucharistie zu empfangen.« Müssen die Bischöfe den Eindruck erwecken, es handele sich um eine persönliche Schicksalsfrage, ob man als wiederverheirateter Geschiedener die Kommunion empfängt oder nicht?

Zu begrüßen ist aber gleichwohl, dass sie über ihren Schatten springen, die kirchlichen Ketten lockern und auch die seelsorgerische Begleitung von Paaren und Familien intensivieren wollen. Nur reden sie in vielen ihrer Sätze mal wieder an den Menschen vorbei. Fehl am Platz ist etwa der Hinweis auf die angebliche Schuld von Geschiedenen. In dem Bischofswort heißt es: »Amoris laetitia übersieht weder die schwere Schuld, die viele Menschen in solchen Situationen des Zerbrechens und Scheiterns ehelicher Beziehungen auf sich laden, noch die Problematik, dass eine zivilrechtliche Wiederheirat dem sichtbaren Zeichen des Ehesakraments widerspricht, selbst wenn die betroffene Person schuldlos verlassen wurde.«

Man fragt sich schon: In welcher Welt leben Menschen, die solche verschwurbelten Sätze schreiben und offenbar selbst daran glauben? Die Bischöfe gehen mit der Religion um, als wäre sie ihr Privatbesitz und als könnten sie darüber verfügen. So dürfen sie sich nicht wundern, wenn die Kirchen immer leerer werden. Als Moralapostel begeistern sie niemanden für den Glauben. Das Feuer der Liebe und Begeisterung zu entzünden, wäre aber ihre eigentliche Aufgabe.

Sie hätten ganz einfache Sätze schreiben können wie: »Natürlich können wiederverheiratete Geschiedene zur Kommunion gehen, wo immer sie wollen. Warum denn nicht? Sie sind uns alle willkommen!«

Britta Baas: »Viel Weihrauch um nichts!« Ein Wutausbruch

»Der Berg kreißt – und gebiert eine Maus. Das ist genau das, was die katholischen deutschen Bischöfe mit ihrer aktuellen »Einladung zu einer erneuerten Ehe- und Familienpastoral« geschafft haben. Allein dieser Titel! Er steht symbolisch für die Unfähigkeit, in Sprache und Denke Menschen des 21. Jahrhunderts zu erreichen.

Doch es geht um viel mehr als das. Die Bischöfe schreiben nicht nur in einer völlig insiderischen Kirchensprache über normale Dinge – wie sie Ehe, Familie und Teilnahme an der Gemeinschaft der Christen sind. Sie vergessen auch, zeitgeschichtliche Entwicklungen und menschenrechtliche Errungenschaften kirchlich zu adaptieren. Es macht mich traurig und wütend gleichzeitig, dass diese Männer eine Kirche leiten, deren Mitglied ich bin.

Verehrte Herren Bischöfe,

die Deklaration der Allgemeinen Menschenrechte liegt schon einige Jahrzehnte zurück. Ich möchte gerade deshalb an sie erinnern, denn in der römisch-katholischen Kirche sind wesentliche Punkte nicht angekommen. In dieser Deklaration wird davon ausgegangen, dass Menschen gleichwertig und gleichberechtigt sind. Dass sie sich ihres Verstandes bedienen. Dass sie Schuld auf sich laden können, aber diese Schuld nicht ewig tragen müssen.

In jedem Fall geht die Deklaration davon aus, dass Menschenrechte existieren –, jenseits der Frage, ob sie dem ein oder anderen Machtapparat gerade quer kommen. Daraus folgt: Wer Macht hat, muss sie vor den Menschenrechten immer neu rechtfertigen, sie überprüfen lassen – und sie abgeben, wo die Macht nicht (mehr) glaubwürdig ist.

An diesem Punkt angekommen, muss ich Ihnen klar sagen: In meinen Augen – und in den Augen vieler, das sagen die Kirchenaustritte – sind Sie schon lange machtlos. Warum? Da könnte ich lange ausholen. Aber es geht auch einfach, weil es so offensichtlich ist: Die Machtlosigkeit wird aller Welt demonstriert durch Papiere wie diese »Einladung zu einer erneuerten Pastoral«.

Glauben Sie denn, dass sich Menschen eingeladen fühlen, wenn Sie ihnen vor allem sagen, was sie alles leisten müssen, bevor sie mit Ihnen – dem wissenden, urteilenden priesterlichen Personal der Heiligen Kirche – an den gemeinsamen Tisch treten dürfen? Glauben Sie, sie machten erhoffte Gäste froh, wenn Sie ihnen zunächst einen »langen Glaubensweg« abverlangen, »Voraussetzungen«, unter denen sie willkommen sind, »Gewissensbildung«, bevor sie an den Tisch des Herrn robben dürfen?

Ich bin fassungslos, wütend, entsetzt, wie Sie mit der neu gegebenen Freiheit aus Rom umgehen! Es ist einfach nur schlimm. Da kommt ein Papst, der sagt: Kirche, dezentralisiere dich! Ortsbischöfe, entscheidet die Dinge eurer Kirche vor Ort, nach Maßgabe von Liebe und Barmherzigkeit! Und was machen Sie? Sie sind dieser neuen Freiheit nicht würdig. Wahrscheinlich ist die traurige Wahrheit: Sie können Freiheit einfach nicht. Vielleicht sind Sie zu lange autoritär verbogen worden, um überhaupt noch zu merken, wo Auferstehung möglich ist. Das Kirchengrab ist voll – und bleibt es, mit diesem Papier.

In ihm ist viel davon die Rede, was – ich mute Ihnen die nun folgende Wortwahl einfach mal zu, Sie tun es mit Ihrer Wortwahl ja auch umgekehrt – ein gescheitertes Katholikenwürstchen alles tun muss, damit es unter Umständen künftig die Kommunion empfangen darf. Aber wenn sich das Katholikenwürstchen nun als selbstbewusster Mensch entpuppt? Das zivile Scheidungsrecht hat aus guten Gründen irgendwann darauf verzichtet, bei Scheidungen zu klären, wer von beiden »schuldig geschieden« und wer »unschuldig geschieden« wird. Weil das Leben eben nicht einfach in Schwarz oder Weiß gemalt wird. Vielleicht können Sie das irgendwann auch theologisch bedenken? Als Menschen haben Sie es vielleicht schon erfahren, umgesetzt wird diese Erfahrung in unserer gemeinsamen Kirche aber leider nicht. All Ihre weihrauchverhangenen Worte können eines nicht: darüber hinwegtäuschen, dass es noch immer und immer wieder der Priester sein soll, der nach langer Erforschung der Seelenzustände des Katholikenwürstchens entscheidet, ob dieses nun der Kommunion würdig ist oder nicht. Was für eine Einladung!

Vielleicht sollten wir Katholikinnen und Katholiken künftig in Gedenken an Jesus – der bekanntlich mit Sündern aß und seinen Kelch mit Menschen teilte, die er nicht zuvor peinlich befragte, in welchem rechtlichen Status sie eigentlich an diesem Mahl teilnähmen – einfach VOR der Kirche unseren Esstisch aufbauen. Wir sollten einladen, wer eingeladen sein möchte. Selbstverständlich dürfen auch Bischöfe kommen! Wir fragen Sie vorher nicht, welche Sünden Sie diese Woche begangen haben und ob Sie sich vor uns auch schon gerechtfertigt hätten. Wir freuen uns einfach, wenn Sie kommen.

Zum Abschluss möchte ich Ihnen noch sagen: Ich bin nicht geschieden und gedenke mich auch nicht scheiden zu lassen. Aber Ihre Einladung greift meine Menschenwürde an. Ich rechne nicht mehr damit, dass Sie das verstehen werden. Aber sagen tue ich es Ihnen trotzdem.«

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Personalaudioinformationstext:   Markus Dobstadt und Britta Baas, beide Katholiken, haben »das Wort der deutschen Bischöfe« zu »Amoris laetitia« für Sie gelesen. Welche Veränderungen es bringt – und was diese Veränderungen bedeuten – betrachten Sie auf zwei Weisen. Gemeinsam ist ihnen die Erkenntnis, dass aus diesem Papier eine Kirchenleitung spricht, die vor allem und zuerst »Angst hat, die Kirche könne ihre Kostbarkeiten einfach so an Sündige verschleudern«.
Lesen Sie online auch Michael Schrom: »Gut gemeint, aber nicht gut gemacht«, in Publik-Forum 3/2017.
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Schlagwörter: Kirche Kommunion
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