Zur mobilen Webseite zurückkehren

Streit um Kopftuch an Österreichs Schulen

von Michael Schrom vom 06.10.2026 Vorgelesen von einer künstlichen Stimme.
Artikel vorlesen lassen
(Foto: PA / Herbert Neubauer))
(Foto: PA / Herbert Neubauer))

Seit Beginn des neuen Schuljahres gilt in Österreich ein Verbot des Tragens von Kopftüchern für Schülerinnen bis zur Vollendung des 14. Lebensjahres. Damit will die österreichische Regierung sicherstellen, dass nur religionsmündige Schülerinnen aus freiem Willen ein Kopftuch in der Schule tragen und nicht von ihrem Elternhaus dazu genötigt werden. Gegen das Gesetz protestieren die islamischen Professorinnen für Religionspädagogik Elif Medeni und Canan Bayran. Mündigkeit entstehe nicht dadurch, dass der Staat über Kleidung entscheidet, schreiben sie in der österreichischen Wochenzeitung »Die Furche«. Das Gesetz blockiere Freiheit und Selbstbestimmung und sende zudem eine diskriminierende Botschaft in die Gesellschaft. Denn es entstehe »der Eindruck, dass muslimische Religiosität einer besonderen staatlichen Kontrolle bedarf«. Ein Schule müsse eingreifen, wenn ein Kind unter Druck gesetzt wird. »Aber gerade deshalb darf nicht aus dem Tragen einer religiös motivierten Kleidung auf Unfreiheit geschlossen werden.« Die entscheidende Frage laute: »Trauen wir jungen Menschen zu, Entscheidungen zu treffen und Positionen zu entwickeln? Oder erklären wir bestimmte Kinder aufgrund ihrer religiösen Zugehörigkeit zunächst für besonders schutzbedürftig und nehmen ihnen damit jene Handlungsfähigkeit, die wir doch angeblich fördern wollen?«

Dieser Artikel stammt aus Publik-Forum 19/2026 vom 09.10.2026, Seite 40
Wir haben alle verloren
Wir haben alle verloren
Anzeige
loading

In derselben Ausgabe verteidigt der islamische Theologe Mouhanad Khorchide das Gesetz. Es sei nicht diskriminierend, sondern diene dem Kinderschutz und stehe im Einklang mit der islamischen Tradition. Aus dem Koran lasse sich kein Kopftuchgebot ableiten, schon gar nicht für religionsunmündige Kinder. »Hochproblematisch wird es dort, wo man Mädchen suggeriert, sie seien Objekte der Verführung und müssten ihre Haare bedecken, um Männer zu schützen.« Dadurch werde der Mann zum Opfer, das Mädchen zur Schuldigen. Das sei eine absurde Täter-Opfer-Umkehr.

Außerdem schütze das Verbot »genau jene Mädchen, die das Kopftuch gar nicht tragen wollen, es aber von den Eltern auferlegt bekommen«. Diese Mädchen müssten nun nicht mehr gegen ihre Eltern argumentieren, sondern könnten schlicht auf das Gesetz verweisen. »Das ist keine Einschränkung von Freiheit, es ist ihre Ermöglichung.«

Khorchide erinnert an eine Entwicklung, die Lehrerinnen und Lehrer an Schulhöfen öfter beobachten: dass männliche Schüler sich als Religionspolizisten aufspielten und Schülerinnen, die kein Kopftuch tragen, abwerteten. »Dieser Druck kommt nicht von der Mehrheitsgesellschaft, sondern aus der eigenen Gruppe.« Zudem stünden Kinder unter 14 Jahren mitten in ihrer Identitätsentwicklung, »ihr Handeln folgt dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit, nicht abwägender Reflexion«.

Er hätte sich gewünscht, schreibt Khorchide, dass muslimische Gemeinden und islamische Lehrende von sich aus darüber aufklären, dass ein Kopftuch vor der geistlichen Reife in der islamischen Tradition gar nicht vorgesehen ist. Dann hätte der Staat gar nicht erst eingreifen müssen. »Stattdessen wird oft argumentiert, junge Mädchen sollen sich daran gewöhnen.« So provoziere man jenes staatliche Handeln, das man später beklage.

4 Wochen freier Zugang zu allen PF+ Artikeln inklusive E-Paper
Publik-Forum
Publik-Forum
Einen Moment bitte...
0:000:00
1.0