Die Welt schwitzt, die Kirche schweigt
Vor einem Jahr, die Große Koalition hatte gerade ihre Ziele für die kommenden vier Jahre beschlossen, sagte der damalige badische Landesbischof Ulrich Fischer: »Der Koalitionsvertrag ist eine Enttäuschung, was die Klimapoltik betrifft.« Die Politik, aber auch viele Bürger, hätten noch lange nicht begriffen, dass es bei den CO2-Emissionen um eine Überlebensfrage der gesamten Schöpfung gehe, die an Dramatik gar nicht zu überbieten sei.
Klare Worte eines Bischofs, der inzwischen in den Ruhestand getreten ist. Seither hat sich kein Kirchenvertreter von der evangelischen oder katholischen Kirche mehr so eindeutig in bundesweiten Medien zum Klimaschutz geäußert. Dabei gab und gibt es Anlässe genug, um auf die große Bedrohung hinzuweisen. Der Weltklimarat (IPCC) hat seinen fünften Bericht zum Weltklima veröffentlicht. Auch die Politik der Bundesregierung hätte es verdient, dass sich die Kirchen mahnend zu Wort melden.
Das im Sommer novellierte Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) deckelt den Ausbau des Ökostroms und dürfte die Energiewende in Bürgerhand spätestens 2017 abwürgen. Dann wird von der gesetzlich festgelegten Vergütung für Ökoenergie auf ein Ausschreibungsmodell umgestiegen. Noch industriefreundlicher ist das »Aktionsprogramm Klimaschutz«, das das Bundeskabinett gestern beschlossen hat. Seit Wochen laufen die Umweltverbände gegen die Absicht von Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) Sturm, nur 22 Millionen Tonnen Kohlendioxid bei den Kohlekraftwerken einzusparen. Die exzessive Kohleverstromung ist verantwortlich dafür, dass die CO2-Emissionen in Deutschland seit 2012 wieder steigen.
Unisono fordern die Verbände, die älteren und ineffizienten Kohlekraftwerke stillzulegen. »Ein weiteres Schonen der größten Klimaverschmutzer Deutschlands ist nicht akzeptabel«, sagt etwa der Vorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND)Hubert Weiger.
»Diese Situation ist unerträglich«
Das Umweltbündnis Klimaallianz Deutschland, der mehrere evangelische Landeskirchen und Caritas International angehören, hat sogar einen offenen Brief an Gabriel und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) geschrieben. Es weist darauf hin, dass es »massive Überkapazitäten bei Braun- und Steinkohle« gebe und dass viele klimafreundlichere Gaskraftwerke deswegen stillstünden. »Diese Situation ist unerträglich«, heißt es in dem Schreiben. Deutschland werde seine Klimaziel – bis 2020 soll der CO2-Ausstoß um 40 Prozent gegenüber 1990 sinken – nicht erreichen, kritisiert die Klimaallianz.
Die deutschen Emissionen sind sicherlich nicht entscheidend für die Welt. Doch die ganze Welt schaut auf die deutsche Energiewende. Und es ist schon entscheidend, ob Deutschland demonstrieren kann, wie ein Industrieland seine Energie ökologisch erzeugt. Gelingt es, wird das weltweit viele Nachahmer finden. Und das wäre notwendig, denn die Lage ist durchaus dramatisch. Gerade erst haben Forscher festgestellt, dass wegen der Erderwärmung bei dem riesigen Westantarktischen Eisfeld ein Kipppunkt überschritten wurde, der Schmelzprozess nicht mehr gestoppt werden kann und es unwiderruflich ins Meer rutschen wird.
Der Weltklimarat weist zudem immer wieder darauf hin, wie dringend nötig eine Reduzierung des CO2-Ausstoßes ist, soll die Erderwärmung nicht bedrohliche Ausmaße annehmen. Die CO2-Konzentration in der Atmosphäre ist heute »so hoch wie noch nie zuvor in den zurückliegenden 800.000 Jahren«,schreiben die Wissenschaftler. Würde sich nichts ändern, stiege die Erdtemperatur bereits bis zur Mitte des Jahrhunderts um zwei Grad an. Und danach ginge es mit der Temperaturkurve noch viel weiter nach oben. Mit unkalkulierbaren Veränderungen. (Lesen Sie auf der nächsten Seite weiter.)
Warum schreien die Kirchen nicht Alarm?
Angesichts solcher Perspektiven: Warum schreien die Kirchen nicht viel stärker Alarm? Sie treten durchaus für mehr Klimaschutz ein. 2009 verabschiedete die EKD eine eigene Denkschrift dazu. Die katholischen Bischöfe verabschiedeten 2006 einen »Expertentext zum Klimawandel«. Die Kirchen sanieren energetisch ihre Gemeindehäuser, Landeskirchen befassen sich mit dem Thema. Die Nordkirche brachte bei ihrer jüngsten Synode ein Klimagesetz auf den Weg, das den Weg beschreibt zu einer CO2-neutralen Kirche bis zum Jahr 2050. Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken hat im vergangenen Oktober eine Erklärung beschlossen unter dem Titel »Weltklimagipfel in Paris 2015 – Wendepunkt für unsere Erde!« . Es fordert darin »umfassende Anstrengungen für den Klimaschutz«.
Das alles ist ehrenwert und wichtig. Doch wenn man sieht, mit welcher Energie sich die Kirchen mit den Themen Sterbehilfe, Sonntagsschutz oder Waffenexport befassen, dann ist die Frage: Warum ist ihnen die Gefahr für die Schöpfung nicht auch mal wieder einen lauten Ton wert? Reinhard Marx und Heinrich Bedford-Strom, der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz und der neue Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland könnten dazu gemeinsam einmal vor die Presse treten. Was wäre das für ein wunderbarer Beginn ihrer noch recht frischen Amtszeiten.
