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»Die Klimaforscher haben versagt«

Lutz Wicke, selbst Klimawissenschaftler, fordert von seinen Kollegen, einen deutlich stärkeren Druck auf die Politik auszuüben, damit die für einen ausreichenden Klimaschutz sorgt. Die Möglichkeit, eine katastrophale Entwicklung zu verhindern, gibt es nur noch wenige Jahre
von Markus Dobstadt vom 08.08.2013
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Wenn die Politik weitermacht wie bisher, wird sich das Weltklima bis zum Jahr 2100 um sechs Grad erwärmen, sagt die  Internationalen Energieagentur (IEA)  - mit katastrophalen Folgen. Daher fordert der Wissenschafftler Lutz Wicke, dass endlich ein wirksamer Klimavertrag abgeschlossen wird (Foto: PA/DPA/Chinafotopress)
Wenn die Politik weitermacht wie bisher, wird sich das Weltklima bis zum Jahr 2100 um sechs Grad erwärmen, sagt die Internationalen Energieagentur (IEA) - mit katastrophalen Folgen. Daher fordert der Wissenschafftler Lutz Wicke, dass endlich ein wirksamer Klimavertrag abgeschlossen wird (Foto: PA/DPA/Chinafotopress)

Die Politik hält am Ziel fest, die Erwärmung der Erde auf zwei Grad zu begrenzen. Ist das überhaupt noch machbar?

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Lutz Wicke: Das wäre nach 2010 realistisch gewesen. Auf der Weltklimakonferenz in Cancún in Mexiko hat man offiziell beschlossen, dass eine Erwärmung auf zwei Grad als Äußerstes für die Welt noch verträglich wäre. Danach hätte man – auch mit entschiedenerem Druck der Klimaforscher – darangehen müssen, ein wirksames System für Klimaschutzmaßnahmen zu entwickeln und zu beschließen.

Das Ziel von zwei Grad ist also in weiter Ferne?

Wicke: In Cancún haben sich die Staaten zu bestimmten CO2-Minderungen verpflichtet. Doch dadurch würde die Erwärmung höchstens auf 3,5 Grad begrenzt. Und nicht einmal diese Reduktionen werden erreicht. Wenn man weitermacht wie bisher werden es – nach Aussagen der Internationalen Energieagentur (IEA) – allein bis zum Jahr 2100 sechs Grad werden. Selbst diese Organisation, der man kein Faible für den Klimaschutz nachsagen kann, warnt davor, dass wir auf einen katastrophalen Klimawandel zulaufen.

Welche Folgen wird der extreme Klimawandel haben?

Wicke: Auch eine Erwärmung um zwei Grad hätte schon dramatische Folgen. Vier Grad sind verheerend. Und sechs Grad schon im Jahr 2100 sind fast unvorstellbar. Ich arbeite seit elf Jahren an dem Thema. Und die düstersten Prognosen werden immer wahrscheinlicher. Es gibt dazu einen guten Weltbankbericht, sorgfältig präpariert von Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Allein vier Grad bedeutet in den Mittelmeerländern, den mittleren Zonen von USA und Mexiko sowie in Asien plus acht Grad im Sommer. Die Alpen und der Hindukusch werden in Nullkommanichts abschmelzen.

Dabei wäre eine stärkere Begrenzung des Klimawandels doch technisch machbar, oder?

Wicke: Es wäre mit großer Mühe machbar. Aber man muss realistisch sagen, es würde weltweit 30 bis 50 Dollar pro Barrel Öl zusätzlich kosten. Der Preis für Benzin, Heizöl, Diesel, Gas würde drastisch steigen.

Warum?

Wicke: Weil man die Menschen über den Preis dazu anregen müsste, drastisch Energie zu sparen. Man darf sich keine Illusionen machen, es wird richtig schwer werden, sie davon zu überzeugen. In Entwicklungsländern könnte man eine persönliche Kompensation auszahlen, einen Ausgleich für die erhöhten Energiepreise.

Das müssten die Industrieländer bezahlen?

Wicke: Länder, die pro Kopf deutlich weniger CO2 emittieren als einen global tolerierbaren Wert, würden von den Industrieländern einen Ausgleich bekommen. Das basiert auf der Idee, dass jeder Mensch das gleiche Recht hat, Emissionen zu verursachen.

Sie sagen, die Klimawissenschaftler hätten auf die Politik stärkeren Druck ausüben müssen. Sie werfen in Ihrem »Klimakassandras«-Thesenpapier den Wissenschaftlern Versagen vor und beziehen sich selbst mit ein.

Wicke: Die Klimawissenschaft hat sich mit tollen Leistungen den Friedensnobelpreis verdient, der UNO-Klimarat hat ihn 2007 zusammen mit dem damaligen US-Vizepräsident Al Gore bekommen. Aber auch aus der Angst, sie könnten Gelder gestrichen bekommen, wenn sie der Politik auf die Füße treten, haben sich die allermeisten Kolleginnen und Kollegen an die offiziellen politischen Linien voll angepasst. Ein aktuelles Beispiel: Kürzlich hat der Chef eines großen europäischen Instituts bei dem Leiter einer großen Wissenschaftsorganisation in den USA nachgefragt, ob man nicht endlich mal Tacheles reden sollte. Der Kollege hat ihm geantwortet, wenn er das täte, sperrten ihm die Republikaner im Kongress die Mittel. Ich kann das zwar rational verstehen. Wer für mehrere Hundert Mitarbeiter zuständig ist, passt mit Recht auf, dass er seine finanzielle Basis nicht gefährdet. Aber: Mit wissenschaftlicher Ethik und Verantwortung vor der Schöpfung und vor den gegenwärtigen und den nachfolgenden Generationen hat das wenig zu tun.

Die finanziell mit Milliardenbeträgen geförderte Klimawissenschaft und die Zehntausenden von Kolleginnen und Kollegen sollten einmal so selbstkritisch werden, wie das die Atomwissenschaftler und Väter der Atombombe Robert Oppenheimer und Andrej Sacharow geworden sind. Die Erkenntnisse der Klimawissenschaftler haben eine noch größere, dauerhafte und menschheitsbedrohende Sprengkraft. Und: Keine andere Wissenschaftsdisziplin hat einen so eindeutig völkerrechtlich fixierten Auftrag – nämlich die Verhinderung von gefährlichen Störungen des Weltklimasystems (Art. 2 UNFCCC). Mein Rigorismus wird natürlich nicht von allen Kolleginnen und Kollegen »geliebt« – ein wichtiger Klimawissenschaftler hat mich als »Martin Luther des Klimaschutzes« bezeichnet. Das ehrt mich, denn Luther ist mein Vorbild. Mein Furor aber ist nötig: Es geht um das Überleben von Milliarden von Erdenbürgern heute und in der Zukunft weit über 2050 oder 2100 hinaus!

Was müssten die Klimawissenschaftler tun?

Wicke: Sie müssten permanent auf die katastrophale Situation hinweisen. Es müssten alle Institutionen zusammenarbeiten, um den Politikern klarzumachen, was zu tun ist.

Warum starten Sie keine Initiative?

Wicke: Ich habe viel unternommen. Als Mitglied im Nachhaltigkeitsbeirat in Baden-Württemberg, als Wissenschaftlicher Direktor im Bundesumweltamt und als Staatssekretär im Berliner Senat habe ich für mehr Klimaschutz gekämpft. Ich bin von Pontius bis Pilatus gelaufen mit Vorschlägen. Ich kann mir nicht vorwerfen, dass ich nicht das Äußerste unternommen habe. Dennoch: Ich habe versagt. Das »Ergebnis« meiner Bemühungen wie auch all derer, die sich wirklich um Klimaschutz und eine deutlich verbesserte Welt-Klimapolitik bemüht haben, besteht letztlich in einer Steigerung der jährlichen weltweiten Kohlendioxidemissionen um fast 50 Prozent seit 2000.

Haben Sie Reaktionen auf Ihre Thesen bekommen?

Wicke: Schon und teilweise sehr erfreuliche. Aber ich sehe bei den meisten Kollegen noch keinesfalls eine ausreichende selbstkritische Betrachtung. Ich habe schon vor Jahren darauf hingewiesen, dass das derzeitige Klimaschutzsystem nicht funktionieren kann und es geradewegs in den Klimaabgrund führt. Viele haben mich damals als Geisterfahrer bezeichnet. Leider hatte ich recht!

Warum kann es nicht funktionieren?

Wicke: Es gibt fünf elementare Fehler: Erstens ist das System ungerecht. So lange nicht jeder Mensch die gleichen Verschmutzungsrechte hat, kann daraus nichts werden. Die Entwicklungsländer sagen mit Recht, ihr emittiert etwa in Deutschland neun Tonnen pro Kopf, wir aber nur ein oder zwei Tonnen, wieso sollen wir uns beschränken? Das Kyoto-Protokoll verpflichtete daher nur die höher entwickelten Länder zu Reduktionen. Zweitens laufen die Verhandlungen wie auf einem Basar oder wie bei der Kollekte in der Kirche: Jeder gibt so wenig wie er kann. Drittens: Es sind nur unverbindliche Selbstverpflichtungen ohne Sanktionen beschlossen worden. Deutschland verpflichtete sich, die Emissionen um 22 Prozent zu senken und hat das Ziel erfüllt. Andere konnten das politisch nicht durchsetzen. US-Präsident Barack Obama könnte, selbst wenn er es wollte, die Emissionen beispielsweise nicht um 40 Prozent reduzieren. Er müsste tausende Maßnahmen durch den Kongress bringen. Um das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen, wären in 192 Staaten Millionen von Gesetze und Verordnungen, Vorschriften und Überprüfungen nötig. Das ist völlig undenkbar. Von Anfang an war es unsinnig zu meinen, über die freiwillige Selbstverpflichtung von Staaten könnte man internationale Klimapolitik durchsetzen. Wir müssten, viertens, auf ein anderes System umschwenken.

Welches?

Wicke: Es geht nur über den Preis. Wir müssen es überall auf der Welt interessant machen, sich aus Eigeninteresse klimafreundlich zu verhalten. Nötig wäre es, einen Klimavertrag abzuschließen und dort entsprechende Preissignale festzuschreiben. Zum Beispiel über ein Zertifikatsystem, in dem Sie die Gesamtemissionen begrenzen. Das ist alles bis ins Detail durchgedacht. Die andere Möglichkeit wäre, eine internationale Klimaabgabe zu erheben und mit dem Geld Maßnahmen für eine nachhaltige Entwicklung zu bezahlen. Alle Vorschläge, die zwar auf dem – völkerrechtlich äußerst wichtigen – Kyoto-Protokoll aufbauen, dies aber in entscheidenden Punkten modifizieren und weiterentwickeln wollen, sind sehr schwer durchzusetzen. Aber nur so kann die Weltklimapolitik im allerletzten Moment doch noch zu einem erträglichen Klima führen!

Schließlich fehlt, fünftens, eine globale Begrenzung der Emissionen, da Minderungen an einer Stelle durch Mehremissionen in anderen Weltregionen mehr als ausgeglichen werden.

Wie ist Ihre Prognose für die Zukunft?

Wicke: Die Chancen, dass wir den Klimawandel auf ein erträgliches Maß begrenzen können, sind sehr gering. Die Klimawissenschaftler müssten den Politikern endlich klar sagen: Entweder ihr beschließt einen wirkungsvollen Weltklimavertrag, oder ihr bekennt, dass eure internationale Klimapolitik gescheitert ist. Dann können wir uns nur noch gegen die furchterregenden Folgen der Entwicklung wappnen.

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Personalaudioinformationstext:   Lutz Wicke ist Direktor des Instituts für Umweltmanagement an der Europäischen Wirtschaftshochschule ESCP-EAP in Berlin. Der Wirtschaftsingenieur und habilitierte Volkswirtschaftler war unter anderem als Wissenschaftlicher Direktor im Umweltbundesamt tätig und Staatssekretär für Umweltschutz in Berlin. Er ist Autor zahlreicher Bücher, unter anderem: »Kyoto plus. So gelingt die Klimawende. Nachhaltige Energieversorgung plus globale Gerechtigkeit«, mit Peter Spiegel und Inga Wicke-Thüs, oder: »Der ökologische Marshallplan«.
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