Meine Bären
Er raunt beispielsweise wie ein Genießer auf einer Weinprobe: »Starker französischer Jahrgang!« Oder fordert mit hochgezogenen Augenbrauen: »Für den deutschen Beitrag sind mindestens zwei Bären fällig.« Worauf die Kleingruppe um ihn herum eifrig mit dem Kopf nickt. Manchmal werden die Leitwölfe auch eingeladen, in anderen Leit-Medien ein knappes Noten-Votum abzugeben. Diese Tabellen heißen »Bär-o-meter« oder »Bärenwert« und wachsen jeden Tag ein kleines Stück.
In der Champions-League der Filmkritik spielt Publik-Forum nicht mit. Ich würde mir auch nicht zutrauen, die beste Schauspielerin oder den besten Schauspieler auszuwählen. Aber wenn Publik-Forum Bären vergeben dürften, dann würden wir sie für das beste politische, das beste philosophische und das beste ethische Werk vergeben. Und als zusätzlichen Preis könnten wir den »Gutmenschen-Award« einführen, eine Auszeichnung für Idealisten, Visionäre und Weltverbesserer.
Und das wären meine Favoriten für die PuFo-Bären 2016:
1. PuFo-Bär für den besten ethischen Film: »24 Wochen« von Anne Zohra Berrached. Das Drama um eine Spätabtreibung hat einen ganzen Kinosaal zu Tränen gerührt. Es hat die Argumente dafür und dagegen in Bilder und Szenen gefasst, ohne dabei ideologisch zu sein.
2. PuFo-Bär für den besten philosophischen Film: »L’ Avenir« von Mia Hanssen-Love. Isabelle Huppert verkörpert grandios eine Philosophielehrerin, die sich fragt, was im Leben bleibt.
3. PuFo-Bär für den besten politischen Film: Da kann ich mich nicht entscheiden zwischen der Lampedusa-Geschichte »Fuocoammare« von Gianfranco Rosi und dem Drama »Death in Sarajevo« von Danis Tanovic, der die ganze Tragik Bosniens in einer Hotelgeschichte verdichtet.
4. Der Gutmenschen-Award müsste ebenfalls geteilt werden: Ein PuFo-Bär für den lustigsten idealistischen Film: »Barakah meets Barakah« von Mahmoud Sabbagh. In der saudi-arabischen Komödie schlüpft ein Mitglied der Sittenpolizei gerne in Frauenkleider, spielt Theater und verliebt sich in die Tochter einer Boutique-Besitzerin, die auf Instagram für eine bessere Welt streitet. Und einen PuFo-Bär für den traurigsten idealistischen Film: »PS Jerusalem« von Danae Elon. Die Tochter eines jüdischen Intellektuellen und Friedenskämpfer zieht nach dem Tod ihres Vaters mit ihrer Familie von New York nach Jerusalem, weil sie diese Stadt als ihre eigentliche Heimat empfindet. Sie will das versöhnende Erbe ihres Vaters fortsetzen. Doch Rassismus, Ideologie und Hass machen dies nicht nur politisch unmöglich, sondern gefährden auch ihre Ehe.
Heute morgen habe ich meine Lieblingsfilme mit dem »Bär-o-meter« abgeglichen und festgestellt, dass diese Filme auch bei anderen Kritikern gut ankommen. Sollte ich daher per Zufall einmal in eine Gesprächsinsel geraten, werde ich zustimmend nicken, wenn es heißt: »Starker französischer Jahrgang!« Und ich werde flüsternd der staunenden Runde offenbaren: »Der deutsche Beitrag ist übrigens auch ein heißer Favorit für den PuFo-Bär.«
