Papst Franz, der kann's
All dies ist ein Erfolg von Papst Franziskus und seiner inklusiven Führungskultur. Bewegung und Debatte wollte er in seiner Kirche anfeuern – die hat der Papst aus Argentinien nun, in den oberen Rängen der katholischen Weltkirche.
Papst Karol Wojtyla und Papst Joseph Ratzinger hatten ihre jährlichen Bischofssynoden gleichsam »thronend« begleitet. Ganz anders Papst Franziskus. Er kam am ersten Sitzungstag frühzeitig in die Aula im Vatikan, in dem die gut 250 Synoden-»Väter« zum Thema Ehe und Familie, Liebe und Sex bis zum 19. Oktober tagen. Der Pontifex aus Lateinamerika kam so frühzeitig, weil er jedem Teilnehmer »Buon Giorno« sagen und ihm die Hand schütteln wollte – solch eine Geste der Wertschätzung und des Respekts prägt die Stimmung.
Reformer anfangs im Vorteil
Zügig entwickelte sich in den ersten Tagen der konzentrierte Auftritt der Reformer. Italiens Star-Theologe, Erzbischof Bruno Forte, den Franziskus zum »Sondersekretär« der Synode ernannt hatte, stellte die überkommene Kirchenlehre mit Pillenverbot, der Diskriminierung sexueller Minderheiten wie Lesben und Schwulen sowie dem Ausschluss von Millionen geschiedenen und erneut verheirateten Katholiken massiv in Frage.
Kardinal Reinhard Marx entfaltete auf der Synode die »deutsche Linie«, die Offenheit und die Einladung der bisher Ausgegrenzten erreichen will. Diese »deutsche Linie« entspringt dem freundlichen Geist des Dialogprozesses, den die Deutsche Bischofskonferenz vor wenigen Jahren ins Werk setzte und den sie fortsetzt.
Marx zählt als Mitglied der vom Papst eingesetzten vatikanischen Reformkommission »G 8« – der acht Kardinäle aus allen Kontinenten – sowie als Sprecher der deutschen Kirche zu den Einflussreichen dieser Synode – wie auch sein nicht minder vorwärts drängender österreichischer Kollege, der Wiener Kardinal Christoph Schönborn. Beide vertreten in den großen westlichen Sprachen polyglott die Positionen der Aufgeschlossenen unter den Kardinälen.
Bei Marx kommt als Pluspunkt hinzu, dass der Mann auch ein Soziologe und Gesellschaftswissenschaftler ist, folglich den gesellschaftlichen Wandel im Blick auf Partnerschaft und Sexualität unvoreingenommen zur Kenntnis nimmt – und diese Kenntnis seinen theologisch mono-geprägten Mitkardinälen zu vermitteln vermag.
Was für die einen ein alter Hut ist, ist für andere eine Neuigkeit
Relativ viel Freiheit herrschte in den ersten Synodentagen. Der Papst saß meist dabei und hörte zu. Es gab Hunderte Wortmeldungen, darunter die der Präsidentin des australischen Familienbundes, die sagte, es sei »gut und selbstverständlich«, dass Australiens Katholiken ihre in homosexuellen Partnerschaften lebenden Freunde und Angehörige zu Taufen, Firmungen und anderen Festen einlüden. Ein selbstverständliches, freundliches Miteinander mit früher Verteufelten: »Neuigkeiten« wie diese musste so mancher konservative alteuropäische oder afrikanische Kirchenobere erst mal verkraften.
Gegen Ende der ersten Halbzeit ergriff auch Kardinal Gerhard Ludwig Müller, der Chef der römischen Glaubensbehörde, nach langem Zuhören das Wort. Er redete als Vordenker des Beharrungslagers und vermittelte, die überkommene Lehre der Kirche sei gut. Seine Position läuft darauf hinaus, dass sich die – längst entlaufenen – Menschen zu dieser Lehre zurückbewegen sollen, also zu Pillenverbot, Kondomverbot, Jungfräulichkeit vor der der Heirat, Scheidungsverbot und einem Eheverständnis, das sich theologisch steil an der Liebe Christi zur Kirche orientiert.
Zweite Halbzeit: Debattieren im kleineren Kreis
In der zweiten Halbzeit werden die Synodenmitglieder in Sprachzirkeln diskutieren, also im kleineren Kreis. Dort wird es weiter brodeln. Bleibt abzuwarten, was dabei herauskommt.
Bleiben Sie dabei. Auch die zweite Halbzeit wird spannend. Und Tore fallen zuweilen in den letzten Spielminuten.
