Literaturtipp: »Mehr Leben als geplant«
Aus der Bildungsbürgerbubble in ein wilderes, wärmeres Leben
Roman. Alma Grün ist pleite. Die Schriftstellerin hat schon lange kein erfolgreiches Buch mehr veröffentlicht und kann bei den Verlagen nichts mehr unterbringen. Ihr Mann, ein Schuldirektor, hat sie nach langen gemeinsamen Jahrzehnten überraschend verlassen und ist zu seiner Geliebten gezogen. Auch die beiden Töchter sind längst aus dem Haus, und nun sitzt die erfolglose Schreiberin einsam, verzweifelt und ohne Einkommen in ihrer großen Wohnung. Aus dieser desolaten Situation entwickelt sich im neuen Roman von Veronika Peters ein herrliches Stück trotziger Lebensenergie. So humorvoll-sarkastisch, wie die Ich-Erzählerin Alma Grün ihr zerdeppertes Leben beschreibt, kann man sogar großen Spaß beim Lesen all der widrigen Details bekommen. Bezaubernd sind auch die Passagen, in denen Alma dann ihren sozialen Abstieg akzeptiert, als Zimmermädchen in einer Pension arbeitet und einen lichtscheuen Untermieter bei sich aufnimmt, der frisch aus der Psychiatrie gekommen ist. Denn gerade der beschwerliche Ausstieg aus der intellektuellen Wohlstandsblase löst eine Fülle neuer Erfahrungen in unbekannten Milieus, warmherziger Begegnungen und überschwänglicher Küchenpartys in Almas Wohnung aus.
Neben ihrem Job in der Pension akzeptiert die Protagonistin auch einen literarischen Rechercheauftrag zu der verstorbenen Dichterin Claire Goll, der ihr wenig Ruhm, aber etwas zusätzliches Geld einbringt. Die Auseinandersetzung Almas mit den widersprüchlichen und schwül-poetischen Lebenszeugnissen von Claire Goll zieht sich in reizvollem Kontrast zu den Putzszenen durch die Handlung und gibt dem Roman eine besondere Tiefe.
Ein Buch, das Wut und Mut, Trauer und Kraft, Feminismus und intellektuelle Schärfe in herrlich schnoddriger Sprache zu einer belebenden Lektüre macht.

