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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 24/2017
Was Menschen wirklich brauchen
Ein Gespräch mit dem Soziologen Hartmut Rosa über die Sehnsucht nach Resonanz
Der Inhalt:

Ein Kind ist uns geboren

von Britta Baas, Regina Ammicht Quinn vom 24.12.2017
In der Heiligen Nacht ist die Welt ver-rückt. Ein Säugling verheißt: Wir alle können neu anfangen. Zu jeder Zeit
Gott wird Mensch: »Weil wir alle Geborene sind, als einzigartige Wesen in dieser Welt leben, gibt es jederzeit die Möglichkeit eines neuen Anfangs«, schrieb einst Hannah Arendt. (Foto: pa/Fischinger)
Gott wird Mensch: »Weil wir alle Geborene sind, als einzigartige Wesen in dieser Welt leben, gibt es jederzeit die Möglichkeit eines neuen Anfangs«, schrieb einst Hannah Arendt. (Foto: pa/Fischinger)

Heiliger Abend. Aufgeregte Kinder warten darauf, dass ein Glöckchen läutet – und dann betreten sie eine andere Welt. Diese andere Welt ist ein heiliger Raum. In ihm sind das Übliche und Gewohnte ver-rückt: Der Baum ist nicht im Freien, sondern im Zimmer. Nicht die Eltern rufen, sondern eine Glocke. Nicht die Lampe leuchtet, sondern die Kerzen. Und die Geschenke stehen nicht für eine normale Ordnung, sondern für Verheißung. Dieser heilige Raum überwältigt die Sinne: Das Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Fühlen ist wie niemals sonst.

Heilige Zeit und heiliger Raum gehören zusammen. »Ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns geschenkt«, prophezeit Jesaja im Alten Testament. Gott wird Mensch, in einer ganz konkreten Zeit, an die wir uns jedes Jahr aufs Neue erinnern. In einem ganz konkreten Raum, den wir mythologisch nachempfinden mit Krippenaufbau und Figurenspiel im heimischen Wohnzimmer.

Gott wird Mensch: In jedem Jahr ist dies das Zentrum des Heiligen Abends. Das Fest im Dezember ist der Höhepunkt einer langen Wartezeit auf die Ankunft des Kindes. Die Heilige Nacht ist anormal, ungewöhnlich, ver-rückt. Und doch geschieht alles mitten im Gewöhnlichen und Alltäglichen. Mitten im Leben. Im Wohnzimmer einer Familie, das an diesem Abend so anders erscheint. Im Gruppenraum eines Jugendhauses. In der Zweisamkeit des Paares. In der Einsamkeit eines Mannes, einer Frau.

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Kommentare
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Britta Baas
02.01.201810:37
@ThomasBreuer,ich verstehe jetzt besser, was Sie kritisieren. Sie wollen eine exegetisch klare Formulierung, die nicht so zu verstehen ist, dass A prophezeit und B folgt. B hier verstanden als vermeintlich einzig denkbare "Lösung Jesus", die der Prophezeiung folgt. Da bin ich mit Ihnen völlig einig. Wir Autorinnen waren nicht davon ausgegangen, dass man uns so verstehen könnte. Selbstverständlich prophezeit der Jesaia-Text nicht faktisch und bildlich das, was Christen am 24.12. feiern. Aber Christen nehmen die Prophezeiung als zu Jesus gehörig wahr. Damit ist deren ganze Wahrheit keinesfalls ausgesprochen. Sie ist viel mehr als das, auch etwas ganz anderes. Das scheint mir selbstverständlich.
Thomas Breuer
01.01.201817:13
@Britta Baas: Das ist doch genau der springende Punkt: Christen haben später prophetische Texte wie Jes 9 rezipiert und mit ihrer Hilfe Leben und Geschick Jesu gedeutet. Das ist etwas anderes als zu formulieren, Jesaja bzw. die Jesaja-Schreibgruppe habe die Geburt Jesu prophezeit. Auffällig ist in Jes 9 der Bezug zur Jerusalemer Königstheologie, der es als unwahrscheinlich erscheinen lässt, dass hier die Geburt eines in weltlicher Hinsicht ohnmächtigen Messias angekündigt wird. Ich bin nicht für ein christliches Rezeptionsverbot, wohl aber gegen das Wiederaufleben eines allzu simplen Verheißungs-Erfüllungs-Schemas.

Britta Baas
30.12.201716:51
@ThomasBreuer, noch korrekter ausgedrückt - wir präzisieren - ließe sich sagen: ...die Schreibgruppe prophezeit "eine" Geburt. Nämlich die desjenigen, der das "Volk, das im Dunklen lebt" ins Licht führt, aus aller Finsternis heraus. Dass Christen diese Prophetie mit der Geburt Jesu erfüllt sehen, ist in der Tat christliche Deutung. Sie macht aber die Prophetie damit weder schlechter noch besser. Sie nimmt sie auf.
Britta Baas
30.12.201716:25
@ThomasBreuer, ja da waren zwei reflektierte Theologinnen am Werk, die Exegese betreiben gelernt haben... Ein kurzer Blick in die Bibel, auf Jesaja 9,1ff: Text ist nicht einfach O-Ton eines Mannes. Sondern von Schülern vielfach kommentiert und erweitert, Kapitel 6.1 bis 9,5 (endend mit "Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns geschenkt...") sind die eingefügten sog. Denkschriften des Propheten. Hier geht es nicht um Fakten und deren historische Reihenfolge, sondern um Prophetie. Logisch kann die Jesaja-Schreibgruppe, die noch dazu nicht gleichzeitig am Werk war, nicht den Geburtstermin Jesu vorauswissen, sie prophezeit aber jene Geburt, weil sie dem Erwartungshorizont entspricht. Auch deshalb wird in einem exegetisch guten Gottesdienst immer eine NT-mit einer AT-Lesung verknüpft und ausgelegt. Bitte bedenken Sie: Sie haben kein Geschichtsbuch vor sich, sondern ein Bekenntnisbuch. Und Jesaja schafft nur den Grundstock des Buches, das seinen Namen trägt. LG; BB und RAQ
Thomas Breuer
29.12.201715:32
Dass der Prophet Jesaja Worte für die Jahrhunderte später sich ereignende Geburt Jesu zu finden sucht, ist nun wirklich Eisegese statt Exegese. Wieso feiert diese christologische Lesart der Prophetentexte bei reflektierten Theologinnen fröhliche Urständ?