Buchbesprechungen
Wolfgang Detel
Schockierende Ungleichheit
Meiner. 412 Seiten. 29,90 €
Die Fakten wachsender Ungleichheit sind bekannt. Der Mathematiker und Philosoph Wolfgang Detel eröffnet dennoch einen eigenen Zugang auf das Thema. Der Spezialist für antike Philosophie geht mit analytischer Schärfe der Frage nach, warum Ultra-Reichtum unsere Demokratie bedroht – und welche Maßnahmen dagegen möglich sind. Detel argumentiert, dass extreme Vermögenskonzentration die gesellschaftliche Spaltung vertieft, die Umwelt zerstört und ein demokratisch organisiertes Gemeinwesen gefährdet. Sein an Aristoteles geschärfter Blick verbindet philosophische Reflexion mit konkreten politischen Vorschlägen, die sich auf wissenschaftliche Studien stützen. Besonders sein Zehn-Punkte-Programm hebt das Buch über reine Gesellschaftskritik hinaus. Gerechte Steuern erscheinen dabei als zentraler Hebel. Für Detel spiegeln Steuern gesellschaftliche Machtverhältnisse; soziale Spaltung ist für ihn deshalb nicht naturgegeben, sondern politisch gemacht. Ein anregender und erhellender Beitrag. Franz Segbers
Catherine Nixey
Ketzer
DVA. 432 Seiten. 28 €
Die englische Journalistin und Altphilologin äußert sich in ihrem Buch kritisch über »Jesus Christus und die anderen Söhne Gottes«. Sie selbst macht deutlich, dass bei der Lektüre nicht nur Aufmerksamkeit, sondern auch Fantasie gefordert sei. Im Zentrum stehen vielfältige Geschichten von Jesus und jene Variante, die sich in der westlichen Kultur als wahr durchsetzte. Eine Unzahl von Mythen aus der Antike wird dabei bunt gemischt. Die christliche Rede von Jungfrauengeburt, Wunder oder Auferstehung wird durch Hinweise auf ähnliche Erzählungen einer scheinbaren Einmaligkeit beraubt. Zum besseren Verständnis der eigenen Tradition ist es durchaus hilfreich, zentrale Texte mit ähnlichen Schriften aus dem nahen und fernen kulturellen Umfeld zu vergleichen. Doch die Autorin sät den Verdacht, parallele Erzählungen würden bis heute von den Kirchen unterdrückt, um den eigenen Absolutheitsanspruch nicht zu gefährden. Das ungeordnete Sammelsurium wird auch durch 80 Seiten Anmerkungen nicht übersichtlicher. Wolfgang Pauly
Johannes Varwick
Stark für den Frieden
Westend. 176 Seiten. 18 €

Die sicherheitspolitischen Herausforderungen nehmen zu. Dazu zählen veränderte globale Machtverhältnisse, künstliche Intelligenz und autonome Waffensysteme. Mehr Sicherheit durch Aufrüstung erreichen zu wollen sei klassischerweise der Beginn einer Rüstungsspirale, warnt der Autor. Der Professor für internationale Beziehungen und europäische Politik in Halle befürwortet im Rahmen der Schutzverantwortung in bestimmten Fällen militärische Interventionen bei schweren Menschenrechtsverletzungen. Aber er sieht im Konzept der »Kriegstüchtigkeit« ein fehlgeleitetes Leitbild: Militärische Elemente der Sicherheitspolitik würden völlig überbetont. Dass es so weit kommen konnte, lag, so Varwick, an einer öffentlichen Diskursverschiebung. Wer an Aufrüstung und Waffenlieferungen zweifelte, wie der Autor, wurde schnell ins Abseits gedrängt. Im letzten Kapitel skizziert er seine Vorstellungen rationaler Sicherheitspolitik: Defensivwaffen, Einhegung der Rüstungsindustrie, Rüstungskontrolle und Diplomatie. Wiltrud Rösch-Metzler
Josefa Woditsch (Hg.)
Auf der Suche nach mehr Gerechtigkeit
Herder. 274 Seiten. 26 €
Die Herausgeberin ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Theologischen Fakultät der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt und steht in engem Austausch mit Befreiungstheologinnen und -theologen besonders in Brasilien. In diesem Sammelband übersetzt sie einige zentrale Texte ins Deutsche. Ihr Vorwort zeigt den aktuellen Stand der lateinamerikanischen Befreiungstheologie. Dem fulminanten Einleitungsbeitrag »Theologie in ständiger Agonie« des bekannten Kapuziners Luiz Carlos Susin folgen jeweils drei Beiträge zu den Themenfeldern Öko-Theologie, feministische Theologie und Synodalität. Das verbindende Motiv ist Gerechtigkeit. Wie kann sie hergestellt werden im Kontext von massiver Ungerechtigkeit? Die Beiträge stammen aus den Jahren 2015 bis 2022 und dokumentieren, wie lebendig die Befreiungstheologie immer noch ist, speziell in Brasilien. Wie die Herausgeberin einleitend zu Recht bemerkt, geht von der Befreiungstheologie weiterhin eine eminente Herausforderung auch für die europäische und die hiesige Theologie und Kirche aus. Norbert Mette
Michael Wolffsohn
Genie und Gewissen
Herder. 368 Seiten. 26 €
War Dimitri Schostakowitsch ein Stalinist, weil er unter Stalin komponierte und musizierte? Wohl kaum. Bei dem österreichischen Dirigenten Herbert von Karajan (1908-1989) scheint das Urteil über seine Rolle in der NS-Zeit dagegen für viele festzustehen. Michael Wolffsohn, Professor für Neuere Geschichte, stellt dieses Urteil infrage und legt eine akribische Untersuchung von Karajans Verhalten vor. Er geht Zeugnisse und Anschuldigungen systematisch durch und lässt in rund 40 Stimmen aus Karajans Umfeld Zeitgenossen, musikalische Weggefährten und Familienmitglieder zu Wort kommen. Dabei korrigiert er verbreitete Behauptungen und weist Falschaussagen nach. Selbst die oft wiederholte Behauptung, Karajan habe in SS-Uniform dirigiert, hält seiner Prüfung nicht stand. Das Buch ist damit mehr als eine Rehabilitierung Karajans. Es zeigt, wie vorsichtig mit historisch verfestigten Urteilen umzugehen ist – gerade dann, wenn sie allzu bereitwillig geglaubt werden. A. Martin Steffe




