»War das nicht mal alles ganz anders gedacht?«
Rainer Vor rieb sich verwundert die Augen. Die Veranstaltung passe nicht so richtig ins Programm des bevorstehenden Evangelischen Kirchentages in Dresden, eine säkularisierte Stadt mit aktiven Protestanten, hieß es da. Das jedenfalls sei die Entscheidung eines Gremiums, das das Anliegen geprüft habe. Dabei hatte der Vorsitzende der renommierten Leipziger Stiftung Friedliche Revolution mit allem, nur nicht mit einer Absage gerechnet. Nicht nur, weil er glaubte, das Thema »Wir sind das Volk« passe ins Programm des Christentreffens in der Elbestadt. Schließlich waren ja auch dort die Bürger 1989 im Anschluss an die Friedensgebete auf die Straße gegangen. Hatten mit Kerzen und Gebeten »ein Wunder biblischen Ausmaßes erlebt«, wie Christian Führer von der Stiftung gern erinnert.
Doch Rainer Vor, der Jurist aus dem Rheinland, der nach der Friedlichen Revolution ins Ossiland zog, wunderte sich aus einem weiteren Grund. War der Evangelische Kirchentag nicht von Haus aus ein Laientreffen? Eine Bewegung also, die von unten lebt? Die Stiftung weiß bis heute nicht, warum sie nicht erwünscht ist. Diese Erfahrung teilt sie inzwischen mit anderen.
Der Westen dominiert den Osten
Aus dem Präsidium des Kirchentages indes heißt es, dass das Treffen keineswegs weniger basisorientiert geworden sei. Seit Jahren läuft die inhaltliche Koordination über Projektleitungen, die die Veranstaltungen bestimmen. Bei einem Mammutunternehmen wie dem Kirchentag ist das einerseits verständlich. Und doch: Gruppen müssten sich mehr beteiligen können, regionale Initiativen zumal, findet Annette Berger, die seit Jahren in der Präsidialversammlung des Kirchentages sitzt. Diese Beteiligung, das weiß nicht nur sie, ist zurückgefahren worden. »Das alles wird doch dem Ehrenamt in der Kirche gar nicht mehr gerecht«, findet sie und kritisiert zudem, dass in den Auswahlgremien so gut wie nur noch West-Leute sitzen. Besteht die Gefahr, dass der Charme des Kirchentages als Laienbewegung verblasst? Als solche wurde er aber 1949 ins Leben gerufen, von dem Juristen Reinold von Thadden-Trieglaff und Freunden: Als eine Bewegung von unten, in der ausdrücklich nicht Theologen, sondern Menschen, die aus anderen Berufen kamen, bestärkt werden sollten. So stand es in der Gründungsurkunde, die vom späteren Bundespräsidenten Gustav Heinemann in Hannover beim ersten Kirchentag verlesen wurde.
Mit dieser Tradition hat sich der Kirchentag einen Namen gemacht. In der Zeit der Teilung Deutschlands wirkte er als eine der wichtigsten Brücken zwischen Ost und West. Annemarie Schönherr, die 1951 als Abiturientin in Berlin zum ersten Mal dabei war, erinnert sich nicht nur daran. Auch ihr ist immer besonders wichtig gewesen, dass der Evangelische Kirchentag bewusst eine Gegenbewegung zur verfassten Kirche war. Zumindest, dass keine hohen Würdenträger mit an der Spitze standen. Sie selbst, die zwar Theologie studiert hatte, aber keine hohen Ämter bekleidete, saß seit 1969 im Präsidium der DDR-Kirchentagsbewegung. Die war notgedrungen nach dem Mauerbau ins Leben gerufen worden. Sie machte in der DDR so manchen eindrucksvollen Kirchentag möglich. »Bei den Gesprächen mit den staatlichen Stellen«, so erinnert sich die Frau des früheren Bischofs von Berlin-Brandenburg, »wollten die immer, dass wir auch mit den ›Oberen‹ in unserer Kirche sprechen. Da haben wir Wert darauf gelegt, dass dieses Gespräch eine formale Sache blieb.« Mit Unverständnis habe sie daher darauf reagiert, dass nach der Einheit plötzlich Personen mit im Vorstand des Kirchentags saßen, die eine hohe Funktion in der verfassten Kirche hatten. Das Aha-Erlebnis hatte sie bereits bei einem Kirchentag im Westen, zu dem sie Mitte der 1980er-Jahre fahren durfte. Damals war Wolfgang Huber gerade Präsident des Kirchentages geworden, und sie hörte ihn in einem Interview sagen: »Wir sind doch alle eins.« Das hat Verwunderung bei ihr ausgelöst. »Mensch, hast du alles vergessen? Das war doch alles mal ganz anders gemeint«, hat die engagierte Frauenrechtlerin bei sich gedacht.
Nur noch Promi-Show?
Der Erfurter Lothar Tautz ist Vorsitzender des Landesausschusses des Kirchentages in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. Für Dresden hat er ein Forum »Kirche und Demokratie« mit vorbereitet. Es wird darum gehen, das Publikum mit einzubeziehen. Das ist dem früheren Bürgerrechtler wichtig. »Der Kirchentag hat davon zu wenig«, sagt Tautz. Viel zu viele Großveranstaltungen mit Podien gebe es, »wo man aus 250 Metern Abstand die Promis mal sehen kann«. Viel mehr müsse das Publikum bei den Veranstaltungen, die nach seinem Geschmack auch kleiner sein könnten, mit einbezogen werden – als eine Bewegung von unten eben.n
