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Sex? Nur ohne Kirche

Das christliche Welt- und Menschenbild hätte viel Potenzial, die öffentliche Debatte beim Thema Sex zu bereichern. Allein: das katholische Lehramt verhindert es. Eine Tagung im Exil
von Antje Schrupp vom 07.10.2011
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Die schönste Nebensache der Welt: Für die katholische Kirche ist der Sex aber immer noch an ihr Naturrecht gebunden. Und dieses katholische Naturrecht hält dem Wissen des 21. Jahrhunderts nicht stand. (Foto:Fotolia)
Die schönste Nebensache der Welt: Für die katholische Kirche ist der Sex aber immer noch an ihr Naturrecht gebunden. Und dieses katholische Naturrecht hält dem Wissen des 21. Jahrhunderts nicht stand. (Foto:Fotolia)

Es mag ja Feuilletonisten geben, die neulich in der Bundestagsrede des Papstes eine intellektuelle Glanzleistung gesehen haben. Das Gros der katholischen Universitäts-Theologinnen und Theologen in Deutschland ist aber anderer Ansicht. Dass man heute nicht mehr ernsthaft mit dem Naturrecht argumentieren kann – wie es aber der Papst tat –, darüber seien sich »praktisch alle Moraltheologen einig«, so Walter Schaupp von der Universität Graz. Auch die zentralen Eckpunkte katholischer Sexualmoral – Ablehnung von Homosexualität, Festlegung von Frauen und Männern auf fixe Geschlechterrollen, Verbot von Verhütungsmitteln, erlaubter Sex nur in der Ehe – sind aus Sicht katholischer Wissenschaft schlicht und einfach unhaltbar: Auf diesen Nenner kann man die Ergebnisse einer Tagung zum Thema »Let’s think about Sex« in Frankfurt bringen, die jüngst zu Ende ging.

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Dass zwischen akademischer Theologie und offizieller kirchlicher Lehrmeinung inzwischen Galaxien liegen, ist offensichtlich. Der Bischof von Rottenburg Stuttgart, Gebhard Fürst, hatte die hochkarätig besetzte Tagung in der Akademie seiner Diözese verboten. Daraufhin wurde die von Professorin Regina Ammicht Quinn organisierte Veranstaltung mit Geldern der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert; die rund siebzig Tagungsteilnehmerinnen und Teilnehmer trafen sich in den Räumen der Frankfurter Rundschau in Frankfurt. Auch viele junge Menschen kamen; der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) dokumentiert die Referate in einem Film. Das Publikum sei durch die Verlegung eher gemischter geworden, glaubt Ammicht Quinn.

Alle sind sich einig, dass sie sich von einer christlichen Sexualethik keineswegs prinzipiell verabschieden wollen. Im Gegenteil: Sie möchten aus ihrer katholischen Sicht heraus etwas Relevantes beitragen zu den aktuellen gesellschaftlichen Debatten und Fragen der Menschen. Walter Schaupp wies darauf hin, dass es völlig falsch sei, den Umgang mit Sexualität als stetigen Verfall zu interpretieren. Zwar spiele die sakramentale Ehe keine Rolle mehr, sehr wohl aber gebe es moralische Werte und Normen, sogar mehr als früher: Eine sexuelle Beziehung müsse heute auf Gleichheit und gegenseitige Achtung, Authentizität, Ehrlichkeit aufbauen. Was früher toleriert wurde – etwa Gewalt in Beziehungen oder rein ökonomische Zweckgemeinschaften – gelte heute als moralisch verwerflich. Der so oft geschmähte »Zeitgeist« gehe also keineswegs davon aus, dass alles erlaubt ist, was gefällt.

Das Armutszeugnis der Kirche: Sie spricht nur mit sich selbst

Was ja auch in der öffentlichen Empörung über sexuellen Missbrauch in der Kirche deutlich geworden ist. Joachim Frank, engagierter Katholik und bis vor kurzem Chefredakteur der Frankfurter Rundschau und jetzt in der DuMont-Mediengruppe, diagnostizierte hier ein eklatantes Kommunikationsversagen der Kirche: Allzu schnell habe sie die Schuld anderen – etwa der 1968er-Bewegung – zugewiesen, anstatt selbstkritisch zu fragen, inwiefern ihre eigenen Strukturen zu den Missbrauchsfällen beigetragen haben könnten.

Viele kluge und interessante Referate wurden an diesen zwei Tagen gehalten. Ganz klar: Das christliche Welt- und Menschenbild hätte viel Potenzial, die öffentliche Debatte beim Thema Sex erheblich zu bereichern. Aber solange das Lehramt stur an überholten und eben nicht nur sozialwissenschaftlich, sondern auch theologisch unhaltbaren Formeln festhält, werden es katholische Positionen schwer haben, außerhalb der Kirche ernst genommen zu werden.

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Personalaudioinformationstext:   Antje Schrupp ist Journalistin und promovierte Politologin. Sie engagiert sich seit Langem in feministischen Kontexten. Immer wieder schreibt sie auch für Publik-Forum und Publik-Forum.de Mehr zur Tagung »Let´s talk about Sex« vom 5. und 6. Oktober 2011 in Frankfurt a. M., zu deren Hintergründen und Folgen in der nächsten Print-Ausgabe, die am 21.10.2011 erscheint.
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