Heinz Missalla presente!
Jochen Garstecki: »Ein Mensch, ein Christ von heute«
Heinz war ein ungemein liebenswürdiger, sensibler Mensch, der seine Umgebung bereits durch seine Anwesenheit von den heilsamen Wirkungen der Gewaltfreiheit überzeugte. Dass er über große Dinge zwischen Himmel und Erde in einfachen Worten und Bildern sprechen konnte, verdankte er seinem Vater, der Bergmann war, und seiner Herkunft aus dem Kohlenpott. Es war stets zu spüren, dass er ganz hinter dem steht, was er sagt. So konnte seine Botschaft nicht nur mit dem Kopf verstanden, sondern mit dem Herzen angenommen werden. Ein Umstand, der ihn als theologischen Lehrer, zumal im Fach Religionspädagogik an der Uni Essen, so anregend und glaubwürdig für seine Studenten machte.
Auf überzeugende Weise gelang es ihm, das unmittelbar Menschliche als Maß des Christlichen in den Mittelpunkt zu rücken. Seine Theologie verzichtete auf jegliche systematisch-systemische Überhöhung: Der menschenfreundliche Gott kommt an in der Freundlichkeit, mit der Menschen aufeinander zugehen und miteinander umgehen. Das ist die Art, wie auch die Synoptiker der Bibel den Umgang Jesu mit den Menschen schildern. Die Freundlichkeit und Geduld, mit der Heinz an der Seite seiner Frau Magdalene sein hohes Alter gelebt und ertragen hat, interpretiere ich als sein Glaubenszeugnis – ein schönes Beispiel, wie Menschen von heute ohne viel große Worte Christen werden können ...
Thomas Seiterich: »Und wie hat Schalke gespielt?«
Als junger Kaplan in Gelsenkirchen musste Heinz Missalla an den Wochenenden oftmals endlos lange die Beichte hören. Selbst wenn sein Lieblingsverein, der FC Schalke 04, spielte. Um sein Entsagungsleiden als Schalker Fan zu dämpfen, organisierte Missalla einige Messdiener. Die bildeten eine Stafette zum nahen Stadion und berichteten dem Priester im Beichtstuhl, wie die Partie gerade stand.
Seelsorge und Gesellschaft, Religion und Politik, Ernst und Lebenslust – der katholische Theologe Heinrich Missalla hat vieles seit seiner Priesterweihe 1953 in Paderborn miteinander verbunden. Passgenau hierzu fügt sich der Titel des letzten Buches, das Missalla in der aktuellen Ausgabe von Publik-Forum 19/2018 auf Seite 55 besprochen hat. Er lautet: »Zwischen Seelsorge und Politik«.
Jochen Garstecki: »Auf Verwandtenbesuch in der DDR«
Heinz Missalla habe ich im Dezember 1960 durch eine zufällige Begegnung im Wilhelm-Weskamm-Haus im damals noch offenen West-Berlin kennengelernt. Ein Glücksfall, der zum Beginn einer lebenslangen Freundschaft zwischen uns wurde. Sie wurde nach dem Mauerbau im August 1961 zwar behindert, war aber zu keiner Zeit ernstlich gefährdet. Heinz gehörte quasi zu unserer Familie, wenn er, ausgestattet mit einer DDR-Aufenthaltsgenehmigung, jedes Jahr nach Weihnachten zum »Verwandtenbesuch« einreiste und den Jahreswechsel mit unsere Familie verbrachte. Er war ein Mensch mit einem klaren, unbestechlichen Blick auf die Lage in Kirche und Welt, aufgeschlossen für alle Fragen der Zeit – und neugierig, was seine »Verwandten« in der DDR aus ihrer Perspektive dazu zu sagen hatten. Er war nie der Schlauberger aus dem Westen, der den Brüdern und Schwestern im Osten die Welt erklärte; seine gelegentlichen theologischen Ausflüge am Küchentisch waren gänzlich unprofessoral und öffneten uns neue Horizonte. Dass Frieden – »an der Nahtstelle zwischen Ost und West« – zu meinem Lebensthema werden konnte, verdanke ich Heinz Missalla.
Thomas Seiterich: »Er schämte sich, weil er schwieg«
Geboren wurde Heinz Missalla in Wanne-Eickel am 26. Juni 1926. Bereits als Gymnasiast wurde er linkskatholisch geprägt in der damaligen Katholischen Jungschar. Sie bestand ab 1930 aus den 13- bis 14-jährigen Jungen, die sich auf die »Sturmschar« der Älteren vorbereiteten und in klarer Feindschaft zu den Nazis standen. Später, im Krieg, wird er als so genannter Luftwaffenhelfer eingezogen in die Leichte Flak-Abteilung 839 in Bochum. »Wenn kein Fliegerangriff drohte, konnte ich Bücher lesen«, erzählte er. Uniform musste er tragen. Und er vergaß nie, wie er einst in Uniform den Pfarrer zu einer Familie begleitete, in der ein Fahnenflüchtiger versteckt war. Wie panisch jener Mann vor ihm und seiner Uniform Angst hatte! »Ich schämte mich und habe geschwiegen.«
Dass dieser Theologe später ein politischer Pazifist und Friedensarbeiter wurde, liegt nahe. Im »Stacheldrahtseminar« der deutschen Kriegsgefangenen in Chartres studierte er Theologie. Priester wollte er nun werden, unter dem Einfluss von Abbé Franz Stock (1904–1948), einem deutschen Gefängnisseelsorger im besetzten Paris, der aufgrund seines hohen Ansehens bei den siegreichen Franzosen jenes Theologieseminar möglich machte.
Im deutschen Zweig der Internationalen katholischen Friedensbewegung Pax Christi arbeitete Missalla seit seinen frühen Priesterzeiten mit. Dazu kamen intensive Freundschaften in die DDR, wie zum Beispiel zu Joachim Garstecki und dem kritisch katholischen Aktionskreis Halle (AKH).
Heinz Missalla war Freund, Seelsorger und theologischer Lehrer. Sein wissenschaftliches Thema hatte er gefunden, als er die Kriegspredigten deutscher Bischöfe studierte und schonungslos über die Beteiligung der katholischen Amts- und Oberkirche an Hitlers Weltkrieg aufzuklären begann.
Es wirkte im überschaubaren Bistum Essen ein wenig wie ein Donnerschlag, als Heinrich Missalla und die angesehene, linkskatholische Kirchenhistorikerin Magdalene Bußmann einander 1996 heirateten. Darauf wurde ihm die kirchliche Lehrerlaubnis entzogen.
Heinz Missalla und Magdalene Bußmann ließen sich nicht beirren. Sie lebten und arbeiteten weiter im Bensberger Kreis, bei Pax Christi, der Zeitschrift Publik-Forum und der Initiative Kirche von unten mit.
Jochen Garstecki: »Zwei Tage vor seinem Tod ...«
Ich kenne unter meinen Friedensfreunden niemanden, der/die im Engagement für den Frieden so unmittelbar und unabweislich mit dem Erleben des Zweiten Weltkrieges verbunden war wie Heinz Missalla. Sein Friedensengagement, zum Beispiel bei pax christi, kommt aus unmittelbarer persönlicher Kriegserfahrung. Die Zeit von Februar 1943 als Luftwaffenhelfer eine Flak-Batterie bis zur Entlassung im Juni 1946 aus der Kriegsgefangenschaft im berühmten „Stacheldraht-Seminar“ von Franz Stock in Chartres bildet den Ausgangspunkt für sein über 70jähriges Friedensengagement.
Mit zunehmenden Lebensjahren wächst bei Heinz die Unruhe, das Unverständnis und die Kritik daran, dass die deutschen Bischöfe noch immer ein öffentliches Schuldbekenntnis verweigern, dass ihre Vorgänger in ihren Predigten und Schriften zum Soldatengehorsam in Hitlers verbrecherischen Krieg aufgefordert haben. Das Thema »Schuld der Kirche« an den durch die bischöfliche Verkündigung zum Krieg verführten Vätern, Söhnen und Brüdern ist für ihn ein Stachel im Fleisch der späten Jahre, der unablässig schmerzt, ein Thema, das ihn nicht mehr loslässt.
Noch zwei Tage vor seinem Tod schickte er mir ein Manuskript (»Ich weiß nicht, für wen oder was«) unter der Überschrift »Als Jugendlicher zweifach in die Irre geführt(?) – doppelt beansprucht« – ein Text, der die fatale ideologische Nachbarschaft zweier totalitärer Systeme eindrucksvoll analysierte: die NS-Diktatur und ihr Zwang zur Teilnahme am verbrecherischen Krieg auf der einen Seite, der autoritäre Macht- und Gehorsamsanspruch der Kirche über ihre »Kinder« auf der anderen Seite.
Heinz lässt in fast allen seinen Publikationen der letzten Jahre Marie Luise Kaschnitz mit ihrem Gedicht Schnee (1962) zu Wort kommen:
Aufzustellen wäre das Schuldregister/
Schuld unsere erste: Blindheit/
(Wir übersahen das Kommende)/
Schuld unsere zweite: Taubheit/
(Wir überhörten die Warnung)/
Schuld unsere dritte: Stummheit/
(Wir verschwiegen, was gesagt werden mußte)./
Warum?/
Wir wollten uns nicht verlieren.
(so auch in: Heinz Missalla, Erinnern um der Zukunft willen, 2015)
Das ist zu lesen wie die Summe seiner Erkenntnis kirchlichen Versagens aus über 70 Jahren – und der Einsicht, dass wir wohl weiter werden warten.
Thomas Seiterich, geboren 1955, Historiker und Theologe, ist langjähriger Publik-Forum-Redakteur, Vatikankorrespondent und Lateinamerika-Experte.
