Fünf Jahre Papst Franziskus – was wäre wenn?
Heute vor fünf Jahren begrüßte ein Mann die wartende Menge auf dem Petersplatz in Rom mit einem schlichten »Guten Abend«. Es war der neue Papst. Franziskus löste großen Jubel aus – und weckte mindestens ebenso große Hoffnungen. Hat er sie erfüllt?
Ein Gedankenexperiment drängt sich auf: Wie stünde es heute um die katholische Kirche, falls der deutsche Papst Benedikt XVI. damals entschieden hätte, trotz schwindender Kräfte Papst zu bleiben? Wir lebten im bizarren 13. Jahr seines konservativen Pontifikats. Ein mächtiger Dreimännerbund, bestehend aus dem Chef der Glaubensbehörde, Kardinal Gerhard Ludwig Müller, dem »ewigen« Kardinalstaatssekretär, Kardinal Tarcisio Bertone, sowie dem ebenso »ewigen« Papst-Privatsekretär, Georg Gänswein, würde faktisch die täglichen Amtsgeschäfte in Rom führen. Der greise Pontifex Ratzinger würde immer noch zum Angelus, zu Generalaudienzen und zu Papstmessen erscheinen und mit feiner Stimme theologisch filigrane Texte verlesen.
Der greise Papst käme den Traditionalisten immer weiter entgegen, dauernde Proteste im Kirchenvolk wären die Folge. Ein Vatikanbesuch der evangelischen Bundeskanzlerin Angela Merkel – mit Benedikt über Kreuz seit ihrer öffentlichen Kritik an Benedikts Hofieren des Holocaustleugners, Traditionalistenbischof Williamson – wäre immer noch nicht zustande gekommen. »Vielleicht im Jahr 2022« meldet Radio Vatikan. Dass immer mehr Staaten die gleichgeschlechtliche Ehe eingeführt haben, hat Benedikt mit der Enzyklika »Veritatis immutabilis«, »Über die unwandelbare Wahrheit« verurteilt.
Und in Deutschland? Als Chef der Bischofskonferenz würde der Münchner Kardinal Reinhard Marx für den in den Medien scharf kritisierten, äußerst konservativen Kurs von Benedikt um Verständnis werben. Die wieder verheirateten Geschiedenen wären für die höhere Amtskirche kein Thema. Und eine Segnung für Homosexuelle würde nur die rapide schrumpfende Reformerbewegung Wir-sind-Kirche offen befürworten...
Außerhalb der Kirche ist er sehr populär
Das Gedankenexperiment zeigt, wie sehr die Kirche aus der Zeit gefallen wäre, gäbe es nicht seit fünf Jahren Papst Franziskus.
Er hat die Fenster der Kirche weit geöffnet. Der Argentinier setzt sich mit den Leuten auseinander. Redet den Machthabern ins Gewissen. Geht – Beispiel Zentralafrika – dorthin, wo am liebsten niemand hin will. Er hat Humor. Er pflegt Freundschaften mit Leuten aus der Kirche der Armen in Lateinamerika. Doch vor allem: Franziskus bleibt Mensch, obgleich er ein Papst ist.
Dafür wird er besonders außerhalb der Weltkirche geschätzt und geliebt. Seit Jahrzehnten hat kein Papst ein derart gutes Image. Und wohl niemand seiner Vorgänger war so häufig und anhaltend zu Gast in der Yellow Press: Fotos von ihm verkaufen sich gut; sein Lachen, seine Gesten, seine Umarmungen sind den Klick des Fotos-Auslösers wert – im übertragenen wie im wörtlichen Sinn.
»Als ob man die Sphinx mit der Zahnbürste putzt«
Doch was hat in der Kirche bislang erreichen können? Zu wenig – meint er selbst. »In Rom Reformen zu machen, ist wie die ägyptische Sphinx mit der Zahnbürste zu putzen«, wütete er in seiner Endjahres-Analayse 2017 vor der Kurie. Er weiß, wo seine Gegner sitzen, nämlich auch und vor allem dort.
Dass er die Vatikanbank reformierte, eine Null-Toleranz-Politik gegenüber pädophilen Priestern ausrief, für mehr Einfluss von Frauen in der Kirche ist, zwei Familiensynoden abhielt, um den Diskurs über neue Familienbilder zu beleben, mit seinen Lehrschreiben einerseits für Umweltschutz und gerechte Arbeit, andererseits für mehr Akzeptanz der im kirchlichen Sinne »unordentliche Beziehungen« warb – all das ist auf der Ebene der Gesten wunderbar. Doch ändert es bislang wenig an der starren Haltung des römischen Machtapparats und an den faktischen, auf Papier gebannten Lehrsätzen der Kirche.
Franziskus will kein Monarch sein
Sein Versuch, das Amt des Papstes nicht monarchisch zu verstehen, sondern kollegial – im Grunde so, wie es die Kirche seit Jahrtausenden lehrt, aber sehr selten umgesetzt hat –, scheitert am Unwillen zu vieler, kollegial mitzumachen. In der Kurie, sagt Vatikan-Experte Marco Politi, gebe es »gravierende Indizien für den Rückfall in alte Routinen der Abschottung«.
Wie viel Hoffnung hatte doch ein so bedeutender Theologe wie Hans Küng vor fünf Jahren, als Franziskus gewählt wurde! Im Interview mit Publik-Forum.de hatte er zu Protokoll gegeben: »Andere, die für das Papstamt vorgeschlagen wurden, haben mir Angst gemacht. Diese Papabili aus Mailand, aus Kanada, aus den USA hätten die Restauration fortgesetzt. Schon die ersten Auftritte von Papst Franziskus haben gezeigt, dass er mit dem Papstpomp Schluss machen will, der den Pontifikat Benedikts charakterisiert hat.«
Ob Jorge Mario Bergoglio – so der bürgerliche Name von Papst Franziskus – wirklich der richtige Mann zur richtigen Zeit ist? Hans Küng formulierte damals: »Wenn er auf dem Weg voranschreitet, den er in den ersten Tagen als Papst gegangen ist, wird er sich bald auch den schwierigen Fragen stellen müssen, die mit der traditionellen Moraltheologie verbunden sind. Als Papst aus Lateinamerika kennt er viele Metropolen, die gekennzeichnet sind von Armut und Überbevölkerung. Wenn er sich zum Beispiel programmatisch gegen die Pille wenden würde, verlöre er sofort die Sympathien vieler Frauen auf der ganzen Welt. Ich hoffe, dass er diesen Fehler nicht begeht. Ja, ich hoffe, dass er es überhaupt vermeidet, sich sofort wieder ganz auf die traditionelle Moraltheologie festzulegen, wie es Karol Wojtyla und auch Joseph Ratzinger leider getan haben.«
Küng hielt den ersten, positiven Eindruck von Franziskus für »sehr ausbaufähig«. Er hoffte, dass Franziskus »als gut geschulter Jesuit die Weitsicht hat zu erkennen, dass Frommsein nicht reicht. Und dass er gut daran tut, kompetenten Rat einzuholen.«
Das offene Fenster: Der nächste Papst könnte es zuschlagen
Wie es scheint, hat Franziskus zwar gute Beraterinnen und Berater an seiner Seite. Andererseits hat er aber auch Bremser zu ertragen. Noch viel dramatischer als aktiv ausgebremst zu werden ist es allerdings, auf eingefahrene Strukturen zu treffen und auf leitende Personen in der Weltkirche, die auf die Freiheiten, die man ihnen gibt, gar nicht reagieren. Bergoglios Dezentralisierungs-Politik, die faktisch mehr Kompetenz und Gestaltungswillen bei den Ortskirchen erfordert, stößt bislang nicht überall auf begeistertes Entgegenkommen. Die deutsche katholische Kirche jedenfalls scheint von Bischöfen »regiert« zu werden, die mit ihrer neuen Freiheit wenig anfangen können. Wenn sie jetzt die Chance nicht nutzen, verheiratete Männer zu Priestern zu weihen, die Ökumene voranzutreiben, den Frauen mehr Gestaltungsmacht zu geben und sich in der Gesellschaft kreativ bemerkbar zu machen, könnte es irgendwann zu spät sein. Das Fenster der Kirche ist weit geöffnet. Schon der nächste Papst könnte es wieder zuschlagen.
