Franziskus und die Frauen
Wer die Lebenswelt in den Barrios und Favelas – den Armenvierteln Lateinamerikas – kennt, weiß, dass dort kaum eine Frau und kaum ein Mann entsprechend der katholischen Lehre in puncto Sexualität und Ehemoral leben. Gelebt wird dort praktisch ein Matriarchat. Die Grundform der Familie ähnelt jener »heiligen« aus dem Neuen Testament: Sie besteht aus Maria und klein Jesus, aus Mutter und Kleinkind. Männer spielen nur eine vorübergehende Rolle. Sie kommen und gehen – das bringt schon der Rhythmus der legalen oder illegalen Erwerbsarbeiten mit sich. Größere Kinder sind häufig auf eigene Rechnung in ihrer Umwelt unterwegs. Nicht selten werden sie, besonders Mädchen und junge Frauen, Opfer von sexueller Gewalt.
Wie eng die herrschende katholische Ehelehre – Jungfräulichkeit vor der Ehe, lebenslange sexuelle Treue der Ehegatten, keine sogenannte »künstliche Verhütung« – auf die europäische Welt der kleinbürgerlichen oder bürgerlichen Familie von vor hundert Jahren ausgerichtet ist, zeigt sich nirgendwo so krass wie in den Elendsquartieren armer Entwicklungsländer.
Papst Franziskus kennt als Seelsorger und Jesuitenpater diese Lebenswelt der Armen. Und er hegt – zu Recht – einen tiefen Groll gegen eine römische Kirchenspitze, die seit Jahrhunderten für die Not und das mühsame Leben der Armen nur kühle Distanz und mehr oder weniger hohle Worte übrig hat. Deshalb wohl gab er jetzt ein spektakuläres Interview, das sich wohl bewusst »nach innen«, an die Handlungsträger der Kirche richtet.
Deshalb setzt Franziskus Wärme und Einfühlung an die Stelle zölibatärer Moralpredigten. Für ihn ist der Glaube Liebe und Beziehung. Dieser argentinische Papst will, dass seine große, schwerfällige katholische Kirche diesen Klimawechsel mit vollzieht. Der erste Papst, der sexuelle Minderheiten, Geschiedene und Wiederverheiratete nicht verurteilt und abseits liegen lässt, löst damit einen Wärmestrom aus, der die Herzen unzähliger Betroffener erreicht.
Bleibt abzuwarten, ob der Papst der historischen Wende hin zur Menschenfreundlichkeit auch die nötigen Veränderungen in der Lehre der Kirche folgen lässt. Es wäre zu wünschen.
