Flüchtlinge auf Lesbos: »Pope is our Hope«
Um 7::00 Uhr twitterte @Pontifex: »Die Flüchtlinge sind keine Zahlen, sie sind Personen: Sie sind Gesichter, Namen, Geschichten – und als solche müssen sie behandelt werden.«
Dass Menschen Einzelschicksale sind und keine bedrohliche Masse, daran hatte der Papst bereits bei seinem Straßburg-Besuch am 25. November 2014 scharf erinnert. In Lesbos nun füllte er seine damalige, äußerst EU-kritische Mahnrede mit einer konkreten Geste, er setzte sich den Geflüchteten aus, ihren Tränen, Verzweiflungen und flehenden Hoffnungen.
Kein Staatsoberhaupt hat in den letzten Jahren die EU so hart kritisiert wie der aus Argentinien stammende Franziskus. Er nannte sie lahm, erschlafft, die EU habe ihre humanitären Ursprünge, ja den Friedens- und Versöhnungspolitik-Geist ihrer katholischen Gründer De Gasperi, Robert Schumann, Konrad Adenauer vergessen und sei weithin zu einem egoistischen Selbstbereicherungsclub degeneriert.
Hoffen und Verzweifeln auf Lesbos
Kaum eine griechische Insel war in den letzten zweieinhalb Jahren so stark von der Flüchtlingskrise betroffen wie Lesbos. Zu Höchstzeiten des Flüchtlingszustroms in den Monaten August bis November 2015 landeten zeitweise täglich mehr als 7000 Menschen an den felsigen Ufern und Stränden der Inseln, die einst der griechische Dichter Homer besungen hatte. An manchen Tagen belief sich die Zahl der Geflüchteten auf Lesbos auf 100.000 – bei einer Einwohnerzahl von etwa 85.000 Insulanern.
Hunderte Flüchtlinge ertranken bei der Passage mit Schlauchbooten, zumeist »made in China«, in der östlichen Ägäis. Viele mit Menschen völlig überladenen Boote kenterten. Auf Lesbos wusste man zwischenzeitlich nicht mehr, wohin mit den Ertrunkenen; die Leichenhalle und der Kühlraum im Krankenhaus waren mit fremden Toten überfüllt. Nun sind die Inselfriedhöfe stille Zeugen der menschlichen Tragödie.
Dir drittgrößte Insel Griechenlands, nach Kreta und Euböa, war danach die erste, die aktiv auf den Menschenstrom reagierte und einen »Hotspot« für Flüchtlinge sowie weitere Unterkünfte installierte oder zumindest förderte.
Aktuell leben auf Lesbos 4.100 Flüchtlinge. Die meisten von ihnen werden seit dem Inkrafttreten des Flüchtlingsabkommens zwischen der EU und der Türkei im mittlerweile zum Gefängnis ausgebauten »Hotspot« festgehalten. Sie sollen gemäß des EU-Flüchtlingspaktes mit der Türkei, hinter dem die Regierung Angela Merkel steht, in die Türkei, nach Kleinasien zurückgebracht werden.
Franziskus als geduldiger Zuhörer
Im Flüchtlingslager Moria begegnen Papst Franziskus, der Ökumenische Patriarch Bartholomaios von Konstantinopel, der eigens aus Istanbul angereist ist, und das orthodoxe Oberhaupt von Griechenland, Patriarch Hyronymos von Athen, den Flüchtlingen. Es ist wichtig, dass die Orthodoxen dabei sind, voll auf Augenhöhe. Hier wird nicht – wie manches Mal in der zwischen Ost und West leidvollen Kirchengeschichte – eine übergriffe, römische Show veranstaltet.
Draußen vor dem weißen Zelt, in dem die Familien mit den Kleinkindern und Alten auf den Papst warten, stehen die jungen, allein reisenden Flüchtlinge. Die meisten sind Muslime. »Let my People go« steht auf einem braunen Pappkubus, den eine junge Frau hochhält – es ist eine theologische Botschaft. Denn mit Moses, also extrem früh, beginnt die Geschichte des biblischen Gottesvolkes eine Historie von Fliehenden zu sein, von Flüchtlingen, die mit ihrem Gott hadern oder ihm vertrauen, einem Flüchtlingsgott, der mit ihnen unterwegs ist und sie nie im Stich lässt.
»Pope ist our Hope«, »Pakistan grüßt den Papst«, »Helfen sie uns Yeziden«, steht in teils wacklig unbeholfenem Englisch auf den selbst gemalten Papp-Plakaten, die Flüchtlinge hochhalten. Franziskus nimmt sich Zeit für jeden einzelnen hat er eine Geste oder ein gutes Wort. Wer ihm die Hand nicht reichen möchte, den grüßt er ohne Handschlag.
Bei den verschleierten Müttern im Zelt dann wahrt er sensibel jede Art von Respekt. Wer die Hand aufs Herz legt, um ihn zu grüßen, den grüßt er ebenso. Viele Kinder haben Bilder gemalt.
Kinderbilder vom tödlichen Meer
Blau ist eines dieser Bilder, blau ist die gefährliche See. Darin klein das Boot mit der kleinen Malerin und ihren Eltern. »Ist das für mich?«, fragt der Papst das Mädchen. Als es bejaht, sagt er seinen Übersetzerinnen, die hinter ihm stehen, sie sollten bitte darauf gut aufpassen. Nach seinem langsamen, geduldigen Weg durch das Flüchtlingszelt in Moria hat der Mann in Weiß einen ganzen Stapel solcher Kinderbilder bei sich.
Die Begegnung verläuft anders als bei den Audienzen auf dem Petersplatz in Rom. Dort wartet das Papa-Mobil, dort ist alles in Bewegung, flüchtiger. In Moria ist Franziskus, weil er den Flüchtlingen begegnen will, möglichst jedem einzelnen.
Als einer Frau in der Aufregung ihre Wasserflasche auf den Boden fällt, bückt er sich rasch und hebt sie ihr auf. Manche Frauen, Mädchen und dunkelhäutigen Männer, Christen aus Pakistan, brechen zusammen, als er sie anspricht. Weinen, schreien, Verzweiflung. Dann bleib Franziskus stehen, zugewandt. Wunder kann der Argentinier nicht wirken – doch er hat eine stärkende Geste, falls erbeten einen Segen, zumindest ein tröstendes Wort.
Es beeindruckt sehr, Franziskus so konzentriert und herzlich in der ungeschnittenen Direktübertragung des Centro Televisivo Vaticano live zu erleben, mit Menschen in extremer Not und Verzweiflung. Vielen deutschen Christen, die ihren Glauben aus welchen Gründen auch immer an den Nagel gehängt haben, möchte man diese anderthalb, zwei Stunden Film empfehlen – auch ohne Übersetzung. Manche und mancher würde vermutlich nachdenklich in ihrem oder seinem Urteil über die Kirche.
Harte Kritik am Europa der Zäune
Kaltherzigkeit und Egoismus wirft Franziskus in seiner Rede in der Inselhauptstadt dem »Europa der Zäune« vor. Dazu zählen katholisch geprägte EU-Länder wie Ungarn, Slowenien, die Slowakei und Polen, das ausgerechnet am selben Tag das 1050. Jubiläum seiner Christianisierung feiert. Franziskus nennt die Namen dieser Länder nicht, deren katholische Bischöfe ihm Ärger machen, weil sie teilweise gegen die Aufnahme muslimischer Flüchtlinge sind und so das Christentum zu einer »Members-only«-Stammesreligion verunstalten.
Er steigt nicht ein ins diffizile Kleinklein des EU-Flüchtlings-Geschachers. Er will »mit dem Besuch in Lesbos zeigen, dass es keine bedrohliche Masse ist, die angeblich Europa überfluten will, sondern einzelne Menschen in Not und Verzweiflung, jeder mit seinem eigenen Schicksal«. Mehrfach nennt er die Flüchtlinge »unsere Schwestern und Brüder«. Und er dankt den jungen Leuten aus aller Welt, die gekommen sind, um den Fliehenden zu helfen. Am meisten lobt er die Griechinnen und Griechen wegen ihrer »großen Hilfsbereitschaft trotz aller wirtschaftlichen Not«. Den Muslimen und Nichtmuslimen auf Lesbos – und in Europa – erzählt der Papst die Geschichte vom barmherzigen Samariter. »Sie ist die Leitschnur, der die Politik zu folgen hat.«
Ein – kleines – Zeichen: Als er heimfliegt, sitzen in der Alitalia-Maschine mehrere syrische und afghanische Flüchtlinge, die der Papst zur Aufnahme und medizinischen Hilfe nach Rom mitnimmt.
