Die Glocken vom Prenzlauer Berg
Der Kirchentag ist immer auch ein Tag der vielen Worte. In Kirchen und Messehallen, Vorträgen, Podien und Workshops wird geredet und diskutiert, widersprochen und gegengengehalten, in unzähligen Themen und Stimmen, Argumenten und Sichtweisen.
Das gilt auch für das Kirchentagszentrum von Publik-Forum, das sich am Donnerstag in der Emmauskirche in Kreuzberg und am Freitag in der Kirche St. Augustinus am Prenzlauer Berg in einem eigenen Programm mit den Themen beschäftigt, die im Mainstream des Kirchentags oft untergehen. Hier ist der Ort, wo die Ursachen der Armut in Deutschland aufs Podium gebracht werden, hier schildert der Theologe Eugen Drewermann, der auf dem offiziellen Kirchentag nicht zugelassen ist, den himmelschreienden Kontrast zwischen der Friedensbotschaft Jesu und der kriegerischen Politik der Staatenmächte. Hier werden Wege zur Überwindung der kapitalistischen Zivilisation diskutiert, die auch von Papst Franziskus als mörderisch beschrieben wird: »Diese Wirtschaft tötet.«
Doch dann kommt auch an diesem lebendigen, themenreichen und immer gut besuchten Ort der Augenblick, wo jedes Wort zu viel wäre: Die Schweigeminute, wo der Kirchentag der im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlinge gedenkt. In der Augustinuskirche am Prenzlauer Berg, wo der Schweizer Theologe und spirituelle Autor Pierre Stutz soeben erläutert hat, wie eine berechtigte Wut, ein heiliger Zorn zum entscheidenden Impuls für eine bessere Welt werden kann, stehen nun die Veranstalter und Zuhörer in den Bänken und schweigen.
Nur das Läuten der Glocke schwingt beharrlich in die minutenlange Stille. Selten haben Glocken so intensiv geklungen, so bedeutungsvoll und so beklemmend. Es ist, als ob sie mit jedem Schlag einen andere Toten beklagten. Einen Mann. Eine Frau. Einen Jugendlichen. Ein kleines Kind, das auf der Flucht nach Europa im Mittelmeer sein Leben verloren hat. Und vielleicht ist es dieser Klang, der von allem, was auf dem Kirchentag hörbar geworden ist, am längsten nachhallt.
