Der Judas in uns
Wie konnte Judas das nur tun? Den friedfertigen, Kranke heilenden, Tote erweckenden Jesus ans Messer liefern und dadurch für alle Zeit zum Urbild des Verräters werden? Noch dazu mit einem Bruderkuss! Das ist nun wirklich sehr hinterhältig. Oder war es ganz anders, als es uns die Evangelien schildern?
Jesus hatte Judas immerhin mit drastischen Worten vor seiner Tat gewarnt. Beim letzten Abendmahl sagte er laut Markusevangelium: »Der Menschensohn muss zwar seinen Weg gehen, wie die Schrift über ihn sagt. Doch wehe dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird. Für ihn wäre es besser, wenn er nie geboren wäre« (Markus 14,21). Wer so etwas von sich hört, hält der noch am Verrat fest? Zumal die Auslieferung ja gar nicht nötig war; die Soldaten hätten Jesus auch so festnehmen können. Er war eine öffentliche Person und hat sich nicht versteckt.
Logisch ist der Verrat nicht. Es scheint vielmehr so, als ob die Geschichte einen Bösewicht brauchte. Und dafür musste Judas herhalten. Er ist fest in die Dramaturgie eingebunden. Wo es den Guten gibt, Jesus, den Weltenretter, muss es auch den Bösen geben, der ihn hintergeht. Was wäre geworden, wenn Judas sich eines Besseren besonnen und Jesus nicht verraten hätte? Hätte es dann keine Auferstehung gegeben? Judas sorgt für die dramatische Zuspitzung.
Zwei Seiten des Menschseins
Und uns, die wir die Evangelien lesen, werden zwei Seiten des Menschseins in Extremformen präsentiert. Große Opferbereitschaft bis hin zum Tod. Und Konzentration auf den eigenen Vorteil, ganz egal was es für Folgen hat. Liebe oder Verrat: Wir können wählen. In Maßen kennen wir beide Seiten. Wir können sie um uns herum tagtäglich beobachten.
Was sehen wir, etwa im politischen Geschehen? Wenn 12 000 Menschen an der griechisch-mazedonischen Grenze in Idomeni festsitzen, nicht weiter nach Europa reisen dürfen und ihre Zukunft ungewiss ist, weil die europäischen Regierungen sie im Stich lassen: Ist das kein Verrat an den christlichen Werten, die Europa so gerne beschwört?
Dass es auch in der deutschen politischen Debatte immer stärker nur noch darum geht, wie man die Zahl der Flüchtlinge reduzieren kann, die nach Deutschland kommen, und am stärksten eine Partei danach ruft, die sich Christlich-Soziale Union nennt: Ist das kein Verrat? Auch in der AfD und in Pegida engagieren sich Christen. Merken sie nicht, dass sie ihren Glauben in Wirklichkeit verraten?
Warum geht es kein bisschen mehr um das Leid, das die Menschen aus Syrien, dem Irak und Afghanistan in die Flucht treibt? Um die existenzielle Gefahr, aus der sie fliehen? Sie sind kein Stückgut, das durch Europa transportiert werden muss!
Aber es gibt auch noch den Gegenpart, die Liebe. Sie verwirklicht sich in den vielen Helferinnen und Helfern vor Ort, die ehrenamtlich Flüchtlingen Deutschkurse geben, Kleider verteilen oder Kinder betreuen.
Doch der Verrat ist größer. Er zeigt sich in vielen Bereichen. Und meist spielt Geld eine Rolle. Bei der Atomenergie etwa, durch die Milliarden verdient wurden, gerade erst war der fünfte Jahrestag der Katastrophe von Fukushima. Für wenige Jahrzehnte gewannen wir Strom, die strahlenden Rückstände bleiben für Jahrhunderte gefährlich. Oder nehmen wir die Aufheizung der Erde: Auch der Klimawandel ist Zeichen für einen Verrat an den kommenden Generationen.
Doch auch in unserem eigenen Leben ist der Verrat nicht ausgeschlossen. Wer verhält sich nicht auch mal egoistisch, zum Schaden anderer? Es gibt den Judas in uns allen, egoistisch und gierig, mal mehr mal weniger ausgeprägt. Aber es gibt auch noch den anderen, den Jesus. Der steht in diesen Ostertagen im Vordergrund. Zum Glück. Es ist gut, sich immer wieder an ihn zu erinnern. Und aufzupassen, dass in Politik und Privatleben der Verrat nicht zur Selbstverständlichkeit wird.
