Blaue Briefe von Papst Benedikt
Im Juli lässt Papst Benedikt XVI. die Blauen Briefe verschicken. Empfänger sind rund die Hälfte aller 112 nationalen katholischen Bischofskonferenzen rund um den Globus. Bei der harschen Post aus dem Vatikan handelt es sich um ein Mahnschreiben im Kampf gegen den sexuellen Kindesmissbrauch durch Priester. Denn die Adressaten haben es bisher versäumt, Richtlinien zur Bekämpfung sexueller Gewalt durch Geistliche und Kirchenmitarbeiter zu erarbeiten.
Ein-Jahres-Frist zur Umsetzung der Richtlinien endete im Mai
Die von Rom eingeräumte Ein-Jahres-Frist für die Umsetzung der Richtlinien endete im Mai. Mit dieser für Kirchenverhältnisse ungewöhnlich kurzen Frist will der Papst – so erklärt Vatikan-Sprecher Lombardi SJ, die »Dringlichkeit« unterstreichen, mit der er der »Plage des sexuellen Missbrauchs durch Kleriker« begegnen und der Kirche »die volle Glaubwürdigkeit« zurückgeben will.
Knapp die Hälfte der Bischofskonferenzen hat noch nicht die vom Papst geforderten »klaren Richtlinien« erarbeitet – mit Priorität für den Opferschutz, scharfen Kriterien bei der Auswahl von Priesternachwuchs und Null-Toleranz für Geistliche, die in Gemeinde und Seelsorge arbeiten. Dennoch sieht der Chefankläger des Papstes in Sachen Missbrauch, der in der römischen Glaubenskongregation angesiedelte, aus Malta stammende Erzbischof und Kirchenrechtler Charles Sicluna, das Glas eher halb voll als halb leer: Immerhin die Hälfte der Bischofskonferenzen sei der Vorgabe des Papstes nach Ausarbeitung eigener Richtlinien bereits nachgekommen, sagt er.
Vor allem aus afrikanischen Bischofskonferenzen steht die Antwort meist noch aus. Das ist kein Wunder, denn im armen Westsahel leiden die Menschen unter einer mörderischen Dürre und in Staaten wie Mali, Lybien, Ägypten, Eritrea oder dem Südsudan haben die kleinen Ortskirchen mit Nothilfe und dringender Friedensarbeit zu tun – da rutscht dann der drängende Befehl aus Rom schon mal aus der Tagersordnung.
Charles Sicluna vergleicht Vertuschung in der Kirche mit der »Omertá«
Am Ziel hält Charles Sicluna fest. Er kämpft gegen die Jahrhunderte dauernde, tief sitzende verbrecherische Unkultur der Vertuschung sexueller Gewalttaten in der Kirche an. Als erster Vatikanvertreter vergleicht Sicluna öffentlich die Haltung der Kirche hierzu mit dem Schweigegebot der Mafia, der »Omertá«.
Wo die neuen nationalen Richtlinien einiger Bischofskonferenzen die Unabhängigkeit der Kirche gegenüber der staatlichen Justiz betonen, müsse nachgearbeitet werden, fordert Sicluna. In diesen Fällen müsse eine »präzise, aufmerksame und vollständige Beschreibung« der Gesetze des jeweiligen Staates zum Missbrauch hinzugefügt werden. In jedem einzelnen Land müsse ausdrücklich darauf hingewiesen werden, dass die Kirche »im vollen Respekt vor dem Recht des Staates nichts tun wird, um die Opfer davon abzubringen, von ihrem Recht Gebrauch zu machen«.
So sieht die Forderung nach einem totalen Kurswechsel aus. Denn in den Jahrhunderten der Vertuschung und der Lüge war eben dies nicht geschehen. In der Auseinandersetzung über sexuelle Übergriffe Geistlicher auf Minderjährige wollte die Amtskirche ihren Ruf bewahren. Dafür wurde verschwiegen, bestochen, getäuscht und gelogen. Nun fordert der Papst die Zusammenarbeit mit den staatlichen Behörden. Und schreibt Blaue Briefe an die katholische Kirche in Dutzenden Staaten.
Der sonst zögerliche Papst agiert diesmal beharrlich
Der umstrittene Papst Benedikt XVI., der in vielen anderen Fragen die Dinge im Vatikan – bis hin zu Vatileaks und Geheimkonten der kriminellen Vatikanbank IOR – schleifen lässt, weil er lieber Bücher schreibt und der Theologie nachgeht, agiert in Sachen Missbrauch leise, jedoch beharrlich und mit der nötigen Härte. Er will die globale katholische Großkirche bei diesem Thema auf einen neuen und besseren Kurs zwingen. Doch die Struktur der Amtskirche, insbesondere den Pflichtzölibat der Priester, lässt Benedikt dabei unangetastet.
Vor zwei Jahrzehnten, als Chef der römischen Glaubenskongregation wurde Kardinal Josef Ratzinger mit dem massenhaften Missbrauch durch Kirchenangehörige konfrontiert. Es versuchte sich durchzusetzen und brachte den damaligen Papst Johannes Paul II. zu einer ersten Kursänderung. Doch in manchem war Ratzinger erfolglos. Ewa beim Versuch, den Gründer der »Legionäre Christi« Marcial Maciel Degollado – ein Freund Johannes Paul II:, dem vielfacher Missbrauch nachgewiesen wurde – zu bestrafen. Das hat seine Entschiedenheit angestachelt, nun selbst als Papst mehr durchzugreifen.
Weitere Informationen
Über die Rolle, die Papst Benedikt XVI. generell in der katholischen Kirche spielt, informiert das Buch von Norbert Sommer und Thomas Seiterich (HG.) »Rolle rückwärts mit Benedikt. Wie ein Papst die Zukunft seiner Kirche verbaut«.
