Aufstand der Pfarrer und Diakone
Auf dem katholischen Weltfamilientreffen in Mailand hatte der 85-jährige, von Vatileaks-Skandalen im Vatikan gebeutelte Papst Benedikt XVI. vor kurzem einen besonders schwachen Auftritt: »Ja, ja, der Ausschluss der wiederverheirateten geschiedenen Katholiken von der Kommunion und der Beichte« sei »ein großes Leiden der heutigen Zeit«, sagte der Dogmatikprofessor auf dem Papstthron. Doch leider habe Rom »keine Vollmacht« und keine »Rezepte« zu einer christlichen wie menschenfreundlichen Lösung des Problems.
Diesen Offenbarungseid leistet ausgerechnet Papst Ratzinger, dem seine Zeit nicht zu schade ist, dem kleinen Grüppchen der ewiggestrigen traditionalistischen Piusbrüder mit immer neuen Interpretationen, Finten und Theologien schrittweise entgegenzukommen - egal wie antijüdisch verbohrt und wie antifreiheitlich diese Traditionalisten sind.
Millionen Katholiken erwarten einen Schritt der Kirche
Doch viele Millionen geschiedene und wiederverheiratete Katholikinnen und Katholiken in aller Welt erwarten von der Kirche Barmherzigkeit. Nach dem Scheitern ihrer Ehe wollen sie nicht auch noch von ihr abgestraft und ausgegrenzt werden.
Und der Widerstand gegen die harte Haltung des Papstes wächst. Auch im Klerus. Bisher haben 177 Priester und Diakone des Erzbistums Freiburg im Juni ihre Unterschrift unter das Memorandum »Kirche 2012: Den notwendigen Aufbruch wagen« gesetzt. Formuliert haben es Teilnehmer eines Treffens von 60 Priester und Diakonen, die zu einem »offenen Austausch« in die Katholische Akademie Freiburg gekommen waren. Sie hatten im vergangenen Jahr auch das Memorandum der 311 Theologieprofessoren »Kirche 2011: Ein notwendiger Aufbruch« unterstützt.
Die Freiburger Geistlichen teilen das, worum es ihnen geht, in ganz einfachen Worten mit: »In unseren Gemeinden gehen wiederverheiratet Geschiedene mit unserem Einverständnis zur Kommunion und empfangen das Bußsakrament und die Krankensalbung. Sie sind tätig als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Pfarrgemeinderat, in der Katechese (Glaubensvermittlung) und in anderen Diensten.«
Täglich wächst die Zahl der Unterzeichner des Memorandums. Auch ein Heidelberger Benediktinerabt hat die Erklärung unterzeichnet. Mancher Bischof würde das wahrscheinlich im Stillen ebenso tun - doch für die Öffentlichkeit und für Rom hat der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch in einem Brief an den Klerus von der Unterzeichnung dieser Ungehorsams-Erklärung abgeraten. Sie sei »weder hilfreich noch konstruktiv«. Ein komplexes Thema werde hier vereinfacht. Er werde keine generelle und undifferenzierte Praxis billigen.
Zwiespältige Reaktion von Bischof Zollitsch
Doch Zollitsch ist nicht so herzenskalt wie der Papst. Er lässt durchblicken, dass er das Engagement für die bislang ausgegrenzten wiederverheirateten Geschiedenen gut finde. Auf einer Diözesanversammlung solle das Thema zur Sprache kommen, allerdings erst im Frühjahr 2013.
Die Freiburger Erklärung reiht sich ein in eine steigende Zahl von Ungehorsams-Erklärungen in der weltweiten Kirche. Priesterinitiativen in der Slowakei und in Irland sowie die deutschlandweite Arbeitsgemeinschaft der Priester- und Solidaritätsgruppen (AGP) und die Priestergruppe Aktionsgemeinschaft Rottenburg (AGR) verweigern inzwischen den Bischöfen die Gefolgschaft und geben Beispiel für eine barmherzige Kirche, indem sie auch die wiederverheirateten Geschiedenen willkommen heißen.
Die Proteste sind sinnvoll und notwendig. Letztlich geht es um eine dienende und barmherzige Kirche an der Seite der Menschen. Deshalb ist gegen unmenschliche Kirchengesetze Ungehorsam angesagt. Auf diese Weise wächst die Kirche von morgen.
