Hoffnung für Wiederverheiratete
Frage von Andrea Müller (Name von der Redaktion geändert): »Ich bin katholisch, war mit einem katholischen Mann in erster Ehe kirchlich getraut und habe zwei katholische Kinder. Heute bin ich nur standesamtlich wiederverheiratet nach vorheriger Scheidung von meinem ersten Mann. Darf ich dennoch die Sakramente empfangen?«
Die Zahl der Betroffenen ist groß. 2012 wurden in Deutschland insgesamt rund 179 000 Ehen geschieden. Bei rund 60 000 Eheschließungen pro Jahr haben die Partner bereits mindestens eine Ehe hinter sich. Gescheiterte Beziehungen sind Alltag. Nichtsdestrotz sieht die katholische Lehre die Ehe bislang weiter nur als einen Bund fürs Leben an. Sie gilt als Sakrament, als Zeichen der Liebe Gottes zu den Menschen, und daher auch als unauflöslich. Zwar gewährt die Kirche Gläubigen die Möglichkeit, ihre Ehe annullieren zu lassen. Bei diesem Verfahren wird anhand bestimmter Kriterien festgestellt, dass die Verbindung nie bestanden hat. Doch dieses Verfahren zu durchlaufen ist nicht jedermanns Sache.
Wer sich scheiden lässt und wieder heiratet, der muss nach offizieller katholischer Lehre bisher auf die Sakramente verzichten. Er oder sie darf nicht getauft und gefirmt werden, erhält keine Krankensalbung, darf nicht beichten und ist von der Kommunion ausgeschlossen. Soweit die Lehre. In der Praxis wird das Verbot längst nicht mehr überall beachtet. In vielen katholischen Gemeinden wird wiederverheirateten Geschiedenen selbstverständlich die Kommunion gereicht. Aber es ist nach wie vor ein Akt des Widerstandes gegen Rom, wenn Pfarrer im Sinne der Betroffenen ein Auge zudrücken. Deshalb ist eine Reform des Eherechtes eine Forderung der zahlreichen Pfarrerinitiativen, die in Österreich, Deutschland und vielen anderen Ländern für eine Veränderung der katholischen Kirche kämpfen.
Streit um Freiburger Handreichung
Doch inzwischen gibt es Druck nicht mehr nur von unten, von den Reformpriestern und den Geschiedenen. Auch in der Kirchenleitung bewegt sich etwas. Im Oktober 2013 hat die Erzdiözese Freiburg eine »Handreichung für die Seelsorge zur Begleitung von Menschen in Trennung, Scheidung und nach zviler Wiederverheiratung« herausgebracht. Gedacht ist sie als »eine Orientierung für die pastorale Praxis in den kommenden Jahren«. Getragen wird sie von der Sorge um die Betroffenen. »Kirchliche Pastoral verschließt sich aber auch vor dem Scheitern einer Ehe nicht«, heißt es darin. Sie soll zuhören, begleiten und ermutigen mit dem Ziel, den Menschen zu neuen Perspektiven zu verhelfen und sie ihr inneres Gleichgewicht wiederfinden zu lassen. »Jeder Mensch wird mit seiner Lebens- und Beziehungsgeschichte mitsamt ihren Brüchen und Wunden geachtet. Über den Wunsch, neu anzufangen und sich mit Gottes Hilfe auf eine zweite Lebenspartnerschaft verbindlich einzulassen, kann daher offen gesprochen werden.« Nach einem seelsorglich und theologisch fundierten Gesprächsprozess und einer »verantwortlich getroffenen Gewissensentscheidung« können wiederverheiratete Geschiedene auch wieder zu den Sakramenten zugelassen werden, erklärt die Handreichung. Sie macht auch Vorschläge, wie Paare ihre neue Verbindung im Rahmen einer kleinen kirchlichen Zeremonie bekräftigen können: mit Gebet, Segnung und Kerzenübergabe.
Kaum war das eigentlich nur für die Priester der Diözese gedachte Papier auch in die breite Öffentlichkeit gelangt, ließ die Reaktion aus Rom nicht lange auf sich warten. Der deutsche Präfekt der Glaubenskongregation, Erzbischof Gerhard Ludwig Müller, wies die Vorstellung, wiederverheiratete Geschiedene könnten für die Sakramente zugelassen werden, in einem Brief an die Erzdözese Freiburg prompt zurück. Er forderte, den »Entwurf der Handreichung zurückzunehmen und zu überarbeiten, damit nicht pastorale Wege offiziell gutgeheißen werden, die der kirchlichen Lehre entgegenstehen«. Auch die Gebetsfeier für wiederverheiratete Paare lehnt er ab: »Feiern dieser Art wurden von Johannes Paul II. und Benedikt XVI. ausdrücklich untersagt.« Diese Haltung hat Erzbischof Müller in einem Beitrag für den Osservatore Romano, den der Papst abgesegnet haben soll, bekräftigt. Deutlicher geht es nicht.
Das Erzbistum Freiburg denkt hingegen nicht daran, die Handreichung zurückzuziehen. Pressesprecher Robert Eberle berichtet, dass die Diözese viele zustimmende Briefe erhalte. Gemeint sei die Handreichung als ein Beitrag in der Diskussion. Dass diese Diskussion so lebhaft ausfalle, sei ein »Zeichen für die Lebendigkeit der Kirche«. Das Erzbistum Freiburg wolle an das Problem nicht nur dogmatisch herangehen, berichtet er. Sonst werde man der »Komplexität der Herausforderung« nicht gerecht. Es sei »unsere Aufgabe, auf die Menschen zuzugehen«, sagt der Pressesprecher von Erzbischof Robert Zollitsch. Der 75-jährige bisherige Bischof, seit seinem altersbedingten Amtsverzicht nunmehr Apostolischer Administrator im Erzbistum Freiburg, hoffe mit Papst Franziskus auf »eine Kirche der offenen Türen«, in der die Menschen auf Seelsorger treffen, die sich nicht »wie Kontrolleure der Gnade« verhalten, sagt Eberle.
Die Erwartung, dass sich die Deutsche Bischofskonferenz die Freiburger Handreichung zu eigen macht, wurde enttäuscht. Der zuvor frisch gewählte neue Vorsitzende, Kardinal Reinhard Marx, zeigte sich am Rande der Konferenz im März zwar offen für Forderungen, diese Christen wieder zur Kommunion zuzulassen. Beschlüsse fasste die Konferenz jedoch keine.
Was will der Papst?
Papst Franziskus hat bislang deutlich gemacht, dass er für eine barmherzige Kirche eintritt, auch wenn er damit in Konflikt geraten sollte mit der katholischen Lehre. Vor lateinamerikanischen Ordensleuten hat er einmal gesagt: »Macht euch keine Gedanken, wenn dann ein Brief von der Glaubenskongregation kommt, sie hätten dies und jenes angeordnet. Macht Euch keine Sorgen. Erklärt ihnen, was Ihr erklären müsst, aber geht weiter. Öffnet Türen. Mir ist eine Kirche lieber, die mal einen falschen Schritt tut, als eine, die vor lauter Abgeschlossenheit krank wird.«
Was will der Papst? Franziskus wird wohl nicht die Lehren der katholischen Kirche verändern. Aber vielleicht wird er versuchen, einen Weg zu mehr Barmherzigkeit zu finden, damit bisher ausgegrenzte Gläubige nicht weiter vor den Kopf gestoßen werden.
Für Oktober 2014 hat er zu einer Sonderbischofssynode zum Thema Familie eingeladen. Auch die Haltung der katholischen Kirche gegenüber wiederverheirateten Geschiedenen wird dabei beraten werden. Zur Vorbereitung dieser Synode hat der Papst ein für die Kirche sehr ungewöhnliches Instrument gewählt: einen Fragebogen. Franziskus möchte Informationen über die familiären Lebensformen sammeln, auch über das Zusammenleben gleichgeschlechtlicher Paare. Er will wissen, wie die weltweite Kirche zurzeit mit Menschen umgeht, die nicht nach dem katholischen Wertekanon leben. Und wie die Gläubigen unter ihnen die offizielle katholische Haltung beurteilen. Er fragt nicht nur den Klerus. Der Papst bat darum, die Fragen »so weit wie möglich in die Dekanate und Pfarreien« zu verteilen.
Ein Absatz befasst sich mit den wiederverheirateten Geschiedenen: »Stellen die getrennt Lebenden und die wiederverheirateten Geschiedenen eine wichtige pastorale Realität in der Ortskirche dar?«, heißt es darin. »Begegnet man dieser Situation durch entsprechende Pastoralpläne? Welche?« Und weiter: »Wie leben die Getauften ihre irreguläre Situation? Sind sie sich dessen bewusst? Zeigen sie sich gleichgültig? Fühlen sie sich ausgegrenzt und leiden an der Unmöglichkeit, die Sakramente zu empfangen? Welche Anfragen/Bitten gibt es von Seiten der wiederverheirateten Geschiedenen an die Kirche in Bezug auf die Sakramente der Eucharistie und der Versöhnung?«
Erste Meldungen über die Ergebnisse der inzwischen beendeten Umfrage machen deutlich, dass die kirchliche Lehre weit von der Lebenwirklichkeit der Menschen entfernt ist. Und sich die Kirche eigentlich dringend ändern müsste.
Der Papst hat sich bisher nicht von den geltenden kirchlichen Lehren distanziert. In einem weltweit beachteten Interview mit Antonio Spadaro, dem Chefredakteur der italienischen Jesuiten-Zeitschrift »La Civiltà Cattolica«, machte er jedoch deutlich, dass er eine barmherzige Kirche will. Die Haltung müsse sich ändern: »Die organisatorischen und strukturellen Reformen sind sekundär, sie kommen danach. Die erste Reform muss die der Einstellung sein«, sagt Franziskus.
Schritte Richtung Barmherzigkeit
Noch deutlicher wird er in seinem ersten Lehrschreiben (Evangelii gaudium »Die Freude des Evangeliums«), das er kürzlich veröffentlichte. Darin zitiert er den spätantiken Kirchenvater Ambrosius von Mailand mit dem Satz, der allen wiederverheirateten Geschiedenen Hoffnung machen könnte: »Das Abendmahl ist nicht die Belohnung für die Vollkommenen, sondern ein großzügiges Heilmittel und eine Nahrung für die Schwachen.«
Danach gibt es eigentlich kein Argument mehr Menschen, deren Ehe gescheitert ist und die eine neue Verbindung eingegangen sind, vom Tisch des Herrn auszuschließen. Barmherzigkeit contra kirchliche Lehre. Wie wird Franziskus diesen Konflikt auflösen? Kann er das? Oder kommt es zu einem Machtkampf hinter den Mauern des Vatikans? Das ist eine der spannendsten Fragen für die Zukunft.
