Etty Hillesum
Etty Hillesums mystisches Erwachen
Mediathek. Die erste Szene zeigt eine junge Frau, die ihre Handfläche mit schwarzer Tinte bestreicht und auf ein weißes Blatt drückt. Schon diese ersten stillen Minuten, die Nahaufnahmen der Augen, Hände und Tinte sind so eindringlich, dass man beim Zuschauen das Atmen vergisst. Diese Intensität zieht sich durch alle sechs Teile der neuen TV-Serie »Etty« in der arte-Mediathek.
Die junge Frau heißt Etty Hillesum, sie ist 27 Jahre alt und lebt 1943 als Jüdin in der Stadt Amsterdam, die soeben von Nazideutschland besetzt worden ist. Wegen Depression und verschiedener körperlicher Symptome sucht die hochintellektuelle Studentin den Psychotherapeuten Julius Spier auf, einen aus Deutschland geflohenen Juden, der mit neuartigen körpertherapeutischen Methoden und der Analyse der Handlinien arbeitet. Spier empfiehlt Etty, ein Tagebuch zu führen und sich in meditativer Versenkung zu üben. Beides löst einen dynamischen seelischen Prozess, eine heftige Liebesbeziehung mit ihrem Therapeuten und eine krasse spirituelle Entwicklung in Etty Hillesum aus. Doch während sie innerlich heiler und klarer wird, spitzt sich die politische Lage für die Juden immer bedrohlicher zu.
Die Verfilmung des israelischen Regisseurs Hagai Levi ist ein sechsstündiger Arthouse-Film, der in sechs Serienteilen präsentiert wird. Sie basiert auf den Tagebüchern, die Etty Hillesum von 1941 bis 1943 geführt hat und die erst in den 1980er-Jahren veröffentlicht wurden. Dabei verzichtet Levi auf historisierende Details: Die Schauspieler tragen Jeans, bewegen sich durch das Amsterdam der Jetztzeit und fahren mit modernen Zügen. Dadurch entfällt die historische Distanzierung und Ettys Geschichte geht direkt unter die Haut.
Die Brutalität des Holocaust wird nicht durch laute Stimmen, Gewalt und Uniformträger inszeniert, sondern durch den zunehmend bedrückenden Alltag der Betroffenen. Eine Szene, in der Juden geschlossen zu einem Sammelplatz radeln, wo ihre Räder konfisziert und krachend verschrottet werden, wirkt wie eine subtile Vorwegnahme der Vernichtung, die noch folgen wird.
Etty Hillesum bleibt in der Verfolgung auf unerklärbare Weise heil. In der Meditation hat sie Kontakt zu etwas gefunden, das sie vorsichtig »Gott« nennt, ihre »innerste Zelle«, in der ihr unzerstörbares Ich wohnt. Die Beschreibung ihres inneren Weges und die heftige Diskussion, die Etty darüber in Folge 5 mit dem säkularen Journalisten Klaas Smelik führt, geht weit über das, was in einer Fernsehserie über Spiritualität zu sagen wäre, hinaus und kann als Mystik bezeichnet werden.
Etty schlägt schließlich alle Fluchtmöglichkeiten aus und entscheidet sich bewusst, in Solidarität mit ihrem Volk ins Vernichtungslager zu gehen.
Die österreichische Schauspielerin Julia Windischbauer spielt eine emotional pulsierende und zugleich hoch konzentrierte Etty, deren graublauen stillen Blick man nicht vergisst. »Etty« ist ein außergewöhnliches Fernsehstück – und ein eindringlicher Appell an die Jetztzeit.

