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Liebe Frauen, macht doch was ihr wollt!

Heute ist Internationaler Frauentag. Mir ist eigentlich nicht nach Feiern zumute. Mehr als jemals zuvor sehe ich überall, wie Frauen belächelt, bedroht, verunglimpft werden. Und dann wiederum ist mir in diesem Jahr mehr als sonst nach Feiern zumute, weil ich mehr als jemals zuvor merke, dass sich das immer weniger Frauen gefallen lassen. Beides hat miteinander zu tun.
von Anne Strotmann vom 08.03.2018
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Heute ist internationaler Frauentag. Höchste Zeit, endlich Schönes und Sinnvolles zu tun. Was das ist, kann jede Frau selbst entscheiden. Links im Bild tanzen Italienerinnen aus Protest gegen Gewalt an Frauen. "Wenn ich nicht tanzen kann, ist es nicht meine Revolution", sagte die Friedensaktivistin, Feministin und Anarchistin Emma Goldman. Recht hat sie, findet Publik-Forum-Redakteurin Anne Strotmann (rechts)
Heute ist internationaler Frauentag. Höchste Zeit, endlich Schönes und Sinnvolles zu tun. Was das ist, kann jede Frau selbst entscheiden. Links im Bild tanzen Italienerinnen aus Protest gegen Gewalt an Frauen. "Wenn ich nicht tanzen kann, ist es nicht meine Revolution", sagte die Friedensaktivistin, Feministin und Anarchistin Emma Goldman. Recht hat sie, findet Publik-Forum-Redakteurin Anne Strotmann (rechts)

Ich bin eigentlich nicht so die Feiertags-Type. Leider. Ich schaffe es nicht einmal an Weihnachten, Grußkarten an alle Menschen die ich liebe zu schicken, geschweige denn an all die anderen Menschen im meinem Leben. Selbst zu Geburtstagen verpasse ich oft die Gelegenheit, ihnen zu sagen, was sie mir bedeuten und warum ich sie so schätze. Beim Internationalen Frauentag ist das anders. In den vergangenen Jahren habe ich am 8. März mal aufmunternde SMS an Freundinnen verschickt, mal an feministischen Diskussionen teilgenommen, mal mit ein paar anderen Frauen Bettlaken besprüht und aus Unifenstern gehängt, mal den Kolleginnen wenigstens je eine lila Tulpe mitgebracht, auch wenn sie Liebesbriefe verdient hätten, jede aus anderen Gründen. Alles keine Heldinnentaten, aber es zeigt wohl, dass der 8. März mir etwas bedeutet.

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Dieses Jahr ist mir eigentlich nicht nach Feiern zumute. Mehr als jemals zuvor sehe ich überall, wie Frauen mit dem was sie sind, tun, wollen, belächelt und bedroht, verunglimpft und mundtot gemacht werden. Und dann wiederum ist mir in diesem Jahr mehr als sonst nach Feiern zumute, weil ich mehr als jemals zuvor merke, dass sich das immer weniger Frauen gefallen lassen. Beides hat miteinander zu tun.

Der antifeministische Backlash ist unerträglich, aber eigentlich ein Grund, den Frauentag umso mehr zu feiern. Er zeigt nämlich, dass die Frauenbewegung so wirkungsvoll war, dass sie am Thron der Mächtigen gerüttelt hat und diejenigen, die lieber alles so lassen wollen, wie es ist, nervös werden. Klar, dass da einige, die die große »Vergenderung« befürchten, das Abendland sowieso untergehen sehen. Mit erklärten Antifeministen muss ich auch gar nicht diskutieren.

Frauen sollen frei sein – nur stören darf es nicht

Was mir aber immer wieder wehtut: Auch Männer und Frauen, die ich eigentlich solidarisch wähne, wenn es um Menschenrechte geht, und die ich für klug genug halte, populistische Tricks zu durchschauen, ziehen aus dem rechtspopulistisch angestoßenen Widerstand gegen die Freiheit von Frauen (wie auch von Minderheiten) die falschen Schlüsse. Ich habe den Eindruck, sie wollen die murrende Meute wieder beruhigen, indem sie Anliegen von Frauen wenn nicht gleich zum Luxusproblem, dann doch zu Themen neben anderen erklären – und gerade gibt es ja wahrlich wichtigeres als Frauen und ihre Freiheit, nicht wahr?

Zum Beispiel das Problem der Populisten mit muslimischen Migranten, die angeblich die Freiheit von Frauen durch sexuelle Übergriffe und Verschleierung einschränken wollen. Da müssen die Frauen – so meint mancher – einfach mal eben kurz die Füße stillhalten mit ihren überzogenen Ansprüchen. Und möglichst noch dabei helfen, der Muslimin (also einer Frau!) im Dienste der Freiheit der Frauen zu erklären, dass sie leider nicht frei entscheiden darf, was sie wo anzieht, solange sie dieser Religion zugehört. Frei sein können Frauen irgendwann später noch, wenn diese Probleme gelöst sind. Wenn nicht irgendwas anderes dazwischen kommt, wie Klassenkämpfe, Armutsdebatten, Finanzkrisen. (Als könnte man diese Probleme an Frauen vorbei lösen.) Frei sein können Frauen immer dann, wenn es gerade nicht stört.

Hundert Jahre Frauenwahlrecht – ein Grund zum Feiern?

Der Internationale Frauenkampftag entstand als Initiative sozialistischer Organisationen in der Zeit um den Ersten Weltkrieg im Kampf um die Gleichberechtigung, das Wahlrecht für Frauen und die Emanzipation von Arbeiterinnen. Das mit dem Wahlrecht ist längst durch. Aber wer glaubte, damit hätte sich auch die Frauenbewegung erledigt, weil sie am Ziel ihrer Träume angelangt war, irrte gewaltig. So sind die hundert Jahre Frauenwahlrecht auch für mich wahrlich kein Grund, heute dankbar auf die Knie zu fallen, sondern das absolute Minimum politischer Handlungsmacht in einem von Männern erfundenen System, das diese untereinander so gleich machte, dass Nichtmänner ihnen ungleich werden mussten. Und heute reibt man sich verwundert die Augen, dass tatsächlich so wenige Frauen im Bundestag sitzen. Olymp de Gouge verfasste 1791 die »Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin«, was als unerwünschte Einmischung in die junge Politik der Männer verurteilt wurde. Sie wurde hingerichtet. Heute stört das Frauenwahlrecht wohl kaum jemanden mehr, höchstens in dem Sinne, dass man sich beispielsweise grundsätzlich Alternativen zum repräsentativen Wahlsystem ausdenken könnte.

Trotzdem: Eine Frau, die heute wirklich Politik macht, oder auch nur einen Text veröffentlicht, in dem Wörter wie Feminismus oder Gender vorkommen, oder die die Autorität bestimmter Männer infrage stellt, bekommt wohl mindestens eine Zuschrift, in der ihr ein Schicksal gewünscht wird, das dem Olymp de Gouges recht nahe kommt. Zumindest aber wird man versuchen, sie als Frau lächerlich zu machen, zu belehren, zu bedrohen oder auf andere Weise zum Schweigen zu bringen.

Nicht Gleichstellung ist das Ziel, sondern Freiheit

Die Anfänge der heute so gelobten modernen Demokratie haben sich die Freiheit von Frauen (und einer Menge anderer Gruppen) nicht gerade auf die Fahnen geschrieben. Alle Errungenschaften, auf die einige heute so stolz sind, wurden gegen Widerstand erkämpft. Und wir leben immer noch im gleichen System, in dem das Männliche die Norm ist, die Frau die Abweichung davon, deren Freiheit missverständlicherweise darin zu bestehen hat, möglichst nah ans männliche Ideal heranzukommen, um seine Privilegien genießen zu dürfen. Die Frage wäre, welche soziale Gruppe dann die Arschkarte ziehen darf. Es wird also keinen Punkt geben, an dem man sich erleichtert zurücklehnen kann und sagen wird: So, jetzt haben wir die Gleichstellung aber erreicht. Dass Frauen im Schnitt weniger verdienen als Männer ist zweifellos ungerecht, aber die Lösung kann nicht sein, dass sie einfach die gutbezahlten »Männerberufe« machen, zu Bedingungen, auf die sie vielleicht überhaupt keine Lust haben, nur um ordentlich am Kapitalismus mitzuwirken. Denn Gleichsein kann nicht das Ziel des Ganzen sein, sondern Freiheit. Und Freiheit ist kein statischer Zustand.

Catharina Halkes, die erste Inhaberin eines Lehrstuhls für »Feminismus und Christentum«, sagte: »Wir wollen nicht ein größeres Stück vom Kuchen der Männer haben, nicht einmal die Hälfte. Sondern wir wollen einen ganz neuen Kuchen backen, zusammen mit den Männern.«

Ich stelle mir manchmal vor, wie es wäre, wenn ich im öffentlichen Leben viel mehr von Frauen umgeben wäre, die diese Öffentlichkeit gestalten. Als ich als Katholikin in einem evangelischen Gottesdienst zum ersten Mal von einer Pfarrerin gesegnet wurde, habe ich (viel zu spät) gemerkt, welch einen großen Unterschied das für mich machte und wie sehr ich das vermisst hatte. Als in meiner Stadt kürzlich die BürgermeisterInnenwahl anstand, lief ich jeden Tag an Plakaten vorbei, und eines zeigte das Bild einer Frau, die für eine Partei kandidierte, die ich wohl niemals wählen werde – aber die Vorstellung, dass um mich herum noch viel mehr solcher Plakate kleben könnten, machte einen Unterschied für mich. Mich interessiert, was Frauen sagen und tun, auch falls ich nicht so ganz ihrer Meinung bin. Ich maße mir deshalb auch nicht an, in #MeToo-Debatten darüber zu urteilen, was einzelne Frauen als intolerable Grenzüberschreitungen ansehen dürfen. Und über einen Schwangerschaftsabbruch sollte allein die schwangere Frau entscheiden dürfen, was schwer genug sein kann. Und so weiter.

Anderswo riskieren Frauen heute ihr Leben

Ich schreibe hier aus einer einigermaßen bequemen Position heraus. Ich kann ziemlich gefahrlos schreiben was ich will, bekomme dann zwar einige belehrende Briefe und Unmutsäußerungen, aber dann gehe ich ein Büro weiter zur Kollegin und wir tauschen die kuriosesten Zuschriften aus. Das war’s dann. Ich könnte also viel mehr als das riskieren. Anderswo in der Welt riskieren Frauen heute ihr Leben. Sie können misshandelt und eingesperrt werden, wenn sie zum Internationalen Frauentag auf die Straße gehen um zu demonstrieren, wie es auch in diesem Jahr wieder in der Türkei geschieht.

Ich möchte diesen Tag würdigen, indem ich Frauen unterstütze, die ich bewundere, die eine völlig verrückte Idee haben, deren Haltung ich schätze, oder die ich als Gegenüber im Diskurs würdige, auch wenn ich ihre Position nicht teile.

Deshalb: Wenn beispielsweise eine Frau die Nationalhymne entmännlichen will, dann ist mir dieses Unterfangen an sich persönlich eigentlich wurscht, weil ich die Nationalhymne nicht nutze, sie also als historischen Text lassen kann wie sie ist, aber bitte: Wenn es ihr echt so wichtig ist, dass sie sich dem vorhersehbaren Gender-Shitstorm aussetzt, dann interessiert mich erstens warum und wenn diese Gründe nicht gerade menschenverachtend sind, unterstütze ich sie. Und zwar umso mehr, je mehr Leute sich darüber aufregen oder den »vergenderten« Vorschlag lächerlich finden. Wenn‘s darum geht, an unheiligen Thronen zu sägen, bin ich gerne dabei. Freiheit ist halt kein Zustand.

Macht doch was ihr wollt, oder: Das gute Leben

Was Frauen sind, tun, wollen, ist divers bis paradox, wie man auch an etlichen innerfeministischen Streitereien von Kopftuch bis Prostitution ablesen kann. Ist ja auch kein Wunder, denn Frauen sind ja kein geschlossener Interessenverband, sondern es gibt so viele Feminismen wie es Frauen gibt, sehr viele (vor allem nichtwestliche Frauen) würden sich erst gar nicht als Feministin bezeichnen.

Auch ich habe zwar meine Positionen zu diesen Themen, aber: Ob Frauen mit der Verschiedenheit der Geschlechter argumentieren, oder mit ihrer Gleichheit oder es ganz sein lassen; ob sie Kinder großziehen, die Welt retten oder den ganzen Tag im Bett liegen wollen; ob sie viel Sex haben oder gar keinen; ob sie Kopftuch, Miniröcke oder Einhornkostüm tragen – es geht nicht um die richtige Meinung, was eine Frau sein, tun, wollen sollte, sondern darum, dass jede Frau grundsätzlich alles ihr Entsprechende sein, tun und wollen kann, also frei ist.

Feminismus ist nicht mein Lieblingsthema oder Hobby, sondern ein Modus, in dem ich lebe weil ich eine Frau bin und eigentlich andere Dinge tun will. Zum Beispiel eine Ausstellung oder tolle Menschen besuchen und darüber schreiben, inspirierende Gespräche führen, kochen und meine Familie abfüttern, auf Berge klettern und nachts an der Bar Whisky trinken, endlich diese ganzen Liebesbriefe an tolle Frauen schreiben. Die Liste ist lang. Ich sollte mich nicht ständig damit beschäftigen lassen, gegen Antifeministen anzuschreiben, die mir sowieso nicht zur Inspiration fürs gute Leben dienen. Aber manchmal gehe ich halt in die Falle. Manchmal muss ich auch einfach mal etwas klarstellen, verstärken, oder widersprechen. Macht mir nicht immer Spaß, aber ist eben mein Modus. Frauen allerdings interessieren mich. Also: Welche Vorstellungen vom guten Leben haben Sie, liebe Frauen?

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Personalaudioinformationstext:   Anne Strotmann, geboren 1985, ist Redakteurin bei Publik-Forum. Sie arbeitet in den Ressorts Leben&Kultur und Religion&Kirchen und trifft manchmal auf intellektuelle Männer, die ihr immer dann theologische Kompetenz absprechen, wenn sie ihnen widerspricht. Aber mit denen will sie sich eigentlich gar nicht herumschlagen, sondern lieber hören, was Frauen sagen.
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