Doha: Der Basar öffnet wieder
Alle Jahre wieder kommt kurz vor Weihnachten die Klimakonferenz. Und wie jedes Jahr packe ich meinen Koffer, melde mich bei der UNO an, nehme das Laptop und eine Wochenpackung Müsliriegel und fahre los. Diesmal an den Persischen Golf, nach Doha im Emirat Katar. Eine absolute Monarchie, die sich am gefährlichsten Gewässer der Welt als Vermittler zwischen arabischer und westlicher Welt versteht. Das Land, das seinen Einwohnern durch praktisch unerschöpfliche Gasfelder einen sagenhaften Reichtum und den höchsten CO2-Fußabdruck der Welt beschert.
Der 18. Versuch, das Klima zu retten
Hier also, in der Karikatur unseres rohstoffintensiven Lebensstils, eine Klimakonferenz. Der übliche Tross aus Beamten, Ministern, Journalisten und Lobbyisten trifft sich zur Jahreshauptversammlung, zum 18. Mal. Und beschließt wenig, wenn überhaupt. Die Warnungen vor dem Nichthandeln werden jedes Jahr lauter, auch das ist inzwischen Routine: Vor Doha sind es die Weltbank, das Umweltprogramm der UNO, die deutschen Sachverständigenräte, die Europäische Umweltagentur, von den Öko-Verbänden nicht zu reden. Sie fordern Ergebnisse und haben bei allen Differenzen einen gemeinsamen Tenor: Der Klimawandel ist real, er kommt schneller als erwartet und er birgt große Gefahren. Je länger wir warten, desto größer wird der Schaden.
»Was soll das Ganze?«
Der gesunde Menschenverstand kocht bei diesen Konferenzen auf kleiner Flamme. Denn er muss sich gegen handfeste Interessen von Staaten, Unternehmen und einzelnen Gruppen behaupten. Und er wird verhandelt von einer Diplomatie-Maschinerie, die schon bei geringster Störung heiß läuft und blockiert. »Du fährst da schon wieder hin?«, fragen dann auch wohlmeinende Kollegen. »Was soll das Ganze? Wäre es nicht besser fürs Klima, die Tausenden von Klimarettern blieben zu Hause?«
Na ja. Erstens sind für jedes Spiel der Champions League mehr Leute in der Luft als für die Klimakonferenz. Zweitens ist man nie sicher, ob nicht doch etwas entschieden wird. Auch in der Klimapolitik gilt: Der Geist weht, wo er will. Und schließlich: Was ist die Alternative? Das Thema so unter den Teppich zu kehren, wie es mit dem Verlust der Artenvielfalt, den Schwund des fruchtbaren Bodens oder den Gefahren aus der Chemieindustrie passiert ist? Wirtschaft und Politik gänzlich aus ihrer Verantwortung zu entlassen?
Wer zu oft und zu lange auf Klimakonferenzen sitzt, bei dem verschieben sich die Maßstäbe. Dann feiern die Unterhändler, wenn ein Papier voller Wischiwaschi-Versprechen abgesegnet wird. Dann sind auch Journalisten schon zufrieden, wenn nach langen Nachtsitzungen Formulierungen gefunden werden, die nicht hinter die letzte Konferenz zurückfallen.
Das Ziel: Ein neuer Klimavertrag bis 2015
Was also ist von Doha zu erwarten? Die Klima-Technokraten haben darauf ihre Antworten, die nicht falsch sind, aber dem Klimaproblem nicht gerecht werden: Die Verpflichtungen aus dem Kioto-Protokoll laufen aus – eine neue Periode bis 2020 muss in Katar beschlossen werden. Der »Grüne Klimafonds« mit Hilfsgeldern für die armen Länder ist endlich fertig und muss nun gefüllt werden. Bis 2015 wollen die Staaten einen umfassenden Klimavertrag schließen – dafür muss in Doha ein Fahrplan geschrieben werden. Und, ach ja, die Verpflichtungen zum Klimaschutz müssen deutlich höher ausfallen als bisher, sonst verheizen wir unsere Zukunft auf diesem Planeten.
Wer soll das beschließen? Das wird schon schwieriger. Der politische Wille zum Klimaschutz wird seit Jahren von der Wirtschaftskrise verdrängt. Die USA haben einen neuen alten Präsidenten, der das Problem gern ernst nehmen würde – doch einen Kongress, der ihm Bremsen anlegt. Die neue chinesische Führung muss erst noch zeigen, dass sie verstanden hat, wie sehr der Klimawandel die ökonomische Stabilität Chinas bedroht. Und die EU, lange Vorreiter beim Klimaschutz, lässt sich von einzelnen Staaten wie Polen darin bremsen, ehrgeizigere Ziele zu formulieren.
Wer wird vorangehen?
Gesucht wird ein wichtiger Akteur, der beherzt vorangeht. Deutschland ist dafür zu klein, steht aber trotzdem mit seiner Energiewende unter verschärfter Beobachtung: Ist die Zukunft der Energieversorgung wirklich made in Germany – oder sind die ängstlichen Deutschen einfach nur bekloppt? Doch trotz aller guten Vorbilder: Weil bei den Klimaverhandlungen alles gleichzeitig verhandelt wird – Geostrategie, Zugang zu Rohstoffen, Ungerechtigkeit im Welthandel, das Erbe des Kolonialismus – geht nichts wirklich voran.
Aber auch das muss man als Journalist eben berichten. Ich jedenfalls werde nach diesen Konferenzen oft krank und habe immer ein paar Tage schlechte Laune. Schön, wenn sich wenigstens die Kollegin ihr sonniges Gemüt behalten hat, die noch auf keiner Klimakonferenz war. Sie mailt mir: »Viel Spaß im Urlaub!«
