Das Kapital des Papstes
Die harte Kritik von Papst Franziskus am Kapitalismus hat viele Beobachter schockiert. Sein Schreiben Evangelii Gaudium hat nicht nur Begeisterte, sondern auch Kritiker auf den Plan gerufen: Ist der Papst etwa Kommunist? Haben wir nicht den Kapitalismus des 19. Jahrhunderts längst sozial temperiert?
Die Antwort lautet: Natürlich herrscht – zumindest in Europa und Nordamerika – nicht mehr der alte Manchester-Kapitalismus. Allerdings wurde die viel gepriesene soziale Marktwirtschaft in den vergangenen zwanzig Jahren durch einen globalen Finanzkapitalismus abgelöst, der auch in Deutschland fast alle Poren der Gesellschaft durchdringt. Obwohl dieser Finanzkapitalismus 2008 fast zusammengebrochen wäre, traut sich kaum eine Regierung, ihn wirklich zu verändern. Auch von der Großen Koalition ist dies nicht zu erwarten. Deshalb kommt die Kapitalismus-Kritik des Papst zur rechten Zeit – wie einst die Bergpredigt von Jesus Christus.
Der Tanz um das goldene Kalb
Papst Franziskus ist von einer platten Systemkritik weit entfernt. Er räsoniert auch nicht als Quasi-Ökonom darüber, ob sich Angebot und Nachfrage leichter durch den Markt oder durch einen (sozialistischen) Plan in Einklang bringen lassen. Er kritisiert vielmehr die »Tyrannei des vergötterten Marktes« und die Herrschaft des Geldes. Kapital und Rendite seien längst zu Götzen geworden, die die Menschen beherrschten. Und nicht nur dies: Der Tanz um das goldene Kalb sei drauf und dran, menschliches Leben ganz zu ersetzen.
Der Papst und die neoliberale Revolution
Ganz so weit ist es noch nicht. Aber der Argentinier Jorge Bergoglio, seit neun Monaten Papst, beschreibt in eindringlichen Worten die Folgen einer wirtschaftspolitischen Revolution, die seit Anfang der 1990er Jahre läuft. Die Mehrheit in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft orientiert sich seither am markt-radikalen Denken. Danach ist der freie Markt effizienter als der Staat; privat ist wirtschaftlicher als öffentlich; Gewinne schaffen Arbeit, Löhne sind Kosten. Deshalb müsse der freie Markt von staatlichen Regeln ebenso wie befreit werden wie von gewerkschaftlichen Einschränkungen, damit sich Unternehmen, Banken und Geldanleger frei entfalten können.
Und so wurden in den vergangenen zwei Jahrzehnten im Zuge dieser neoliberalen Globalisierung viele staatliche Regeln beseitigt, vor allem auf den Finanzmärkten. Die Politik ist seither auf dem Rückzug, die Gewerkschaften sind geschwächt – in manchen Ländern mehr, in anderen weniger.
Freude des Evangeliums – Schande der Ausbeutung
Diese Entwicklung führt zu jenen hohen sozialen, ökologischen und ethischen Kosten, die der Papst in seinem Rundschreiben »Evangelii gaudium« – zu deutsch: Freude des Evangeliums – vor Augen hat. Die 250 reichsten Menschen der Welt besitzen so viel wie 48 Prozent der Menschheit. Eine Milliarde Menschen leben von weniger als 1,25 Dollar pro Tag. »Diese Ausgeschlossenen sind nicht Ausgebeutete, sondern Müll«, kritisiert der Papst.
Sogar in den Industrieländern ist die Kluft zwischen Reich und Arm so groß wie nie. Das kapitalistisch getriebene Wirtschaftswachstum verbraucht immer mehr Ressourcen, heizt das Klima auf und zerstört längst mehr Werte, als es neu schafft. Sogenannte Armutsflüchtlinge sterben auf dem Weg in die Wohlstandsländer, ohne dass dies die Regierungen der Reichen – und auch viele Normalbürger – zu kümmern scheint. Die »Globalisierung der Gleichgültigkeit«, die der Papst geißelt, ist fast mit den Händen zu greifen.
Die GroKo: Bloß nicht rütteln an sozialer Ungleichheit
Gleichzeitig hat sich das Menschenbild verändert. In diesem Finanzkapitalismus ist der homo oeconomicus gefragt. Jener Mensch, der zuerst danach fragt, was ihm nutzt. Auch und gerade in Wohlstandsländern wie Deutschland zählt fast nur noch, wer und was sich rechnet. Die Folgen beschreibt Frank Schirrmacher, Hausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, in seinem Buch »Ego – Das Spiel des Lebens«: »Ein Weltbild, das hinter allem menschlichen Tun die unausweichliche Logik des Eigennutzes am Werk sieht, produziert Egoismus wie am Fließband.«
Der Beinahe-Bankencrash 2008 gab den Kritikern des Finanzkapitalismus Recht – und neue Hoffnung auf Veränderung. Jetzt trat der Staat wieder auf die Bühne. Plötzlich waren Regeln für die Märkte gefragt, Regulierung wurde zum Zauberwort. Doch jetzt, mehr als fünf Jahre nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers, schwappt die Welle wieder zurück. Die Politik ist auf dem Rückzug. Fast nirgendwo trauen sich Regierungen, die Superreichen und Spekulanten zu besteuern. Gefragt sind Politiker, die die Reichen und das Wirtschaftswachstums nicht weiter stören – und die Gesellschaft ruhigstellen. Die Große Koalition, die GroKo, ist ein Beispiel dafür: Kleine soziale Verbesserungen ja, aber bloß nicht Rütteln an der sozialen Ungleichheit, an dem Heiligtum des Wirtschaftswachstums oder an der Macht von Banken und Spekulanten.
Eine Bergpredigt für die Gegenwart
In dieser Lage wirkt die harte Kritik von Papst Franziskus wie die Bergpredigt vor mehr als 2000 Jahren. Damals erlebte Jesus von Nazareth eine zerrissene, hasserfüllte Welt. Die Menschen leiden unter der römischen Besatzungsmacht. Es herrscht brutale Ausbeutung. Die Herrschenden sichern ihre Herrschaft mit strengen religiösen Regeln ab. Auf Erhebung reagieren sie mit Gewalt. Es zählen nur die Reichen, die Armen sind nichts wert. Fatalismus und Pessimismus sind mit Händen zu greifen.
In dieser Situation stellt Jesus die herrschenden Maßstäbe, das herrschende Denken nicht einfach nur in Frage, er stellt es auf den Kopf. Er spricht Undenkbares einfach aus: Nicht die Reichen sind für ihn wichtig, sondern »jene, die barmherzig sind«. Glück denen, die nach Gerechtigkeit hungern und dürsten! Er fordert Versöhnung statt Rache: »Wenn jemand euch Böses antut, so verzichtet auf Rache und Vergeltung.« Jesus hat den Mut, bisher Undenkbares zu sagen – und er hat den Mut, dies auch zu tun.
Die Diktatur der Wirtschaft beenden
Genau dies tut auch Papst Franziskus: Er lehnt die herrschende Logik des Kapitalismus ab. Er will »die Diktatur einer Wirtschaft ohne Gesicht und ohne ein wirklich menschliches Ziel« beenden. Er will den Vorrang des Menschen im wirtschaftlichen Denken und Handeln. Er spricht in Bildern, in symbolischen Handlungen, wenn er sich in Lampedusa um Flüchtlinge kümmert, wenn er vor einer Audienz im Vatikan Behinderte umarmt. Er ist ganz Jesuaner, weil für ihn Barmherzigkeit gegenüber den Menschen Vorrang genießt vor Gewinn und Herrschaft.
Damit setzt er einen klaren Maßstab für das Denken und Handeln in Politik und Gesellschaft. Es ist ein hoher Maßstab. Aber gerade in Zeiten, in denen in der Wirtschaft alle Maßstäbe verloren zu gehen drohen, ist es notwendig, auch in drastischen Worten, in Bildern und in symbolischen Handlungen daran zu erinnern, dass die Wirtschaft den Menschen dienen muss – oder sie dient zu nichts.
