Mein Vorbild - im Leben wie im Sterben
Tante Martha ist lebensmüde
Meine Lieblingstante Martha wollte nicht mehr. Sie war im positiven Sinne des Wortes lebensmüde. Sie hatte ein schweres Leben gelebt, mit zwei Töchtern und ihrem Mann Gerhard, den wir als Erwachsene »den ersten Hippie« nannten und den wir als Kinder bewunderten, weil er sehr gut Akkordeon spielen konnte und die Leute in den Gasthäusern der kleinen fränkischen Stadt sich freuten, wenn er ihnen zum Wein aufspielte oder am Marktplatz mit Kreide Bilder auf das Pflaster malte. Zum Lebensunterhalt seiner Familie trug er gute Laune bei. Meine Lieblingstante ernährte sich und die Kinder, indem sie im Park Eis verkaufte und für andere Familien wusch und bügelte. Waschmaschinen waren noch ein Luxus. »Onkel Gerhards Büro« nannte die Tante das bequeme Sofa in der Wohnküche. Die Ironie dieser Bezeichnung wurde uns erst Jahre später klar.
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Ulla Schickling lebt in Frankfurt. Sie war bis zu ihrer Pensionierung Reiseredakteurin bei der Frankfurter Rundschau und arbeitet heute als freie Autorin.

