The Cast Whale Project
In der Kirche gestrandet
Ausstellung. Mitten im Kirchenschiff von St. Gertrud in Köln liegt ein 14 Meter langer Buckelwal. Die Idee zu dieser Skulptur kam dem Künstler Gil Shachar im Traum. Sofort griff er zu Stift und Papier, um eine Skizze anzufertigen. Der israelische Bildhauer, der seit 1996 in Duisburg lebt, wollte den Wal nicht nur modellieren, sondern den Abdruck eines echten Wals nutzen. Er musste Genehmigungen einholen, mit Behörden sprechen und ein Team zusammenstellen, das jederzeit einsatzbereit war, wenn der richtige Wal strandete.
Schließlich wurde im August 2018 an der südafrikanischen Westküste ein 14 Meter langer Buckelwal an Land gespült. Nun musste es schnell gehen. Der Abdruck entstand direkt am Tier, später wurde die Skulptur in Kapstadt gegossen. Von der ersten Idee bis zur fertigen Skulptur verging ein Jahrzehnt. Finanziert wurde das Projekt durch ein Crowdfunding, das rund 44 000 Euro einbrachte.
Für den Transport wird die Skulptur aus Kunstharz und Glasfaser in fünf Segmente zerlegt und für die Ausstellungen so präzise zusammengesetzt, dass die Übergänge nicht zu erkennen sind. Die Oberfläche zeigt jede Hautfalte, jede Kerbe des Wals. Kinder laufen staunend an der gewaltigen Schwanzflosse entlang, andere Besucher bleiben schweigend neben dem Kopf stehen. Erst im Vergleich mit den Menschen wird die Größe des Tieres wirklich fassbar.
St. Gertrud, der markante Betonbau von Gottfried Böhm, ist bis heute eine aktive Pfarrkirche. Gottesdienste finden hier ebenso statt wie Ausstellungen, Konzerte und Installationen.
Im Rahmen der Ausstellung zeigt Michael Nowottny neben der Wal-Skulptur einen Film über einen Belugawal, der nach einem Schiffsunglück im Rhein auftauchte und in den 1960er-Jahren für Schlagzeilen sorgte. Ein zweiter Film dokumentiert die Entstehung von »The Cast Whale Project«: die jahrelange Vorbereitung, den Einsatz am Strand Südafrikas und den aufwendigen Guss in Kapstadt. Zudem erfüllt John Cages »Litany for the Whale« den Kirchenraum. Menschliche Stimmen, die an Walgesänge und gregorianische Choräle erinnern, begleiten den Rundgang. Man verlässt St. Gertrud mit dem Gefühl, einem Tier begegnet zu sein – nicht nur einer Skulptur. Einem Wesen, das für die meisten Menschen unerreichbar bleibt, dass sie meist nur aus Erzählungen, Filmen oder der eigenen Vorstellung kennen. Der Wal war nicht explizit für einen Kirchenraum gedacht, sagt Shachar. Doch die ungewohnte Nähe dieses Wesens aus einer anderen Welt hat hier eine besonders eindringliche Wirkung.

