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Der Pfarrer, der ein Hirte ist

von Markus Dobstadt 23.12.2017
Hirten spielen in der Bibel eine große Rolle. Auch im Weihnachtsevangelium, in dem Engel ihnen die frohe Botschaft von der Geburt Jesu verkünden. Jürgen Ackermann war 41 Jahre lang Pfarrer – und die meiste Zeit davon zugleich Schafhirte. Hat das eine mit dem anderen zu tun?
Was sehen wir hier? Einen Pfarrer und ein schwarzes Schaf? Oh nein! Wir sehen den Hirten Jürgen Ackermann mit einem sanftmütigen Lamm aus seiner 36-köpfigen Herde. (Foto: Dobstadt)
Was sehen wir hier? Einen Pfarrer und ein schwarzes Schaf? Oh nein! Wir sehen den Hirten Jürgen Ackermann mit einem sanftmütigen Lamm aus seiner 36-köpfigen Herde. (Foto: Dobstadt)

Wenn der evangelische Pfarrer im Ruhestand zu seinen Schafen fährt, wissen die schon Bescheid, was jetzt kommt. Eilig laufen sie ihm entgegen. Kistenweise kippt Jürgen Ackermann dann Weißkohl und Sellerie vor ihnen aufs Gras, Gemüse, das er von einem Bauern geschenkt bekommen hat. Rasch entsteht ein wolliges Gedränge auf dem matschigen Gelände im Frankfurter Umland. Ackermann nimmt derweil missbilligend zur Kenntnis, dass seine Schafe sich schon vorher bedient haben: an der Rinde der Obstbäume. »Da muss ich neue Manschetten dranmachen«, murmelt er. Die Wiese, auf der er seine Schafe grasen lassen kann, hat ein Bio-Obsthof gepachtet.

Vor fast vierzig Jahren bekam der Pfarrer sein erstes Schaf zur Hochzeit geschenkt. Er richtete im Pfarrhaus daraufhin eine Spinnstube mit Webrahmen ein, seine Frau gab Spinnkurse. Er kaufte Schafe hinzu, so begann langsam die Beschäftigung mit den Tieren, die ihn seither immer erdeten. Der Prediger und Gemeindemanager wurde für sie zum Geburtshelfer, Arzt und Pfleger. Regelmäßig trennt er sich aber auch von Tieren. Er lässt sie schlachten und verkauft das Fleisch. »Das muss man können. Sonst müsste ich aufhören«, sagt er.

Seelsorge auf der Weide

Bei den Tieren konnte er immer gut über seine nächste Predigt nachdenken. Und viele Menschen sprachen den Pfarrer eher auf der Weide an als im Pfarrhaus: Seelsorge, mit dem beruhigenden Anblick von kauenden Schafen im Hintergrund: Wer würde das nicht mögen?

Während er in der Natur schuftet und bei wenigen Graden über Null weitere Kisten mit Gemüse auf die Wiese wuchtet, sagt er: »Sie glauben gar nicht, wie sehr ich das genieße.« Mit seinen beiden Border Collies macht er sich anschließend manchmal auf kilometerlange Wanderungen, an den Äckern und Wiesen im Frankfurter Umland vorbei. Jürgen Ackermann, das spürt und sieht man, hat alles, was ein Hirte so braucht.

»An welcher Stelle wäre ich vorgekommen?«

Als Schäfer steht er in einer langen biblischen Tradition: Der gute Hirte geht dem verlorenen Schaf nach. Hirten sind es, die im Lukasevangelium den neu geborenen Messias begrüßen. Abraham, Moses und König David sind Hirten. Gott selbst wird in Psalm 23 als Hirte bezeichnet. Da er sich aber nicht mit eigener Hand ins Weltgeschehen einzumischen scheint, sind die Hände seiner Getreuen umso mehr gefragt. Jürgen Ackermann jedenfalls hat seine Gemeinde zu seiner aktiven Zeit als Pfarrer gern gehütet.

Wohin hat er sie geführt? Zu Gott, hofft er. Aber zugleich ein bisschen zu sich selbst, kann man annehmen. So, wie er mit seinen Schafen umgeht, ihnen gibt, was sie brauchen, kümmerte er sich auch um die Menschen. Als er noch Pfarrer im Taunusort Steinbach war, gab er für den Kirchenvorstand ein Seminar zum Thema Frieden im Alten Testament. Die Teilnehmer sollten den Kampf von David gegen Goliath malen. Und sich dann überlegen: »An welcher Stelle wäre ich vorgekommen?« Schutz suchend auf der Palme? Oder im Kampf mit Goliath? Auch im Konfirmandenunterricht warf er mit Jugendlichen einen persönlichen Blick auf die biblischen Geschichten. Etwa auf den Auszug der Israelis aus Ägypten. Die Konfirmanden debattierten nach der Lektüre, wie frei sie selbst eigentlich waren, von den Eltern und den Zwängen ihres eigenen Lebens.

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Lebensfragen waren für Jürgen Ackermann immer zugleich politische Fragen. Er feierte Gottesdienste im Wald, um gegen den geplanten Bau einer Umgehungsstraße zu protestieren. Mit seinem Kirchenvorstand fuhr er 1983 zur Friedensdemo nach Bonn, um gegen den Nato-Nachrüstungsbeschluss zu demonstrieren. Er verstand und versteht sich als ein Hirte, der mehr wollte, als einfach nur Schäfchen zusammenzuhalten.

Kindergarten-Kinder nimmt er mit zu den Schafen

Der Sohn eines Lehrers stammt aus einem kleinen Ort im Schwäbischen. Als eines von acht Kindern macht er sich früh auf den Weg, selbstständig zu werden: Mit einem Stipendium beginnt er, evangelische Theologie zu studieren, am Tübinger Stift. Von seinem Philosophie- und Religionslehrer an der Schule hatte er gelernt, den großen Sinnfragen nachzugehen. Das vertieft er jetzt. Es ist die Zeit kurz vor Beginn der Studentenunruhen in Deutschland. Jürgen Ackermann lässt sich von der Bewegung erfassen, sich verändern. Zieht aus in eine neue Welt. Kein verlorenes Schaf, sondern eines, das den sicheren Stall verlässt und sich aufmacht in eine ungewisse, spannende Zukunft. Er wird zu einem, der selbst nachdenken und bewerten will. Das bislang vorgegebene Tischgebet vor den gemeinsamen Mahlzeiten im Stift schaffen die Studenten rasch ab und tragen eigene Gedanken oder Texte Franz Kafkas vor, bei den Protesten der Studenten in der Uni treten die angehenden Theologen dagegen eher als Vermittler zwischen Studenten und Professoren auf.

Jürgen Ackermann, den Studenten der Theologie, interessiert besonders, wie man Religion an die nächste Generation vermitteln kann. Während eines Auswärtssemesters in Mainz zieht es ihn in einen Kindergarten. Auch später bleibt das für ihn ein Thema: Wie bleibt der Glaube lebendig? Kinder haben den Pfarrer, selbst fünffacher Vater, immer begeistert. Mit 71 Jahren betreut er an Nachmittagen noch regelmäßig Kindergartenkinder von berufstätigen Eltern. Er nimmt sie mit zu den Schafen, auf die Obstbaumwiese am Rande der Stadt.

Dort ist er heute jeden Tag unterwegs. Reisen müsse er nicht mehr, sagt er. Denn er hat große Teile der Welt bereits gesehen. Im Studium arbeitet er als Reiseleiter, um sich Geld dazu zu verdienen. Er ist in Nepal und am Himalaya, später als Auslandspfarrer in Kabul, bereist den Iran und den Libanon, Israel und Palästina: »Mir blutet das Herz«, sagt er, umgeben von seinen Schafen, »wenn ich die Konflikte dort sehe.«

Ein guter Hirte kann nicht zusehen, wenn ein verletztes Schaf über die Weide humpelt. Er muss eingreifen, retten und heilen. Jürgen Ackermann würde diese Kunst gern auch in den Nahost-Konfliken anwenden, das spürt man. Und helfen, die Wunden zu heilen. Nachdenklich meint er: »Die Menschheitsfragen vor 2000 Jahren waren fast dieselben wie heute.« Vielleicht sind sie so etwas wie ein heimlich weitergereichtes Gedicht?

Jürgen Ackermann jedenfalls sucht nach Antworten. Die findet er. Nicht zuletzt draußen, auf der Weide. Als Hirte, mitten unter den Schafen.

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