Kippa tragen!
Juden haben Angst in Deutschland, ihre Einrichtungen werden durch die Polizei gesichert. Ein unbekümmertes religiöses Leben ist für viele nicht mehr möglich. Im Jahr 2017 stellte die Polizei insgesamt 1453 antisemitische Delikte fest, darunter 32 Gewalttaten, 160 Sachbeschädigungen und 898 Fälle von Volksverhetzung. Bei 1377 Taten geht die Polizei von rechts motivierten Tätern aus, 25 Delikte werden religiös motivierten Ausländern, meist muslimische Fanatiker, zugeschrieben.
Hinzu kommen die verbalen Anfeindungen. Sie brechen sich im Internet Bahn. Vielfach geht Israelkritik wegen der Gewalt des Staates gegenüber den Palästinensern in Judenfeindlichkeit über. Vierzig Prozent der Deutschen stimmen dem Satz zu: »Bei der Politik, die Israel macht, kann ich gut verstehen, dass man etwas gegen Juden hat.« Gleichzeitig wird von vielen Deutschen das Problem des Antisemitismus verharmlost: 77 Prozent schätzen die Verbreitung antisemitischer Einstellungen in Deutschland als gering ein.
Dabei ist es nicht nur der krude Antisemitismus der Rechtsextremen, der eine Gefahr darstellt. Vor allem der Alltags-Antisemitismus ist es, der gefährlich ist, die Schimpfwörter auf Schulhöfen, die undifferenzierte Israel-Kritik – und Rapper-Texte sind es, besonders wenn sie auch noch prämiert werden.
Vor Kurzem bekamen die Rapper Kollegah und Farid Bang den Preis für ihr Album »Jung, brutal gutaussehend 3« zugesprochen. Die Verleihung war ausgerechnet am 12. April, dem Tag, an dem Israel der Ermordung der Juden im Holocaust gedenkt. Und prämiert wurde ein Album, in dem besonders folgende Zeilen für den Vorwurf des Antisemitismus sorgten: »Deutschen Rap höre ich zum Einschlafen. / Denn er hat mehr Windowshopper als ein Eiswagen, ah. / Und wegen mir sind sie beim Auftritt bewaffnet. / Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen.«
Es ist ein geschmackloser Vergleich zwischen dem tranierten, ausgeruhten Körper eines Rappers und dem eines gequälten, ausgemergelten KZ-Häftlings. Und es gibt viele weitere geschmacklose Sätze im Song »0815«, sie sind abstoßend sexistisch oder handeln von Gewalt. Sicher, es geht beim »Battle-Rap« immer ums Diffamieren. Es geht um den Effekt, und nicht um den Inhalt, der ist relativ beliebig. In der Szene werden die Texte vermutlich gar nicht groß beachtet.
In der Welt draußen werden sie jedoch ernst genommen und der Künstler wird dafür verantwortlich gemacht, was er mitteilt. Erst recht, wenn es dafür einen Preis gibt. Eine Verständigung mit den Rappern darüber, was für sie erlaubt ist und was nicht, gelingt dabei nicht. Hier die Rapper, die auf die Kunstfreiheit pochen, dabei mit ihrer Kunst aber im Trübsten fischen, was der Mensch zu bieten hat: Triebhaftigkeit, Gewalt, Ausgrenzung. Dort die Gesellschaft, die auf die Verantwortung der Rapper für die Wirkung ihrer Worte pocht. Und alles, was mit dem Holocaust zusammenhängt, gilt dabei verständlicherweise als Reizwort. Die einen sind entsetzt, die anderen verstehen die Aufregung nicht.
Es nicht das erste Mal, dass es Streit um Kollegah gibt. Als er 2017 bei der Rap-Nacht des Hessentags in Rüsselsheim auftreten sollte, protestierte der Zentralrat der Juden. Der Sänger propagiere »Antisemitismus, Homophobie und Gewalt gegen Frauen« und rufe »zu Gewalt gegen Minderheiten und Schwächeren« auf, kritisierte der Rat. Am Ende fasste die Stadtverordnetenversammlung mit knapper Mehrheit den Beschluss, das Konzert abzusagen.
Katholisches Jury-Mitglied war gegen die Nominierung
Auch diesmal gab es Zweifel, ob die Nominierung von Kollegah und Farid Bang nicht zurückgezogen werden müsste wegen der Antisemitismus-Vorwürfe. Doch der angerufene Ethik-Beirat des Echopreises entschied anders. Es handele »sich um einen absoluten Grenzfall zwischen Meinungs- und Kunstfreiheit und anderen elementaren Grundrechten«, urteilte das Gremium. Es sprach zwar eine »deutliche Missbilligung gegenüber der Sprache und den getroffenen Aussagen« aus, entschied sich aber »nach intensiver und teilweise kontroverser Diskussion« gegen einen formalen Ausschluss.
Nur die Vertreterin der katholischen Kirche, Uta Losem, die einzige Frau im Gremium – sie ist Juristin im Berliner katholischen Büro – war für den Ausschluss. Sie habe die Preisverleihung an die Rapper als unmöglich erachtet, sagte sie der FAZ. Der evangelische Vertreter, Klaus-Martin Bresgott vom Kulturbüro des Rates der EKD, war hingegen für die Preisvergabe.
Seither schlagen die Wellen hoch, zwei Mitglieder des Gremiums sind zurückgetreten, einige Künstler wie Marius Müller-Westernhagen und der Musiker, Produzent und Grafiker Klaus Voormann kündigten die Rückgabe ihrer Echos an. Bei der Preisverleihung selbst fand der Sänger der Toten Hosen, Campino, als einziger deutliche Worte;
»Im Prinzip halte ich Provokation für gut und richtig. Die kann konstruktiv sein, Denkprozesse auslösen, und aus ihr heraus können verdammt gute Sachen entstehen. Aber, man muss unterscheiden zwischen dieser Art als Stilmittel und einer Form von Provokation, die nur dazu da ist, um zu zerstören und andere auszugrenzen. Für mich persönlich ist diese Grenze überschritten, wenn es um frauenverachtende, homophobe, rechtsextreme, antisemitische Beleidigungen geht, und auch um die Diskriminierung jeder anderen Religionsform«, sagte er. In den Sozialen Medien brach daraufhin ein Shitstorm gegen Campino los, bei einer Unterstützer-Kampagne von Campact gab es aber auch viel Zustimmung.
Inzwischen hat der Vorstand des Verbandes der Musikindustrie die Verleihung des Echos an die Rapper als Fehler bezeichnet und das Ende des Echos beschlossen.
Das Album ist ein Verkaufshit
Das Album »Jung, brutal gutaussehend 3« hat unglaublich viele Fans. Es ist 200.000 Mal gekauft worden, sonst hätte es nicht den Echo bekommen, und rund 30 Millionen Mal wurde es gestreamt. Am Wort Auschwitz hat sich vor der Echo-Verleihung dabei niemand groß gestört. Dass mehrere Rapper durchaus immer wieder antijüdische Ressentiments bedienen, zeigt eine WDR-Dokumentation. Den Vorwurf, Antisemit zu sein, weisen die Rapper dabei von sich. Sie wollen keine Verantwortung übernehmen für das, was sie tun. Sie haschen nach Effekten.
Die Songs treffen vermutlich den Nerv vieler, weil sie für das genaue Gegenteil der durchrationalisierten Welt stehen, mit ihren Leistungsanforderungen und der Pflicht zur Verantwortungsübernahme, in der die meisten von uns sich bewegen. Und mit der auch die Jugendlichen konfrontiert sind. Mag sein, dass manche diese gesungenen emotionalen Ausbrüche als Befreiung von den Zwängen ihres reglementierten Lebens empfinden.
Für die jüdischen Bürger aber sind Texte wie die von Kollegah und Farid Bang fatal. Sie verstärken das latente antisemitische Klima im Land. Auf vielen Schulhöfen ist »Du Jude« ein Schimpfwort wie »Du Opfer«.
Und dass es in Berlin gefährlich ist, eine Kippa zu tragen, erlebte in dieser Woche ein 21-jähriger Mann. Der Angreifer, der das Opfer wiederholt als »Yahudi«, arabisch für Jude, bezeichnete, schlug mit einem Gürtel auf den Mann ein. Das Opfer, das die Kippa nur aufgesetzt hatte, um zu testen, ob das in Berlin noch gefahrlos möglich ist, filmte den Angriff mit dem Handy. Als Reaktion auf die Attacke ruft die Berliner Jüdische Gemeinde für diesen Mittwoch, 25. April, dazu auf, eine Kippa zu tragen. Motto: »Berlin trägt Kippa« . Bei einer Kundgebung will unter anderem der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) sprechen. Auch in anderen Städten sind Solidaritätsaktionen geplant.
Das eigentliche Problem beschränkt sich jedoch nicht allein auf den Antisemitismus. Die plurale, liberale Gesellschaft insgesamt ist in Gefahr. Wie sie bewahrt werden kann in Zeiten von Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus, von Fake News, Hass im Internet und grassierendem Populismus, dafür gibt es noch kein Rezept.
