Wie stirbt man glücklich?
Jeder Mensch habe das Recht, sein Leben zu beenden, wenn es unerträglich geworden sei. Dies gelte gerade auch dann, wenn er als Christ daran glaube, dass der Tod nicht das Ende sei. Mit dieser These hat der Schweizer Theologe Hans Küng eine kontroverse und zugleich emotionale Debatte angestoßen. Der heute 86-Jährige hatte seine Position bereits 1994 zusammen mit Walter Jens in dem Band »Menschenwürdig sterben« formuliert. Im dritten Band seiner Autobiografie »Erlebte Menschlichkeit« erklärte Küng dann, er werde sein Leben beenden, sollte er an Demenz erkranken: »Ich nehme die Verantwortung wahr für mein Sterben zu gegebener Zeit.« Seine Argumente für die Selbsttötung hat Küng nun noch einmal in dem Bändchen »Glücklich sterben« (Piper-Verlag) zusammengefasst. Dieses Buch nehme ich nun zum Anlass, das zu tun, was ich schon lange für dringend nötig halte: Hans Küng zu widersprechen.
Küng will »glücklich sterben«. Als Grund dafür gibt er seine persönliche Krankheitsgeschichte an, die ihn zu seinem intendierten Suizid treibt: beginnender »Parkinson, Makuladegeneration, Polyarthritis in den Fingern …« Wenn ich an all meine schwerstkranken Patienten denke, die in ihrem Weg (nicht zuletzt durch eine gute seelsorgliche Begleitung) eine unverhoffte Chance zu neuer vertiefter psychosozialer und spiritueller Lebensqualität entdecken – ist Küng da nicht ein wenig wehleidig?
Hans Küng berichtet zum einen vom Tod seines Bruders (»er ist durch das steigende Wasser in seiner Lunge erstickt«), um daraus abzuleiten, dass »kein Mensch unbedingt alles bis zum Ende als ›gottgegeben‹, ›gottgewollt‹ oder gar ›gottgefällig‹ in ›Gottergebenheit‹ hinnehmen muss«. Zum anderen verweigert er das Bemühen um den Geist präziser begrifflicher Unterscheidung, wenn er schreibt: »Passive und aktive Sterbehilfe können in der Praxis nicht so scharf voneinander getrennt werden wie in der abstrakten Begrifflichkeit.« Oder: »Die juristischen Abgrenzungen zwischen ›direkt und indirekt‹, ›Wollen und Inkaufnehmen‹, ›Tun und Unterlassen‹ verschwimmen in der Grauzone der Praxis.«
Diese Aussagen zeigen, dass Küng nur wenig Ahnung haben kann vom Alltag auf einer Intensiv- oder Palliativstation. Denn die ärztliche Praxis ist hier nie Grauzone: Jeder Arzt muss peinlichst darüber wachen, nicht wegen eines Offizialdeliktes (fahrlässige Tötung, Totschlag, unterlassene Hilfeleistung etc.) strafrechtlich belangt zu werden und darüber womöglich die eigene Existenzgrundlage, die Approbation, zu verlieren.
Die Nähe zum Leiden Jesu
Hans Küng berichtet von Inge Jens, die ihn im Blick auf ihren an Demenz erkrankten (und inzwischen verstorbenen) Mann Walter fragte: »Könntest du ihm jetzt ein Ende machen?« Küng verschweigt, dass Inge Jens in einem Interview über ihren Mann berichtete: »Er sagt auch oft: ›Ich will nicht sterben.‹ Neulich hat er gesagt: ›Nicht totmachen, bitte nicht totmachen.‹« Und weiter: »Ich bin mir nach vielen qualvollen Überlegungen absolut sicher, dass mich mein Mann jetzt nicht um Sterbenshilfe, sondern um Lebenshilfe bittet.« Warum verschweigt Küng diese Aussagen in seinem aktuellen Buch »Glücklich sterben«?
Stattdessen zieht er auf der Orgel der Emotionen alle Register, um die Selbsttötung in der Notlage plausibel zu machen: Was, »wenn eine 72-jährige sterbenswillige Patientin mit metastasierendem Bauchspeicheldrüsenkrebs im Endstadium zur Schmerzlinderung in die Palliativabteilung eines Krankenhauses eingewiesen wird und sich dort um vier Uhr nachts aus dem Fenster stürzen muss, um endlich sterben zu können«? Was erwartet Hans Küng denn von einer Palliativstation? Dass dort die leidenden Patienten Suizidcocktails verabreicht bekommen?
Küng behauptet, mit Recht fehle im christlichen Glaubensbekenntnis die Hölle. Er kann im Bild der Hölle nur ein unterdrückendes, klerikales Drohszenario erkennen, mit dem das zur Freiheit bestimmte Individuum erpresst werde. Da war Jean-Paul Sartre als bekennender atheistischer Existenzialist schon weiter, als er konstatierte: »Die Hölle, das sind die anderen!«
Ich schaue mir die realen Höllen meiner schwerstkranken Patienten in der Klinik an: Wenn sie sich der Maximalmedizin hilflos ausgeliefert fühlen; wenn sie vor Sorgen um ihre Angehörigen schier wahnsinnig werden; wenn sie in ihrer Todesangst erstarren – dann beginnen nicht wenige gläubige Patienten am eigenen Leib die Nähe des Leidens Christi zu erahnen. Dann ist die »Hölle« die nackte Wirklichkeit. Der Satz »hinabgefahren zu der Hölle« oder »hinabgestiegen in das Reich der Toten« ist mit Recht Teil des Apostolischen Glaubensbekenntnisses.
Küng aber verabschiedet sich mit seiner Theo-Logik aus jedem Christsein, wenn er sich um die theologische Auseinandersetzung mit der Frage nach dem Sinn des Leids vor Gott drückt. Die sperrigen Seiten der Glaubensüberlieferung wollen dagegen umsichtig durchgearbeitet und geistig durchlitten sein. Nicht abgeschmirgelt oder geglättet durch eine Interpretation, die als einziges Maß und Ziel nur eine wie auch immer geartete aufgeklärte Emanzipation verfolgt. Wer nicht um die Hölle weiß, wird den Himmel nicht finden.
Ich denke Hans Küng ist in seinem Kampf um Emanzipation das geistige Gespür für die Basis der Erlösung verloren gegangen: Er will offenbar nichts mehr wissen vom radikalen Abstieg Gottes, der in Jesus Christus freiwillig in und durch den Tod geht. Auf dem Grund der Hölle hat er ein für alle Mal »in seinem Tod den Tod bezwungen und so uns allen in unseren Gräbern das Leben gebracht« (Osterruf des Christlichen Ostens).
Küng jedoch hat Gott zum Objekt seiner intellektuellen Spekulationen gemacht. Er kann ihm nicht wirklich begegnet sein. Sonst müsste er geduldiger und ringender »unter dem Kreuz« ausharren. Worauf es ihm ankommt, zeigt Küng unbewusst in seinem Postscriptum, wenn er schreibt: Ich will »bis zur letzten Sekunde die Kontrolle über mein Leben behalten«. Er hat mithin Angst vor einer narzisstischen Kränkung.
Der 86-Jährige hat Tod und Sterben hoch traumatisierend erlebt. Womöglich konnte er noch nicht mit anderen Menschen teilen, dass Sterben und Tod (über)lebenswichtige Erfahrungen des Loslassens und des Neubeginns sind. Will er »es« deshalb schnell, kurz und schmerzlos hinter sich bringen?
Ja sagen zur Demut
Küng definiert wie alle Autonomisten sein Leben als seine Privatsache. Wer so denkt, entzieht sein Sterben und seinen Tod seiner psychosozialen Wirklichkeit, das heißt auch den eigenen Verwandten, denen man sich meist bereits zu Lebzeiten entzogen hat. In letzter Konsequenz heißt das dann: Man entscheidet sich für ein anonymes Urnengrab.
Weil Hans Küng bis zuletzt den Steuerknüppel des eigenen Lebens in der Hand halten will, wird das Sterben als definitives Loslassen(-müssen) für ihn zum totalen Angstobjekt, das es um jeden Preis zu vermeiden gilt. Der assistierte Patientensuizid ist dann die logische Konsequenz dieses autonomistischen Freiheitsverständnisses.
Wie anders hört sich das Lebenszeugnis des Mystikers Heinrich Seuse aus dem 14. Jahrhundert an: »Ein Mensch der nicht gelitten hat, was weiß der? … Siehe, wer recht wüsste, wie nütze Leiden ist, der sollte es als eine werte Gabe von Gott empfangen … Leiden hütet vor schweren Fällen, es macht den Menschen sich selber erkennen, in sich selbst bestehn, seinem Nächsten glauben.«
Und Johannes Tauler, ebenfalls Mystiker, schreibt: »Liebes Kind, halt dich daran: Vertrau auf Gott! Ohne allen Zweifel: Er wird dich frei machen (erlösen)!« Die Mystik-Spezialistin Louise Gnädinger kommentiert: »Johannes Tauler fordert in seiner Leidensmystik keine Hinwendung zum selbstquälerischen, nicht enden wollenden Leiden, sondern das, was er Gelassenheit nennt: Loslösung und Freiwerden von allen kleinen Ich-Wünschen, Ich-Ansprüchen, Ich-Bedürfnissen.«
Meister Eckhart treibt es sogar auf die Spitze, wenn er in seinem »Traktat der Abgeschiedenheit« schreibt: »Nun merket auf, ihr vernünftigen Geister alle: Das schnellste Tier, das euch zur Vollkommenheit trägt, ist das Leid; denn niemand genießt mehr ewige Seligkeit, als wer mit Christus in der tiefesten Bitterkeit steht … Das sicherste Fundament, auf dem diese Vollkommenheit sich zu erheben vermag, das ist die Demut; denn wessen Natur hier in der tiefsten Niedrigkeit kriecht, dessen Geist fliegt auf zur höchsten Höhe der Gottheit. Denn Liebe bringt Leid. Und Leid bringt Liebe.«
Die Christen des Ostens sprechen von den heilsamen, weil freiwilligen Leiden Jesu. Menschen, die Gott als erlittene und erfahrene Wirklichkeit in ihrem Leben kennen, nennen dies: Auferstehung.
