Zur mobilen Webseite zurückkehren

Verschwommene Einheitsvision

Irgendwie haben sie es ganz dringend und wollen viel. Was die 23 Promis von Günther Jauch über Norbert Lammert bis zu Annette Schavan aber genau wollen, verraten sie nicht, weswegen ihre radikale Rhetorik etwas verloren wirkt. Die Rede ist vom Aufruf »Ökumene jetzt«
von Christoph Fleischmann vom 08.09.2012
Artikel vorlesen lassen
Ökumene jetzt!? Was soll das heißen? Eine Einheitskirche? Ein Einheitsglauben? (Foto: lagom/Fotolia.com)
Ökumene jetzt!? Was soll das heißen? Eine Einheitskirche? Ein Einheitsglauben? (Foto: lagom/Fotolia.com)

Dieser Aufruf für mehr Ökumene hat es durch die Prominenz seiner Unterzeichner – von Theologen über Politiker zu Fernsehgrößen – zu einer gewissen medialen Wahrnehmung gebracht –, nicht durch die Klarheit der vorgetragenen Gedanken.

Anzeige
loading

»Ein Gott, ein Glaube, eine Kirche«: Dieser Dreischritt über dem Aufruf soll wohl die dazu zitierte Stelle aus dem Epheserbrief auf den Punkt bringen. Abgesehen davon, dass heutigen Lesern dieser Einheitsformel noch andere Assoziationen dazu einfallen können, steht im Epheserbrief nichts von »einer Kirche«. Vielmehr heißt es dort: »Ein Gott, ein Glaube, eine Taufe.« Die Idee, dass die Vielfalt der Gemeinden sich in eine monarchische Kirchenstruktur einpassen müsse, ist jüngeren Datums. Die Vision einer »sichtbaren« Einheit scheint aber für die Autoren des Aufrufs nach wie vor attraktiv zu sein. Sie wollen »nicht Versöhnung bei Fortbestehen der Trennungen, sondern gelebte Einheit im Bewusstsein historisch gewachsener Vielfalt.«

Ist das nun eine Absage an das Konzept der »versöhnten Verschiedenheit«, das Fachleute als das vielversprechendste Modell kommender ökumenischer Gemeinschaft ansehen, oder ist es dessen Forderung? Wollen die Autoren eine institutionelle Einheit der Großkirchen oder einen offiziellen Einheitsglauben? Beides wären für mich als Protestanten eher Schreckvisionen. Oder wollen die Autoren gelebte Gemeinschaft in Wort und Sakrament – also die gegenseitige Gewährung von Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft, die gegenseitige Anerkennung der Ordination und die Möglichkeit der Interzelebration? Das entspräche der Gemeinschaft, die unter Bezugnahme auf das Konzept der »versöhnten Verschiedenheit« von protestantischen Kirchen in Europa längst gelebt wird.

Wenn man diese Gemeinschaft meint, dann müsste man auch benennen, warum die bisher offiziell nicht zustande kommt: Der Skandal heute ist doch nicht mehr »die Trennung der Kirchen« an sich. Wer das behauptet, muss sich dem Verdacht aussetzen, mit der Moderne noch keinen Frieden gemacht zu haben. Der Skandal ist, dass Amtsträger der römisch-katholischen Kirche immer wieder Protestanten von der Eucharistiefeier ausschließen und die protestantische Abendmahlsfeier nicht als voll gültige Feier anerkennen. Pointierter gesagt: Die Einladung Christi zum Herrenmahl wird von der römisch-katholischen Kirche als exklusive Veranstaltung der eigenen Kirche reklamiert und damit – wie es Ernst Käsemann mal drastisch formuliert hat – zur »Sektenfeier«.

Wer die römisch-katholische Kirche vor diesem Irrweg bewahren will, sollte sich als Protestant eingeladen fühlen, wenn der katholische Priester im Namen Christi zum Mahl lädt. Und als katholischer Christ sollte er freudig zum Abendmahl in einer evangelischen Kirche gehen. Katholische Priester sollten, um eine »Sektenfeier« zu vermeiden, niemanden von der Einladung zur Eucharistie ausschließen. Wer »Ökumene jetzt« will, sollte das tun.

Und wenn man darüber hinaus noch einen Aufruf ins Land schicken will, dann kann man ja erklären, dass man es genau so hält. Und wenn man noch, wie die Österreicher, ein paar hundert katholische Priester dazubekommt, die das namentlich unterstützen, dann ist das ein schönes Zeichen. Das wirkt dann sicher auch ohne Unterstützung von altgedienten Promis allein aufgrund der Klarheit des Gedankens und der mutigen Entschlossenheit der unterzeichnenden Priester.

4 Wochen freier Zugang zu allen PF+ Artikeln inklusive E-Paper
Personalaudioinformationstext:   Christoph Fleischmann ist evangelischer Theologe und arbeitet als freier Journalist, unter anderem für den WDR-Hörfunk und andere ARD-Sender. Seitdem er in Köln lebt, ist er froh, Protestant zu sein.
Publik-Forum
Publik-Forum
Einen Moment bitte...
0:000:00
1.0