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Stresstest für junge Theologen

In der hessen-nassauischen Landeskirche müssen sich angehende Pfarrerinnen und Pfarrer einer scharfen Prüfung unterziehen. Doch jetzt regt sich Widerstand gegen diese »Potenzialanalyse«. Die Kirche will das Verfahren ändern. Aber nicht aus Einsicht
von Markus Dobstadt vom 04.05.2014
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Schlauchende Übungen: In der EKHN müssen Studierende eine mehrtägige Prüfung absolvieren, die Potenzialanalyse, wenn sie zum Vikariat zugelassen werden wollen. Kritiker monieren, dass sie die Potenziale der Kandidaten gerade nicht zum Vorschein bringt (Foto: thinkstockphoto.de/gettyimages/Wavebreakmedia)
Schlauchende Übungen: In der EKHN müssen Studierende eine mehrtägige Prüfung absolvieren, die Potenzialanalyse, wenn sie zum Vikariat zugelassen werden wollen. Kritiker monieren, dass sie die Potenziale der Kandidaten gerade nicht zum Vorschein bringt (Foto: thinkstockphoto.de/gettyimages/Wavebreakmedia)

Die Gemeindepraktikantin ist richtig im Stress. Sie soll eine mehrtägige Fahrt organisieren, der Pfarrer ist im Urlaub. Nun hat sie den gesamten Mail-Verkehr zwischen Pfarrer, Vikarinnen, Sekretärin und Außenstehenden vor sich und muss entscheiden, wie sie vorgeht: Welche Mail beantwortet sie selbst, welche leitet sie weiter, wo wird sie aktiv? Sie hat nur eine halbe Stunde Zeit dafür. »Postkorbübung« nennt sich diese Aufgabe. Sie ist Teil der sogenannten Potenzialanalyse. Das ist ein Verfahren, mit dem die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) feststellen will, ob jemand für den Pfarrberuf geeignet ist oder nicht. Unter Studierenden hat das Verfahren in jüngster Zeit für heftigen Protest gesorgt.

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Vom Assessment Center zur Potenzialanalyse

Eingeführt wurde es 1997 und gilt mit einigen Veränderungen bis heute. Zuerst hieß es »Assessment Center«, seit 2003 läuft es unter dem Begriff »Potenzialanalyse«. Es besteht aus einer viertägigen Klausur mit »Übungen«. Am letzten Tag bekommen die Teilnehmer die Ergebnisse mitgeteilt, ein Tag ist frei.

Der Ärger, der unter den Studierenden schon länger besteht, kochte hoch, nachdem im Sommer 2013 in einer Potenzialanalyse gleich 4 von 16 Teilnehmern durchgefallen waren. Die Kritiker stoßen sich zum einen am Zeitpunkt der Prüfung – sie liegt zwischen dem ersten Examen und dem Vikariat. Das Bestehen ist Voraussetzung für den Start in den praktischen Teil der Pfarrerausbildung. »Nach 14 Semester Studium bekommt man dann gesagt, dass man für den Pfarrberuf nicht geeignet ist«, kritisiert Manuel Fetthauer, der selbst bestanden hat. Ein Freund von ihm fiel jedoch durch. Gerügt wird auch der Ablauf. »Es ist ein Verfahren, in dem es darum geht, sich selbst zu präsentieren, das hat etwas Theaterhaftes«, sagt eine ehemalige Absolventin, die beim ersten Mal durchfiel und später bestand. Iris Cramer, eine erfolgreiche Absolventin, kritisiert die »künstlich gestalteten Übungen« wie etwa den »Postkorb«. Die Aufgabe entspreche nicht der Realität: »Im Gemeindepraktikum ist man höchstens Beobachterin.«

»Ich habe keine Nacht länger als zwei Stunden geschlafen«

Zur Potenzialanalyse gehört außerdem ein fiktives »Konfliktgespräch«. So soll sich etwa eine studentische Aushilfe in einem Szene-Lokal beim Chef darüber beschweren, dass der etablierte Kellner heimlich mehr Trinkgeld aus der gemeinsamen Kasse nimmt, als ihm zusteht. Im »Selbstporträt« werden die Kandidaten aufgefordert, in zehn Minuten zu erzählen, warum sie den Pfarrberuf wählen und was sie geprägt hat. Ein Gruppengespräch kann das Thema haben: Soll der Volkstrauertag auch als Gedenktag für die Bundeswehrveteranen begangen werden? Und im »Interview« geht es um Fragen wie: »Wie sah Ihr letzter Konflikt aus und wie haben Sie diesen gelöst? Oder: Was macht Sie glücklich und warum?«

Laut EKHN sollen bei den Übungen die Konflikt-, Team- und Leitungsfähigkeiten überprüft werden. Die Verantwortlichen wollen sehen, ob die künftigen Pfarrerinnen und Pfarrer ihren Glauben vertreten, die eigene Rolle reflektieren können und ob sie belastbar sind. Die Kritiker sehen hingegen ihre Persönlichkeit bewertet und empfinden manche Fragen als übergriffig.

Iris Cramer sagt im Rückblick: »Die vier Tage waren so von Stress und Profilierungsdruck geprägt, dass ich den Aufenthalt zu keinem Zeitpunkt als angenehm oder auch nur ansatzweise entspannt empfunden habe. Der Druck, in jeder Übung alles zu geben und sich als möglichst pfarrkompatibel zu präsentieren, war so groß, dass ich in keiner Nacht länger als zwei Stunden schlafen konnte und mich körperlich immer schlechter gefühlt habe.« Sie habe ihr Inneres nach außen kehren müssen vor den Assessoren, »die mir von sich wiederum gar nichts erzählen und mich am Schluss mit Zahlen bewerten«.

In einer weiteren Stellungnahme heißt es: »Problematisch ist die Punktualität des Verfahrens. Sie ist eine Momentaufnahme der Person«, die in Zahlen ausgedrückt werde. Es müsse also einen Vergleichsmaßstab geben. »Wie aber die Mindeststandards zum Bestehen aussehen, wird nicht offengelegt.«

Es gibt auch Befürworter des Verfahrens

Aber es gibt auch positive Stellungnahmen zu dem Eignungstest. Daniel Benz etwa nennt ihn eine »sehr gute Selbsterfahrung«. Er habe sich dort »eingeladen und nicht vorgeladen und begutachtet gefühlt«, immerhin sei der Aufenthalt in der Akademie Arnoldshain kostenlos. Und schließlich sei man auch später als Pfarrer »beständig Prüfungssituationen« ausgesetzt.

Der Rat der Vikare in der EKHN fordert dagegen, das Verfahren »auf den Prüfstand zu stellen«. Auch der Studierendenrat der Landeskirche stellt »sowohl infrage, dass genau die Fähigkeiten, die in der Potenzialanalyse abgefragt werden, gute Pfarrerinnen und Pfarrer ausmachen, als auch, dass das Verfahren insgesamt tatsächlich objektiv ist«. Viele Studierende wünschen sich ein studienbegleitendes Verfahren, wie es die bayerische Landeskirche anbietet.

Die Kritik ist bei den Verantwortlichen angekommen, was jedoch nicht heißt, dass das Verfahren sofort geändert wird. Es entstand zu einer Zeit, als es mehr Kandidaten als Stellen gab, berichtet Oberkirchenrat Jens Böhm. Es löste das bis dahin übliche 45-minütige Einstellungsgespräch ab und lag zunächst am Ende des Vikariats. Auf Wunsch der Vikare sei es vorverlegt worden, die Übungen wurden entsprechend angepasst. »Ob das immer so gelungen ist, das ist die Frage«, sagt Böhm. Dass die zweitägigen Prüfungen »Stress und Druck« bedeuten, sieht er auch. »Aber die Alternative ist, nach einem 45- oder 60-minütigen Gespräch zu sagen: Wir nehmen Sie oder nicht.« Dass Kandidaten durchfallen, sei die große Ausnahme, meint Böhm. Zwischen 2003 und 2013 hätten von 254 Teilnehmern 35 beim ersten Mal nicht bestanden. Nur drei von ihnen seien auch im zweiten Versuch gescheitert.

Zwar sei heute eine Personalauslese nicht mehr nötig. Die persönliche Eignung festzustellen hält Böhm aber weiter für notwendig: »Das Pfarramt hat große Entscheidungsbefugnisse.« Daher sei es zum Beispiel wichtig zu sehen, »ob jemand nur seine Position durchsetzt oder die Argumente anderer einbezieht«. Ob jemand teamfähig sei, lasse sich bei Gruppenübungen schon feststellen. Die meisten Probleme in Gemeinden gebe es zwischen Pfarrern und Ehrenamtlichen, sagt Böhm.

Die Landeskirche plant Änderungen

Gleichwohl werde es Veränderungen am Verfahren geben. Das müsse zunächst mit der Synode besprochen werden. Hintergrund ist der sich abzeichnende Pfarrermangel, der alle Landeskirchen betrifft. In der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau werden ab 2017 rund hundert Pfarrer pro Jahr in den Ruhestand gehen. Die »dialogischen Elemente sollen gestärkt werden«, so viel könne er schon sagen, meint der Oberkirchenrat.

Ändern soll sich auch, dass nur die Prüflinge reden und die Assessoren wie bisher üblich keine Reaktion zeigen. Die Teilnehmer sollen »spüren, wie das, was sie sagen, ankommt«. Zudem soll es eine frühzeitige Förderung der Studierenden während des Studiums geben. Bewerber von anderen Landeskirchen sollen die Prüfung weiterhin nur einmal ablegen dürfen, sofern sie in ihrer Kirche schon einmal durchgefallen sind.

Wenn die Synode dem neuen Konzept zustimme, könne das Verfahren im Frühjahr 2016 geändert sein, schätzt Böhm.

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Personalaudioinformationstext:   Markus Dobstadt ist regelmäßiger Mitarbeiter von publik-forum.de
Schlagwort: Kirchenvolksbegehren
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