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Sind Volkskirchen wünschenswert?

»Nein!«, meint der Priester Thomas Frings: »Wer heute diesem Traum nachhängt, verbaut sich die Zukunft.« Werden die Kirchen die Kurve kriegen? Frings hat eine Meinung – in den Publik-Forum-Streitfragen zur Zukunft. Sie auch?
von Thomas Frings vom 05.05.2019
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Sind Volkskirchen wünschenswert? Nein, meint der Priester Thomas Frings. (Fotos: epd/Neetz;Schoon)
Sind Volkskirchen wünschenswert? Nein, meint der Priester Thomas Frings. (Fotos: epd/Neetz;Schoon)

»Eine Bemerkung vorab, um Missverständnisse auszuschließen: Natürlich sind Volkskirchen in dem Sinn wünschenswert, dass möglichst viele Menschen sich von der Botschaft Jesu Christi begeistern lassen und ihr Leben danach ausrichten. Das Selbstverständnis von Kirche resultiert aus dem Auftrag Jesu und der Überzeugung der Apostel, die sich gesandt wussten bis an die Grenzen der Erde. Das Ziel sind daher immer alle Menschen. Nicht viele. Nicht einige. Und auf keinen Fall nur wir selber. Doch wie groß muss eine Gemeinschaft sein, um sich die Bezeichnung »Volks...« zu verdienen?( ...)

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Bis zur Wiedervereinigung gehörten über achtzig Prozent der Deutschen der katholischen oder der evangelischen Kirche an, also einer der beiden Volkskirchen, die diese Bezeichnung eigentlich nur im Plural verdienen. Inzwischen nähern sich die Christen in Deutschland unaufhaltsam der Fünfzig-Prozent-Marke. Wie lange kann man beanspruchen, Volkskirche zu sein, wenn sich die Gruppe der Konfessionslosen der Vierzig-Prozent-Marke nähert? Sie werden bald die größte Gruppe im Staat sein, wenn auch unorganisiert und ohne religiös-weltanschauliches Bekenntnis.

Ich bin noch in volkskirchlichen Strukturen aufgewachsen. 1987 wurde ich mit 16 Mitbrüdern zum Priester geweiht. Damals war dies eine beklagenswert geringe Zahl. Heute würde sie Begeisterungsstürme hervorrufen. Wenn ich hier Priesterzahlen nenne, dann aus dem einzigen Grund, um darauf hinzuweisen, dass die (volks-)kirchlichen Strukturen unter anderem stark am Priesterberuf hängen. Schwindender Nachwuchs wurde zunächst kompensiert durch Pastoralreferentinnen und Pastoralreferenten. Aus einer Priesterkirche wurde langsam eine Hauptamtlichenkirche (...)

Was aber bedeutet es, wenn das Beleben kirchlicher Strukturen von immer weniger Getauften mitgetragen wird? Wie sehr dürfen die Hauptamtlichen nur »Hirten« der Getauften sein, wie sie es bei einer flächendeckenden Kirchlichkeit unhinterfragt sein konnten? Müssen nicht vielmehr alle Getauften zu »Arbeitern im Weinberg« werden? Veränderung kann nicht nur heißen, dass Getaufte ehrenamtlich Aufgaben übernehmen, für die es bisher bezahlte Kräfte gab. Veränderung muss auch heißen, dass sie entsprechend mehr Einfluss bekommen.

Doch wie viel Mühe steckt man immer noch in das Aufrechterhalten von Strukturen? Wie viel investiert man in traditionelle Seelsorge, die oft mehr zu einer Sorge um die Tradition geworden ist? Ein Beispiel: Nahezu alle katholischen Drittklässler werden bei der Erstkommunion-Vorbereitung zur Beichte geführt. Aber zwischen fünfzig und achtzig Prozent der hauptamtlichen Seelsorgerinnen und Seelsorger beichten selber nicht. Das belegt eine Studie. Bei den Eltern der Erstkommunionkinder dürfte die Zahl noch weit darüber liegen (...)

Niemand verstehe dies als Aufruf, Sakramente aufzugeben. Wenn diese aber fast nur noch traditionellen Wert besitzen und nicht dem Leben dienen, muss man fragen, ob das Modell Volkskirche mehr gespielt als gelebt wird (...)

Der Wunsch, alles solle wieder so werden, wie es war, verklärt mir die Vergangenheit zu sehr. Er betont zu stark die Sorge um die Zukunft. Niemand, der groß war, gesteht sich gerne permanentes Schrumpfen ein. Wer einst stark und einflussreich war, versucht dieses Bild möglichst lange aufrechtzuerhalten (...)

Kirche ist keine Gemeinschaft, die um ihrer selbst willen existiert. Sie hat eine Botschaft für die ganze Welt. Ihr Ziel sind alle Menschen! Aber woran misst sie ihre Wirksamkeit? Laut der Statistik gab es in Deutschland den höchsten Gottesdienstbesuch und die meisten Seminaristen 1938. Wer wollte behaupten, dass die Volkskirchen dem drohenden Unheil Einhalt geboten hätten? Hätten alle Christen so konsequent gehandelt wie die verschwindend kleine Zahl der Zeugen Jehovas, die Geschichte hätte einen anderen Verlauf genommen.

Wer in unseren Breiten nach den Veränderungen der vergangenen siebzig Jahre immer noch eine Volkskirche wünscht, setzt sich dem Verdacht aus, dass er mehr Interesse hat an vergangener Größe, ehemaligem Einfluss und Aufrechterhaltung einer vertrauten Struktur denn an der Wirksamkeit des Evangeliums (...) Ich glaube an Auferstehung, nicht an Wiederbelebung!

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Personalaudioinformationstext:   Thomas Frings, geboren 1960, war Pfarrer in Münster. Autor der Bücher »Aus. Amen. Ende. So kann ich nicht mehr Pfarrer sein« und »Gott funktioniert nicht«. Mit einem Digitalabo können Sie den gekürzten Text hier in voller Länge lesen. Morgen widerspricht auf Publik-Forum.de Peter B. Steiner, Publizist und Professor für Kunstgeschichte. Und Ihre Meinung? Schreiben Sie uns! Direkt unter diesem Artikel!
In unserer Reihe »Streitfragen zur Zukunft« lasen Sie zuletzt: »Brauchen Kinder Religion?«, »Sind Menschenrechte universell?« und »Dürfen wir Tierversuche machen?«
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