Rückzug auf Raten
Der Papst hat rasch entschieden. Und doch nichts überstürzt. Er hat Bischof Franz Tebartz-van Elst eine Auszeit verordnet, ihn aber nicht endgültig aus dem Amt entlassen. Er will erst abwarten, was die von der Deutschen Bischofskonferenz eingesetzte Prüfungskommission zum Limburger Bischofssitz ans Licht bringt. Und er hat klar gesehen, dass die Lage im Bistum für alle, denen die römisch-katholische Kirche am Herzen liegt, unerträglich geworden war. »In der Diözese ist es zu einer Situation gekommen, in welcher der Bischof, S.E. Mons. Franz-Peter Tebartz-van Elst seinen bischöflichen Dienst zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht ausüben kann«, heißt es in der Erklärung des Vatikans. Der Heilige Stuhl halte es deshalb für »angeraten«, ihm »eine Zeit außerhalb der Diözese zu gewähren.« Der Papst wird dabei auch die noch ausstehende Entscheidung des Hamburger Amtsgerichts im Blick gehabt haben. Dabei geht es um den Vorwurf von falschen eidesstattlichen Versicherungen im Zusammenhang mit einem Erste-Klasse-Flug nach Indien.
Paul Lawatsch: »Ein weiser Schritt des Papstes«
Vor Ort, in den Gemeinden des Bistums, herrscht nach der Entscheidung des Papstes überwiegend Erleichterung. Paul Lawatsch, Bezirksdekan für den Hochtaunus, nennt sie einen »weisen Schritt«. Franziskus nehme den Bischof »aus der Schusslinie« und sei »gleichzeitig so fair«, die anstehende Untersuchung abzuwarten. Er begrüßt es, dass der Wiesbadener Stadtdekan Wolfgang Rösch die Geschäfte als Generalvikar übernimmt und nicht jemand »von außen, der sich erst mühsam einarbeiten« müsse. Rösch, den er kennt, hält er für »sehr besonnen, er weiß, was er will« und könne das Bistum »im guten Sinne beruhigen«, ist der Bezirksdekan überzeugt.
Auch der Jesuit und Pfarrer der St. Ignatius-Gemeinde in Frankfurt, Jörg Dantscher, lobt den Papst für seinen »vernünftigen Schritt« und glaubt, »das wird zu einer Lösung führen, die aus römischer Sicht wie aus der der Diözese vernünftig ist«. Rösch brauche allerdings die Befugnisse, wichtige ausstehende Entscheidungen treffen zu können. Einige Fusionen von Gemeinden sollten zum 1. Januar starten. Eine Rückkehr des Bischofs Tebartz-van Elst hält Dantscher für ausgeschlossen.
Darin ist er sich mit dem Domkapitel einig. »Einen Neuanfang können wir uns nur mit einem neuen Bischof vorstellen«, sagte der Frankfurter Stadtdekan Johannes zu Eltz diese Woche in Limburg. Auch Domdekan Günther Geis hat erklärt, dass sich die derzeitige Vertrauenskrise nicht allein durch eine vorübergehende Auszeit des Bischofs lösen lasse.
Peter Kollas: »Das bringt keine Ruhe ins Bistum«
Der Wetzlarer Pfarrer Peter Kollas ist sich »persönlich« zwar auch »ziemlich sicher, dass der Bischof nicht ins Bistum zurückkehren wird«. Die dafür nötige Vertrauensbasis sei einfach nicht mehr vorhanden. Gleichwohl beurteilt er die Entscheidung des Papstes »etwas zwiespältig. Ich verstehe natürlich auch das Anliegen von Rom, keine endgültige Entscheidung zu treffen, bevor laufende Untersuchungen nicht beendet sind. Ich habe aber die Befürchtung, dass diese Entscheidung alles andere als Ruhe ins Bistum bringt. Wir leben seit Wochen in einem Ausnahmezustand, der nun noch einmal verlängert wird. Viele halten es für möglich, der Bischof könne nach einer Auszeit wieder ins Bistum zurückkehren.«
Gelingt die Heilung in Limburg? So schnell sicher nicht. Zu groß sind die Verletzungen. Erst vor wenigen Tagen hatte Pfarrer Kollas von der gedrückten Stimmung in Wetzlar berichtet: »Im Gottesdienst herrscht eine Stille, wie ich sie bisher nicht kannte.« Das Thema beschäftige die Menschen den ganzen Tag: »Viele sagen, morgens wenn ich wach werde, denke ich an die Affären«. sagt er. Der Pfarrer war bislang bei allen Treffen in der Gemeinde damit konfrontiert. Überall war der Tenor: »Die Atmosphäre der Lähmung müsse vorübergehen«.
Kollas, den Tebartz-van Elst 2008 aus seinem Amt als Bezirksdekan entlassen hat, weil er im Wetzlarer Dom ein homosexuelles Paar gesegnet hatte, erhofft sich von einem neuen Bischof, dass der »synodal entscheidet«. Denn zu entscheiden gebe es einiges. Die Pfarreien müssen sich verändern. »Den Prozess hat bisher der Bischof vorgegeben, wir waren da wenig gefragt«.
Hans-Jürgen Braun: »Die Chancen der Krise nutzen«
Diakon Hans-Jürgen Braun von der Frankfurter Bonifatius-Gemeinde meint, dass die Entscheidung des Papstes »erstmal einen Riesendruck wegnimmt«. Bisher habe das sehr viel Energie gebunden. Er würde die gerne nutzen, um zu fragen: »Was können wir für Erkenntnisse dort herausziehen für die Kommunikations- und Entscheidungskultur in der Kirche?« Wir lebten heute in einer »durch Medien geprägten Gesellschaft, und die Menschen wollen einbezogen werden«, sagt Braun, der die Chancen in der Krise betont. Es könnte noch »nachhaltig etwas Gutes« für die Kirche daraus werden. Limburg sei nur »ein Ausschnitt«. Er wünscht sich ein »Klima von Offenheit und Transparenz«.
Der »Fall Limburg« wird erweisen, wie lernfähig die Kirche ist und ob sie womöglich vor größeren Veränderungen steht. Denn Verschwendung findet ja nicht nur im Bistum Limburg statt. Es gibt sie an vielen Stellen in der Kirche. Das Erzbistum München-Freising beispielsweise hat etwa für 9,7 Millionen Euro ein Haus in Rom, nicht weit vom Vatikan entfernt, gekauft. Gerhard Ludwig Müller hat zu seiner Zeit als Regensburger Bischof für rund 100.000 Euro seinen Bischofsstuhl im Regensburger Dom um eine Stufe erhöht. Limburg ist überall.
Die Affäre in dem kleinen Bistum Limburg macht daher deutlich, dass die römisch-katholische Kirche sich insgesamt in Frage stellen lassen muss, wie seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil nicht mehr. Es geht um Transparenz und Offenheit, und dass nicht nur bei den Finanzen. Es geht um die Einführung von demokratischen Strukturen in der römisch-katholischen Kirche. Bischöfe dürfen nicht mehr wie Fürsten residieren. Das sieht der Papst genauso. Und er lebt es vor. Die weitere Entwicklung in Limburg wird daher zeigen, zu welchen Veränderungen Franziskus bereit ist.
