Mutter Teresa: Die ambivalente Heilige
Mutter Teresa begeistert die Menschen nach wie vor, 19 Jahre nach ihrem Tod in Kalkutta. Ihr Orden Missionarinnen der Nächstenliebe, den sie mit zwölf Schwestern in Kalkutta gründete, ist heute in 137 Ländern vertreten, mehrere Hunderttausend Menschen werden zur Heiligsprechung am 4. September in Rom erwartet. Mutter Teresa wird damit zum Vorbild für selbstloses barmherziges Handeln schlechthin. Doch von Anjezë Gonxha Bojaxhiu, die 1910 im heutigen Skopje geboren wurde, verdeckt die katholische Begeisterung mehr, als sie erhellt.
»Sollte ich jemals eine Heilige werden, dann werde ich zweifellos eine Heilige der ,Finsternis’ sein«, hat sie einmal gesagt. »Ich werde mich nie im Himmel aufhalten, sondern das Licht derer entzünden, die auf Erden im Dunkel leben.«
Eine Tochter aus reichem Hause
Die spätere Mutter Teresa stammt aus einer wohlhabenden katholischen albanischen Familie. Sie besuchte eine katholische Mädchenschule. Acht Jahre war sie alt, als ihr Vater, ein Kaufmann, überraschend starb. Schon mit zwölf Jahren wollte sie Ordensfrau werden.
Mit 18 verlässt sie ihre Familie und schließt sich den »Loretto-Schwestern« an. Sie erhält nach einer Ausbildung in Irland den Ordensnamen Mary Teresa und wird als Missionarin nach Indien geschickt. Dort unterrichtet sie an einer gehobenen Mädchen-Schule in Kalkutta.
Im Jahr 1937 schreibt sie: »Jeden Sonntag besuche ich die Armen in den Slums von Kalkutta. Jede Familie hat dort nur einen engen, lichtlosen Raum, der etwa 2 mal 1,5 Meter groß ist. Die Decke ist so niedrig, dass man nicht aufrecht stehen kann. Ich beginne zu ahnen, warum so viele Kinder an Tuberkulose leiden. Es ist sehr schmerzhaft für mich, dieses Elend zu sehen, aber zugleich bin ich glücklich, weil ich spüre, wie sehr diese Menschen sich über meinen Besuch freuen.«
Sie erlebt 1946 blutige Konflikte zwischen Moslems und Hindus mit vielen Toten. Und sie macht bei einer Bahnfahrt mystische Erfahrungen, die ihr Leben verändern. »Ich hörte den Ruf Jesu an mich, alles aufzugeben und das Kloster dauerhaft zu verlassen, um auf der Straße, in den Slums den Ärmsten der Armen zu dienen. Ich wusste, dass dies sein Wille war und ich ihm folgen musste«, schreibt sie.
Sie beschließt, diesem Ruf zu folgen. Die Kirchenleitung zögert, immerhin kämpft Indien gerade für die Unabhängigkeit von der englischen Kolonialmacht und weiße Christen gelten als deren Vertreter. 1949 haben sich ihr jedoch bereits zwölf Ordensfrauen angeschlossen, und 1950 werden die Missionarinnen der Nächstenliebe von der Erzdiözese Kalkutta schließlich als neue Ordensgemeinschaft anerkannt. 1952 eröffnet Mutter Teresa das erste Sterbehaus, in dem bis heute Schwerstkranke bis zum Tod gepflegt werden. Ein Waisenhaus und ein Lepra-Zentrum folgen.
»Der Himmel, welche Leere«
Mutter Teresa war barmherzig, doch sie war alles andere als mit sich im Reinen. Davon zeugen die Briefe, die nach ihrem Tod veröffentlicht wurden. Sie spricht darin von ihren tiefen Glaubenszweifeln und einem Gefühl innerer Leere. »Wofür arbeite ich?«, schrieb sie in den späten 1950er Jahren. »Wenn es keinen Gott gibt – kann es auch keine Seele geben. – Wenn es keine Seele gibt, dann, Jesus – bist auch Du nicht wahr. – Der Himmel, welche Leere.« Ihr Herr, der sie in die Slums von Kalkutta geführt hat, war für sie verschwunden.
Aber was war der Hintergrund ihrer abgrundtiefen Verzweiflung? War sie Zeichen einer Erschöpfungsdepression?, wie manche meinen. Unermüdlich war ihr Einsatz für die Armen. Oder ignoriert diese medizinische Diagnose die religiöse Dimension ihres Wirkens? Gehören ihre Zweifel zu dem, was alle Mystiker empfinden, wie der kanadische Priester Brian Kolodietschuk meint? Er hat die Veröffentlichung von Teresas Briefen verantwortet. Er sagt zu ihren düsteren Anteilen: »Es geht dabei um einen Prozess der Loslösung vom eigenen Ich, in dessen Verlauf man frei wird für Gott. Mystiker aller Zeiten haben einen solchen Weg durch die ,Dunkelheit’ erlebt und ihn stets als sehr schmerzhaft empfunden.« Fest steht, es bleiben viele Fragen zu Mutter Teresas Leben offen. Die Heiligsprechung trägt nicht dazu bei, sie zu klären. Sie bedeutet pure Verehrung.
Fragen bleiben auch zu ihrem Engagement. Serge Larivée, Psychologieprofessor an der Universität von Montreal, und seine Kolleginnen Geneviève Chénard und Carole Sénéchal haben Berichte über die Ordensgemeinschaft ausgewertet und sprechen in einer Studie von »katastrophalen und unhygienischen Zuständen« in den Armen- und Krankenhäusern des Ordens, den Menschen seien Schmerzmittel und weitere wichtige Medikamente verweigert worden. Dabei sei Geld genug vorhanden gewesen. Es habe Millionenspenden für den Orden gegeben und das Preisgeld für den 1979 Mutter Teresa zugesprochenen Friedensnobelpreis. Mutter Teresa sei alles gewesen, »nur keine Heilige«, urteilen die Wissenschaftler. Umstritten war auch ihre Haltung zur Abtreibung, die sie kompromisslos ablehnte.
War sie also nicht heilig? Wer kann das sagen? Auch die katholische Kirche nicht, zumal die Wunder, die Teresa gewirkt haben soll – die Voraussetzung waren für die Heiligsprechung –, ebenfalls nicht unumstritten sind.
Etwas Gutes hat die Heiligsprechung in Rom allerdings schon. Die Kirche setzt damit ein Zeichen, dass Barmherzigkeit für sie ein allerhöchstes, ein heiliges Gut ist. Gerade im vom Papst ausgerufenen »Jahr der Barmherzigkeit« ist das passend. Und es gibt wohl wenig in der gegenwärtigen Welt, das so dringend gebraucht wird wie Barmherzigkeit. Teile Afrikas leiden unter einer Hungersnot. Mehr als eine Milliarde Menschen auf der Erde, eine unfassbar große Zahl, leben ins Slums, allein in Indien mehr als 40 Millionen. Sie brauchen etliche Menschen wie Mutter Teresa, die Not und Elend nicht abschreckt und sich ihrer annehmen.
