Jesuit Dall’Oglio in Syrien entführt
Vermutlich wurde der 58-jährige Pater von der Brigade »Islamischer Staat im Irak und in der Levante« (ISIS) in der Stadt Raqqa im Norden Syriens entführt. Die Brigade steht dem Terrornetz al-Qaida nahe. Dall'Oglio, der als scharfer Kritiker des Assad-Regimes bekannt ist, hatte versucht, zwischen den Islamisten und Kurden zu vermitteln. In letzter Zeit häufen sich die Kämpfe zwischen Dschihadisten und der »Freien Syrischen Armee FSA« gegen bewaffnete Kurden-Milizen. Papst Franziskus zeigte sich öffentlich besorgt über sein Schicksal.
Paolo Dall'Oglio kennt Syrien so intensiv wie kaum ein zweiter westlicher Theologe. 30 Jahre lang hatte er ein Ökumenekloster in Syrien geleitet. Mitte Juni 2012 jagte das Assad-Regime den unbequemen Priester außer Landes. Ende Juli, vor wenigen Tagen, kehrte er zurück.
Der gebürtige Römer war 1982 nach Syrien gekommen. In den Bergen des Anti-Libanon hatte er die alte Klosterruine »Mar Musa«, 80 Kilometer nördlich von Damaskus, aus dem 6. Jahrhundert entdeckt und dort 1991 eine eigene Ordensgemeinschaft nach syrisch-katholischem Ritus gegründet.
Gerne erzählte Padre Paolo die Story von seiner ersten Nacht in der einsamen Ruine, als er im Schlafsack unter dem Sternenzelt übernachtete und mitgebrachte Ölsardinen verzehrte. Das Kloster wurde restauriert und mauserte sich zu einem Ort der Begegnung. Mit seiner christlich-islamischen Dialogarbeit erwarb sich der Jesuit viel Respekt in Syrien. Er fühlte sich stets mehr einer spirituellen Mission verpflichtet als den Interessen und dem dicht gewebten kirchlichen Milieu in Syrien. »Abuna Paolo«, unser Vater, nennen sie ihn in Syrien. Aber nicht alle in der Kirche teilen seine stark am Dialog mit dem Islam orientierte Haltung.
Kritik an Assad-hörigen Bischöfen
Seit Beginn der Proteste gegen Assad 2011 wagte sich Dall'Oglio weit vor. Für ihn stand außer Frage, dass Christen in Opposition zum diktatorischen Regime von Bashar al-Assad stehen müssen. Als einer der wenigen Geistlichen schlug er sich offen auf die Seite der Opposition. Dabei scheute er den Konflikt mit den traditionell regimefreundlichen Kirchenchefs in Syrien nicht.
Für die einen ist der fließend arabisch sprechende Geistliche daher ein Star, während andere – vor allem konservative – Kreise ihn schon lange für übertrieben islamfreundlich hielten. Die Versöhnung zwischen den Christen und Muslimen ist sein Lebensthema, das hat er konsequent verfolgt. »Ich bin eine Stimme etwas abseits des kirchlichen Mainstreams«, so ordnete sich der Jesuit stets selbst ein. Eine zeitlang hatte er auch Probleme mit dem Vatikan. Der Vorwurf des Synkretismus, der Vermischung beider Religionen, stand im Raum, konnte aber gegenüber der Glaubenskongregation, damals noch unter Kardinal Joseph Ratzinger, ausgeräumt werden.
Im Juni 2012 wurde der Jesuit ausgewiesen, nachdem er in einem offenen Brief an Kofi Annan die Gewalt des Assad-Regimes gegen das eigene Volk kritisiert hatte. Für das Regime ein wohlfeiler Anlass, um ihn endlich loszuwerden. Für Dall'Oglio selber eine Tragödie, weil er sich stark mit Syrien verbunden fühlt. Seitdem versuchte er in Europa und Amerika über die Hintergründe der syrischen Tragödie aufzuklären. 2013 besuchte er wiederholt die von den Rebellen beherrschten Gebiete in Nordsyrien. Zuletzt überquerte er Ende Juli die türkische Grenze und fuhr nach Raqqa, obwohl man ihm dringend davon abgeraten hatte. Zuletzt gab es häufiger Entführungen in der Stadt.
Krieg ist nicht das letzt Wort: Für Versöhnung in Syrien
Dall'Oglio wehrte sich stets gegen die im Westen verbreitete Einschätzung, man habe es in Syrien mit einer Wahl zwischen Pest und Cholera zu tun. Wenn Assad fällt, würde das Land ohnehin den militanten Islamisten und al-Qaida-Fraktionen in die Hände fallen. Dass es in Syrien dschihadistische Extremisten, auch al-Qaida-Zellen gibt, leugnete Dall'Oglio nicht, ihr Einfluss auf die Opposition machte ihm zunehmend Sorgen.
Aber Untergangsszenarien sind seine Sache nicht. Dall'Oglio sieht auch in Dschihadisten vor allem die Menschen, fehlgeleitete und vom Krieg traumatisierte junge Männer. Die Frage, was mit ihnen nach einem Ende des Kriegs geschehen sollte, trieb ihn um. Denn gerade diese jungen Kämpfer, die sich Extremisten angeschlossen hatten, müssten ja wieder in die Gesellschaft eingegliedert werden. »Mancher mag das naiv nennen«, das gab der Pater zu, »aber deswegen verschließe ich trotzdem nicht die Augen vor der aktuellen Lage«.
Mit seinen Amtsbrüdern ging er hart ins Gericht. Er warf den syrischen Kirchenchefs vor, sich von Assad zur Propaganda benutzen zu lassen. »Die Kirche hat sich in eine Sackgasse manövriert«, sagte er. Die Leiter der elf Konfessionen in Syrien haben sich vor allem mit Pro-Assad-Stellungnahmen hervorgetan, auch als die Proteste noch friedlich waren und die Gewalt nur von Assad ausging. Für Dall'Oglio ist das nicht nachvollziehbar. Seine Berichte von Bischöfen, die mit Assads Geheimdiensten paktieren und Intrigen gegen kritische Christen spinnen, zeugen von dem tiefen Riss, den der Bürgerkrieg in den Kirchen hinterlassen hat. Einige Bischöfe, so sagte Dall'Oglio letzten November, müssten nach Assad wohl das Land verlassen, »wegen all der Lügen, die sie erzählt haben«.
Für den von Dschihadisten entführten Ökumeniker Paolo Dall‘ Oglio ist gerade jetzt Versöhnung die Hauptaufgabe der Kirche. Hoffentlich kostet ihn diese Haltung nicht das Leben.
Dall' Oglio ermordet?
Nach Meldungen im Internet soll Dall'Oglio von seinen Kidnappern ermordet worden sein. Kämpfer der Terrorgruppe »Islamischer Staat Irak und Levante« hätten den Jesuiten in einem ihrer Gefängnisse umgebracht, teilte die in London ansässige Organisation Syrian Observatory for Human Rights am 14. August auf ihrer Facebook-Seite mit. Das berichtet die Nachrichtenagentur kna. Das italienische Außenministerium erklärte, derzeit gebe es keine Bestätigung für den Tod des Paters. Auch der Vatikan hat keinerlei Informationen über eine Ermordung des Jeusiten.
