Evangelische Kirche: Markt statt Geist
Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat sich viel vorgenommen. Ihre Synode endet mit einem Aufruf zu weltweiter Gerechtigkeit und zur Bewahrung der Schöpfung. »Die Christen müssen an der Seite Gottes zu ihren Mitmenschen gehen, um Gerechtigkeit, Liebe und Wahrheit in die Welt zu bringen«, sagte der westfälische Präses Alfred Buß. Dieser hohe Anspruch trifft durchaus die Herausforderungen der Zeit. Ob die evangelische Kirche ihren Anspruch einlösen kann, hängt jedoch weniger davon ab, ob sie den christlichen Glauben »in die Welt bringt«, als davon, ob sie ihn lebt. Doch damit hapert es gewaltig.
Anpassung an den wirtschaftsliberalen Zeitgeist
Nicht wenige Protestanten kritisieren, dass sich viele kirchliche Einrichtungen immer stärker dem wirtschaftsliberalen Zeitgeist angepasst hätten – statt widerständig zu handeln, wie es zur protestantischen Tradition gehört. Es beginnt beim Einkaufen.
Nach einer Studie des evangelischen Hilfswerkes Brot für die Welt geben kirchliche Institutionen nur zehn Prozent ihrer jährlichen Ausgaben für Lebensmittel aus ökologischem Anbau und für Waren aus fairem Handel aus. Offenbar ist Geiz auch in der Kirche geil. »Der Ruf der Kirchen nach einer gerechten Wirtschaftsweise und einem nachhaltigen Lebensstil richtet sich nicht nur an andere, sondern zunächst an sie selbst«, sagt Cornelia Füllkrug-Weitzel, die Chefin von Brot für die Welt. Doch dieses Bewusstsein fehlt offenbar auch vielen Kirchenoberen. Von Ausnahmen abgesehen fahren Bischöfe und Kirchenpräsidenten überaus durstige Dienstwagen, so dieDeutsche Umwelthilfe.
Praktiken wie bei Großkonzernen
Gerechtigkeit vermissen viele Kritiker auch im Umgang der Kirche mit ihren Mitarbeitern. Eine Expertengruppe des Kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt macht Praktiken deutlich, wie man sie aus üblen Großkonzernen kennt: Mobbing, Bossing, steigender Druck, befristete Arbeitsverträge, Leiharbeit, Minijobs, Auslagerung von Arbeiten – all dies geschieht auch in diakonischen Einrichtungen. Der sogenannte »Dritte Weg« als besondere Form der Gemeinschaft von Arbeitgebern und Beschäftigten mag sich in Schönwetterperioden auch für die Mitarbeiter auszahlen.
Angesichts des harten Konkurrenzkampfes verhalten sich kirchliche Arbeitgeber jedoch häufig wie normale Arbeitgeber. Die Beschäftigten können sich allerdings nicht gegen die Verschlechterung ihrer Arbeitsbedingungen wehren, da sie ohne Streikrecht kein Machtinstrument haben. So sind viele kirchliche Einrichtungen weit von vorbildlichen Arbeitsverhältnissen entfernt. Ob die Weiterentwicklung des Dritten Weges, wie er auf der Synode beschlossen wurde, diese Situation verbessern wird, darf angesichts der Entwicklung in den letzten Jahren bezweifelt werden. So dürften die Konflikte in diakonischen Einrichtungen weiter zunehmen.
Auch Kirchenbanken haben spekuliert
Wie sehr sich die evangelische Kirche der Ökonomisierung der Lebensverhältnisse angepasst hat, zeigt auch ihr Verhalten seit der Finanzkrise. Wenige Wochen vor dem Zusammenbruch von Lehman Brothers hatte eine Denkschrift der EKD noch den (fast) freien Markt gepriesen. Kaum war die Finanzkrise ausgebrochen, zeigte sich, dass auch Kirchenbanken das Spiel der Spekulanten einfach mitgespielt hatten. Die Kirchenoberen äußerten zwar immer wieder moralische Kritik an den Banken. Doch wirklichen Widerstand gegen ein Finanzsystem, das mit christlichen Idealen nichts gemeinsam hat, überlassen sie einzelnen Christen. Bedenkt man, mit welcher Leidenschaft die ostdeutsche Kirche einst gegen die Diktatur kämpfte und wie viel Engagement evangelische Christen – in den Gemeinden und in der Hierarchie – in das kritische Sozialwort von 1997 investierten, dann wirkt die evangelische Kirche in der gegenwärtigen Krise fast unbeteiligt.
Hehre Ziele und aufmunternde Worte aus dem Evangelium sind zweifelsohne wichtig. Wenn die Kirche jedoch in der Praxis nicht für die Ziele lebt, die sie fordert, wird sie weiter an Bedeutung verlieren.
