Erfolg als Menschenfischer in Asien
Um Sri Lanka hatte Papst Benedikt XVI. stets einen großen Bogen gemacht. Denn er fürchtete – wie mancher defensive, abendländische Glaubenslehrer –, dass die in Sri Lanka beheimateten uralten asiatischen Großreligionen Buddhismus und Hinduismus lächelnd im Stande seien, das Christentum mitsamt seiner Theologie zu absorbieren.
Von solch westlicher Angst, religiös gleichsam verschluckt zu werden, ist der aus der Neuen Welt stammende Papst Franziskus völlig frei. Unbefangen und geradeaus trat er als Versöhner im gespaltenen Sri Lanka auf. Seine direkte Art, den Finger auf die Wunden der traumatisierten Nation zu legen, sorgte für Begeisterung bei den Christen, für viel Sympathie bei der religiösen Minderheit der Muslime, für Genugtuung bei den besiegten hinduistischen Tamilen und für Offenheit beim rund siebzig Prozent der Sri Lanker umfassenden, machthabenden Regierungsvolk, den buddhistischen Singhalesen.
Gegen die Korruption auf den Philippinen
Mit ähnlicher Direktheit agiert der Papst auf den Philippinen. Franziskus thematisierte gleich nach der Ankunft stracks die extreme soziale und wirtschaftliche Ungerechtigkeit der Inselnation mit weit über 80 Millionen Christen, zumeist Katholiken. Es dürfe künftig nicht weiter hingenommen werden, dass die einzige große katholisch geprägte Nation Asiens keine faire Verteilung der Lebens- und Einkommenschancen zustande bringe, ein Land des sozialen Ausschlusses sei, fern jeglicher Chancengleichheit. Franziskus geißelte in diesem Zusammenhang die Korruption auf den Philippinen, die Jahrhunderte lang eine spanische Kolonie waren mitsamt Kolonialkatholizismus und anschließend für Jahrzehnte eine Kolonie der USA.
Schwieriges Terrain in Sri Lanka
Komplexer und zerklüfteter als das »Heimspiel« auf den zu über 85 Prozent katholischen Philippinen war der Papstbesuch auf dem mit 21 Millionen Menschen vergleichsweise kleinen Sri Lanka. Papst Franziskus rief die Volksgruppen auf, ihre Schuld an den Gräueln des Bürgerkrieges einzugestehen und der jeweils anderen Seite zu vergeben. Erst 2009 hatte der 26-jährige Bürgerkrieg der »Tamil Tigers of Eelam« gegen die vom buddhistischen Mönchsklerus unterstützte Regierung der Singhalesen mit einer fürchterlichen Schacht an der Nordostküste und der vernichtenden Niederlage der Tamilen geendet.
Wer heute den von der Regierung zeitweise abgesperrten, ansonsten kleinlich in DDR-Manier kontrollierten tamilischen Norden bereist, fährt durch zerstörtes Kriegsgebiet. Dort leben die besiegten Tamilen zumeist im Elend. Während alle paar Kilometer eine befestigte Militärstellung der Regierungsarmee – stets mit Buddha-Schrein, der nächtens elektrisch angestrahlt wird – den mühsamen, blutigen Sieg von 2009 festbetoniert.
Franziskus sagte vor Hunderttausenden Gläubigen im Marienheiligtum von Madhu in der Tamilenregion im Nordwesten des Landes: »Viele Menschen aus dem Norden wie aus dem Süden wurden in diesen Jahren der schrecklichen Gewalt und des Blutvergießens getötet.« Die Tamilen, deren Sprache und Schrift sich vom Singhalesischen stark unterscheidet, hatten mit Terrorkrieg, auch mit Selbstmordattentaten für einen eigenen Staat gekämpft. Doch sie waren der Feuerwalze der Regierungsarmee unterlegen.
Tief Spaltung der Kirche überwinden
Wie die Nation, so waren bis zum Besuch von Franziskus auch die Katholiken Sri Lankas gespalten. Die Mehrzahl der zwölf Bistümer liegt im singhalesischen Siegerland. Doch die Diözesen im tamilischen Norden wie Jaffna oder Madhu fristeten ein armseliges, vom Militär streng überwachtes Leben. Den Protest der Nordbistümer gegen Vergewaltigungen, Verschleppungen und Menschenrechtsverletzungen bügelte die singhalesische Mehrheit in der Bischofskonferenz nicht selten ab. Oder sie milderte den Protest der nördlichen Glaubensbrüder bis zur politischen Wirkungslosigkeit.
Als der Vielreisepapst Johannes Paul II. einst Sri Lanka besuchte, hielt er sich nur im singhalesischen Süden auf. Erfreulicherweise hat Franziskus nun die kirchliche Nichtachtung und Blockade der tamilischen Katholiken durchbrochen.
Theologisch galt Sri Lanka den Römern seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil als gefahrvolles Gebiet. Denn Theologen wie der Jesuit Aloisius Pieris und der Oblaten-Pater Tissa Balasuriya entwickelten die tolerante Religionstheologie. Sie setzten auf den offenen Dialog mit den großen Religionen Asiens. Balasuriya tat dies viele Jahre lang als Chef-Coach der FABC, der Federation of Asian Bishops' Conferences, der Vereinigung der katholischen Bischofskonferenzen Asiens. Und Kardinal Ratzinger ließ seit 1996 als Chef der Glaubenskongregation nichts unversucht, um die aufmüpfigen Theologen und Theologinnen Sri Lankas zu exkommunizieren oder anderweitig zur Strecke zu bringen. Mit nur wenig Erfolg, denn deren optimistischer und offener Geist hatte sich längst in den Kirchen und unter den Theologen des bevölkerungsreichsten Kontinents verbreitet. Dort wirkt die srilankische Theologie weiter.
Die Rolle des kirchenpolitischen Kampfhundes hatte Rom den 2009 von Benedikt XVI. zum Kardinal erhobenen Erzbischof der Hauptstadt Colombo, Malcolm Ranjith, zugedacht. Ein echter römischer Hardliner in den Tropen. Doch ihm hat Papst Franziskus nun klar gemacht, dass er künftig vereinen und versöhnen müsse und nicht weiter von oben spalten dürfe – weder kirchenpolitisch noch theologisch.
